Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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— 13 — die zu ihrer Bildung beigetragen hab-n, gehören auch ganz verschiedenen Svrachstämmen an, während Normannen und Angelsachsen doch mindestens beide Jndogermanen sind. Ja es siegelt sich in jenen orientalischen Sprachgemengen die ganze Ruinenwelt des modernen Orients, der Schutt untergegangener Religionen mit ihren Literaturen wieder. Um also zu einer Sprache von weniger paviernem Ursprung zu gelangen, müssen wir uns wohl an die todten wenden. Der große Gegensatz antiker und moderner Sprachen ist nun allerdings nicht zu verkennen. Besonders ist die Mischung mit fremden Bestandteilen in den alten Sprachen verhältnißmäßig sehr unbedeutend. Aber wenn bei der Sprache irgendwo von einem Kunstproduct gesprochen werden kann, so ist die in Schriften uns vorliegende Sprache em solches. Die Römer kamen erst durch gelehrte Bekanntschaft mit der griechischen Literatur auf den Gedanken, ihre Sprache zu schreiben, ja die Ersten, die dies wagten, waren selbst Griechen. In bewußter Nachahmung wurden Verssorm, Satzball und Wortbildungen aus griechischen Schriften oft selavisch übertragen, wie dies ganz ebenso in den althochdeutschen Schriftwerken dem Lateinischen gegenüber zu bemerken ist. Auch der Gegensatz zwischeu Dialeet und Schriftsprache findet sich überall, selbst bei den Griechen, obgleich diese in ihren Dialeeten schrieben. Hat Demo st Heu es etwa seine Sprache unmittelbar aus den Gesprächen der athenischen Handwerker aufgegriffen? hat er nichts aus den hinterlassenen Schriften der Redner vor ihm'gelernt? Von Thucvdides wissen wir, daß er der Schüler des Redners Antiphon gewesen ist. Der Periodenbau und überhaupt der prosaische Stvl, jener große Fortschritt in der Kunst des Ausdrucks, den wir mit so unendlich vielen: Anderen den Griechen verdanken, er ist nicht mit einemmale vollendet worden; er ist ein Product wissenschaftlicher Schule, des Studiums schriftlicher Muster; die attischen Schriftsteller lernten vou den jonischen Philosophen, wie die attischen Dichter von Pindar und Homer. Das Gewicht, welches für die hochdeutsche Sprache auf das Schreiben gesetzt wird, ist übrigens ungerechtfertigt. Scholl die ältesten Grammatiker stellen den Gebrauch des Hochdeutschen im Schreiben und Sprechen gleich. Selbst für die heutige Zeit wird der Gegensatz zwischen der Schriftsprache und der gesprochenen Mundart für einige Pnnkte Mitteldeutschlands ohne Zweifel übertrieben. Nico laus von Jeroschin, einer jener Schriftsteller, dessen Sprache Pfeiffer zur Ausstellung der Lehre von der mitteldeutschen Mundart veranlagen, sagt uns in seiner Reimchronik des deutschen Ordens, in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, daß er wenig Deutsch könne, außer dem was ihn seine Mutter, die ihn nährte, gelehrt, daher auch seine Lippen nicht so Med liovelieuin sittin und sxreekiri uieut so Nu seien ll. 304 ff.). Man konnte also schon damals mehr deutsch wissen, als was man gleichsam mit der Muttermilch eingesogen, mehr als die Mundart, nämlich die höhere, höfische Sprache; und die Sprache der mittelhochdeutschen Dichter selbst war ohne Zweifel eben so sehr und eben so wenig bloße Schriftsprache als die neuhochdeutsche. Das Deutsche unterscheidet sich in seiner Entwickeluug auch hier nicht von dem allgemeinen Gange aller Cultursprachen der Welt. So wichtig die Schrift auch ist, so ist die Schöpfung sprachlicher Kunstwerke doch ohne sie möglich und geht in einem gewissen Grade ihr sogar überall voraus. Der Mensch hat überall auch Ideales auszusprechen; er bedient sich von den frühesten Anfängen an der Sprache nicht blos zu alltäglichem, niedrigem Gebrauche. Auch muß man sich hüten, den Gegensatz der Mundarten als den allein natürlichen zu betrachten. Tief in der wesentlichen Natur des Menschen ist auch der Gegensatz der Begabungen begründet. Ein begabtes Thier — es gibt deren ohne Zweifel — findet selten Raum, Vortheil für sich von seinen Vorzügen zu