Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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— 11 — In demselben Jahre 1578 erschien aber des Clajus ^(^i-ammatiea. Kerraauieae lin^uae", welche, wie schon der Titel sagte, die deutscher Sprache „nach Luthers deutscher Bibel und seinen übrigen Schriften" lehrte. Und schon Fabian Frangk hatte in „Teutscher Sprach Art und Engenschafft" (Frankfurt a. M. 1531) gesagt, daß die hochdeutsche Sprache nirgends rein gesprochen werde, und daß für den, welcher „rechtförmig Teutsch schreiben, odder reden will", das Beste sei, „das man guoter Exemplar warueme, das ist, guotter Teutscher Buecher und verbrieffungen, schrifftlich oder im Truck verfaßt vnd außgangen, die mit fleisse lese, vnd jenen in dem das anzunehmen vnd recht ist, nachuolge. Vnder woelchenn mir etwan des tewren (hochoblicher gedechtnuß) Keyser Maximilians Cantzlei, vnnd diser zei: D. Luthers schreiben, vnd dz vnuerfaelschet, die emendirtsten und reynsten zlchanden komnlen sein^)." Als Resultat dieser Untersuchungen solgen nun Raumer, daß die hochdeutsche Sprache eine bloße S chriftsprache sei. Schleicher wirft unserer Sprache diesen ihren „papierenen Ursprung, den sie an der Stirn trage", bitter vor. „Sie ist eine auf dem Papier entstandene Sprache, entstanden allmählich durch den schriftlichen Gebrauch selbst, der stets der Sprache einen gewissen Tnpus zu verleihen pflegt, und durch Mischung von Mundarten, unter denen selbst das Niederdeutsche nicht ganz unvertreten ist, das Oesterreichische aber eine hauptsächliche Nolle spielt." Kein deutscher Stamm sprach oder spricht diese Sprache, nirgends hört man unsere Schriftsprache im Munde des eigentlichen Volkes. Diese Eigentümlichkeit des Neuhochdeutschen ist die Ursache seiner sprachlichen Unnatürlichkeü, denn in der That unnatürlich, ja monströs ist in manchen Lauten und Formen unsere neuhochdeutsche Schriftsprache; sie ist kein am lebendigen Baum der deutschen Sprache unbewußt und naturgemäß hervorgesproßtes Reis, sondern vielmehr etwas in vielen Stücken durch Einfluß des menschlichen Willens absichtlich gebildetes und zusammengewürfeltes." Schleicher findet eben darin, daß das Hochdeutsche keine Mundart sei, also in dem was seine sprachliche Unvolltommenheit bedinge, die Quelle seiner hohen, für die Nation unschätzbaren Bedeutung. Denn nur das, was keinem Stamm angehöre, könne allen gemeinsam sein, ohne Eifersucht zu erregen. „So ist also der Werth dieser Sprache nicht in ihrem sprachlichen Wesen selbst, sondern in ihrem Gebrauche, ihrer Anwendung zu suchen ^)." III. Wesen der Cultursvrache. Sprachmengnng. Literatursprachen des Alterthums. Uerhaltniß der Mundart zur Sprache. Bedeutung der Grammatik. Die National-Grammatik der Römer, Griechen, Inder und Araber. Lob und Tadel, welche hier unserer deutschen Sprache, wie sie gegenwärtig nun einmal ist, und uns doch eben einzig und allein Muttersprache ist und bleibt, gespendet werden, ebenso die geschichtlichen Anschauungen über ihren papiernen Ursprung, ihr bloß schriftsprachliches Wesen, und endlich die Folgerungen über die Art, wie sie unter Vermittlung wirklicher Mundarten zu lehren sei: dies alles scheint auf der Meinung zu beruhen, daß wir es hier mit einem ganz besonderen, oder doch wenigstens einem abnormen Vorgange zu thun hätten. Aber eine solche Meinung 1) Raumer's Abhandlung in Geschichte der Pädagogik, S. 28. 2) Schleicher, Die deutsche Sprache (1660), S. 105. 2*