Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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— 12 — würde ganz und gar irrig sein. Auf sämmtliche Sprachen der Culturvölker der Gegenwart hat die Literatur einen mindestens ebensogroßen Einfluß geübt, und sie alle stehen in einem ähnlichen, meistens noch stärkeren Gegensatze, sowohl gegen die Mundarten, als gegen frühere Schriftsprachen, auf deren Trümmern sie ruhen. Was würde man, von einem solchen Vorurtheile für die Mundarten aus von den romanischen Sprachen, oder der aus dem verschiedenartigsten Gerolle zusammengesetzten englischen sagen, in welcher selbst die angelsächsischen Bestandtheile zu winzigen Skeletten ohne alles Leben zusammengeschrumpft sind, und die gleichwohl nicht nur eine der brauchbarsten, sondern auch eine der poetischsten und überdies die verbreiterte und unter den höchstgebildeten Menschen verbrettete Sprache ist? Klop stock, der eigentliche Schöpfer unserer Poesie, der vaterländisch begeisterte Verehrer unserer Sprache, deren edelster Liebling er war, vergleicht die sprachmengerische Ausdrucksweise der Engländer einen: Gemälde mit Oelfarben, in dem aber zugleich hier eine Hand, dort ein Fuß, und da wohl gar ein Kopf, bald in Pastell und bald mit Wasserfarben, dies noch dazu mit keiner guten Austragung, gemalt sind. Er hat die seltsame Wortmischung durch eine Übersetzung der Anrede Milton's an das Licht anschaulich gemacht, in der es z. B. heißt: „Sei gegrüßet, heiliges Licht, erstgeborener Sohn des Himmels, oder des Eternellen coeterneller Strahl! Aber darf ich dich unblamirt exprimiren? Denn Gott ist Licht, und wohnte von Eternität Hernie anderswo als in unapprochirtem Lichte, wohnte in dir, helle Effluenz der hellen uncreirten Essenz. . . Dich revisitire ich salvirt, und fühle deine souveraine vitale Lampe: allein du revisitirest diese Augen nicht, die en vain sich rollen deinen percirenden Rayon zu finden, aber selbst nicht Dämmerung finden; so hat ein drcker serener Tropfen ihre Orbe ausgelöscht, oder irübende Suffusion sie velirt. Dennoch cessire ich nicht zu wallen, wo mich die Musen besuchen, der klare Quell, oder schattige Wald, oder sonnenhelle Hügel mich zur Liebe des sacrirten Gesangs hinreißt^)". Geistreich sagt Leib nitz: „Rom ist durch Aufnehmung der Fremden groß und mächtig worden; Holland istMrch Zulauf der Leute, wie durch den Zufluß seiner Ströhme aufgeschwollen; die Englische Sprache hat alles angenommen, und wann jedermann das Seinige abfordern wolte, würde es den Engländern gehen, wie der Esopischen Krähe, da andere Vögel ihre Federn wieder geholet.KWir Teutschen haben es weniger von Nöthen als andere, müssen uns aber dieses nützlichen Rechts nicht gänzlich begeben ^)." Das Neuschwedische und Dänische ist sogar von der neuhochdeutschen Schriftsprache selbst überfluthet und ganz aus seinen altnordischen Angeln gerissen worden. Tausende von Wörtern, deren Bestandtheile nur hochdeutsch sind und im Nordischen nicht heimisch waren, sind nur nothdürftig den scandinavischen Lautgewohnheiten angepaßt und so in den Sprachschatz aufgenommen worden, und schon die Leichtigkeit mit der ein Deutscher ein schwedisches Buch zu lesen lernt, verglichen mit der Fremdartigkeit der alten Literatur, zeigt, daß Formenbildung und Syntax von gleichen Einflüssen nicht unberührt geblieben sind. Aehnliches gilt von dem Holländischen. Und ist etwa das Verhältniß der modernen Sprachen Asiens ein anderes? Das Persische, die Sprachen Indiens, das Türkische, sie sind in noch höherem Grade Mischsprachen, künstliche Producte, wenn man ein solches Gebilde so nennen will, als selbst das Englische. Denn in der Form zum Theil ebenso sehr verarm:, setzen sie sich nicht nur aus noch zahlreicheren Elementen zusammen, sondern die Sprachen, 1) Vom edlen Ausdrucke. Fragment. Sprachw. Schriften, II. S. 285 ff. 2) Unvorgreifliche Gedanken, 68.