Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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— 14 — ziehen; niemals erwächst der Gattung aus einem solchen ausgezeichneten Individuum ein Gewinn. Aber der Mensch wirkt auf Andere seines Gleichen, seine Gaben verzehren sich nicht ungenutzt, sie fördern seine Umgebung, ziehen sie mit empor, erregen ihre Aufmerksamkeit und Nacheiferimg, sowie ihre Verehrung: daher gibt es große Menschen und keine großen Thiere. Diese Wirkung des Individuums dürfen wir aber niemals aus der Menschheit wegdenken, und sie ist auch in der Sprache von jeher vorhanden. In einem gewissen Sinne gibt es von jeher Classiker und jederzeit eine Art von Gegensatz zwischen Gebildeten und Ungebildeten. So muß denn auch der Gegensatz der niederen und höheren Sprache sich überall von selbst ergeben; heilige Lieder, Reden in Versammlungen der Stämme bilden den Kern einer Literatursprache; und je größer der teilnehmende Kreis wird, je Mehreren dieselben Lieder heilig sind und der Antheil an ihrer Dichtung offen steht, oder, je mehr verschiedene Stämme auf gemeinsamen Berathungen zu verkehren pflegen, um so weiter wird sich die Literatursprache von der Mundart entfernen, indem der Kreis der Sänger oder Redner an die Stelle des Volkstammes tritt, und sprachbildend wird wie dieser. Die Vertretung von ganz Deutschland auf den Reichstagen, die allgemeine Verbreitung und Wirkung der lutherischen Bibel — sie hat ihre Analogie in der fernsten Urzeit. Andererseits können selbst die künstlichen Dialectliteraturen unserer Zeit sich der Einwirkung der gebildeten Schriftsprache nicht entziehen, wenn sie sich über das Niedrige und Komische erheben wollen. Auch bemerken die Dialectforscher meistens, daß die geschriebenen Proben kein ganz Zulänglicher Ausdruck der lebendigen Mundart seien. Sobald übrigens eine Dialecttiteratur über den ersten Versuch hinauskommt, wiederholt sich in ihr derselbe Prozeß, der von jeher bei der Entstehung der Literaturen gewaltet hat. Schon ein zweiter Dichter alemannischer Gedichte würde, bewußt oder unbewußt, nicht mehr blos aus seiner Mundart, sondern eben so sehr aus Hebel schöpfen. Wie verhält sich nun jenen höheren Sprachen, den Literatur- und Schriftsprachen gegenüber das Studium des Einzelnen? Grimm hat gesagt, daß ein deutscher Unterricht für Deutsche eine Pedanterie sei, die es Mühe kosten würde, einem wieder auferstandenen Griechen oder Römer nur begreiflich zu machen, sowie, daß es den meisten mitlebenden Völkern schwerlich in solchem Ernste beigefallen sei, ihre eigene Landessprache unter die Gegenstände des Schulunterrichtes aufzunehmen. Indessen haben doch wenigstens die Franzosen seit lange die Grammatik, als „die Kunst correct zu sprechen und zu schreiben", sogar noch einseitiger für unumgänglich nothwendig gehalten. Und was die Griechen und Römer betrifft, so steht die Sache, wie wir jetzt wissen, ganz umgekehrt. Die einheimische Grammatik war in Rom ein sehr angesehener, hochwichtiger Gegellstand. Cäsar selbst schrieb eine lateinische Grammatik. Ebenso Plinius, der berühmte Verfasser der Naturgeschichte, der Humboldt des alten Roms. Quinctilian nennt die Grammatik eine Kunst, die den Knaben nothwendig, den Greisen angenehm sei. Grammatische Fragen, ja Spitzfindigkeiten waren im römischen Alterthum tiberall, selbst an der kaiserlichen Tafel willkommene Gegenstände der Unterhaltung. Und die lateinische Sprache hat mit der neuhochdeutschen sogar auch das gemein, daß die ersten Anfänge ihrer Literatur sogleich auch von grammatischen Schriften begleitet und beeinflußt waren. Dem alten Satyrendichter Lucilius, dem um ein Jahrhundert älteren Vorgänger des Horaz, wird eine Schrift über Orthographie, ja schon Ennius ein Buch „über die Buchstaben und Silben" zugeschrieben. Gerade jene ältesten Dichter und Schriftsteller erlaubten sich die Sprache am kühnsten zu meistern und sie nach grammatischen Beobachtungen umbilden, regelmäßiger machen zu wollen. Varro sagt z. B., man müsse von soleo, pflegen, solui bilden, wie Cato und