Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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— 17 — den Chatai Frieden schloß, sah ich beim Eintritte in die Moschee zu Kaschgar einen lieblichen Knaben, der die Syntax des Samachschari in der Hand hatte und las: „Seid schlug den Amr, Amr ist das Object." Ich sagte: „O Knabe, Charism und Chatai haben Frieden geschlossen, werden denn Seid und Amr stets in Feindschaft leben?" — Seid und Amr sind nämlich willkürlich gewählte Eigennamen und der angeführte Satz eines der zu grammatischen Formen häufig Verwendeten Beispiele. Es ist also sicherlich keine speciell deutsche Pedanterie, die Jugend in der Grammatik der eigenen Sprache unterrichten zu wollen; es ist eher eine allgemein menschliche Methode zu nennen. Darum könnte es freilich immerhin ein Jrrthum und ebenso verwerflich oder doch überflüssig als allgemein sein. Wenn wir uns auch nicht mehr auf die Autorität anderer Völker und Zeiten berufen können, um den grammatischen Unterricht zu verwerfen, so mag man doch willig auf dieselbe verzichten, nachdem sie zu dessen Gunsten spricht. Prüfen wir daher lieber an der Sache selbst, was die Sprachlehre der Sprache zu sein und zu leisten vermag. IV. Vermittelung der hochdeutschen Grammatikz.durch die Mundart. Man sieht leicht, daß wo Fehler gemacht werden können, auch eine Lehre möglich sein muß, dieselben zu vermeiden. Eine wirkliche Naturthätigkeit läßt keines von beiden zu. Man kann weder athmen noch wachsen lernen, sowie man auch keine Fehler gegen die Gesetze der Athmung und des Wachsthums begehen kann. Nun steht es aber fest, daß es jedem Deutschen wohl einmal begegnen kann, gelegentlich einen Sprachfehler zu sprechen. Dem Versuche, die deutsche Sprachlehre durch die Entschuldigung zu retten, daß die neuhochdeutsche Sprache gleichsam ein Kunstproduct sei, eine Entschuldigung, die wohl so ziemlich auf die Sprachen aller Völker wird ausgedehnt werden müssen, die überhaupt in der Lage sind, sich unsere Frage vorzulegen — diesem Versuche lag stillschweigend die Vorstellung von Sprachen zu Grunde, die Naturproduct und darum nicht Lehrgegenstand sein sollten. Ich sehe jedoch nicht, wie die Mundart sich wesentlich anders als die vermeintlich künstliche Sprache verhalten könnte. Die Vorstellung, als ob das Sprechen eine organische Thätigkeit des Menschen sei, ist irrig, oder doch unklar. Der Mensch, sich selbst überlassen, spricht nicht. Er verdankt die besondere Gestalt seiner Sprache der Tradition, und wenn man etwas hierbei organisch nennen will, so ist es nur der unbestimmte Reiz und die Fähigkeit, überhaupt zu sprechen. Die besondere Gestalt der Sprache aber, die dem Einzelnen überliefert wird, das heißt, jeder Laut, jedes Wort, das wir sprechen, und nur darum sprechen, weil wir es so von Eltern, Ammen, Lehrern oder Kindheitsgenossen gehört haben — alles dieses ist entstanden durch das Zusammenwirken von Millionen, die vor uns gewesen sind. Die Wirkung der Masse ist hierbei so groß, daß das Streben des Einzelnen daneben völlig machtlos ist, und das gemeinschaftliche Resultat des bewußtlosen, nach keinem Plane verfahrenden Handelns zahlloser Generationen zur Schöpfung der Sprache kann allerdings, was die Ueberlegenheit gegenüber dem Menschenwerke und die Gesetzmäßigkeit der von keinem willkürlichen Eingreifen gestörten Entstehung betrifft, ein Naturerzeugniß heißen. 3