Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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— 6 — So trat denn an die Stelle der Verachtung, die man bis dahin gegen die alte Zeit gehegt, welche noch so gar nichts von der verfeinerten Cultur des 18. Jahrhunderts besaß, die höchste Ehrfurcht gegen die Natur und den unbewußt schöpferischen Zustand des menschlichen Geistes. Was man als unregelmäßig betrachtet und höchstens entschuldigt oder als einen nicht mehr zu beseitigenden Auswuchs geduldet, ja was man als Sprache des Pöbels nicht geringschätzig genug zu behandeln gewußt hatte, es zeigte sich sehr oft als das Ursprüngliche, Reinere, tiefer Begründete. Was Wunder, daß nun alle Regeln der Sprachlehre als Mißgriffe, als unerträgliche Anmaßung erscheinen mußten? Adelung hatte, indem er allerdings die Entstehung der Sprache und ihrer Formen ebenfalls aus unklaren Vorstellungen herleitete, doch zugleich eine so eitle Meinung von der Aufklärung des Verstandes und des Geschmackes, daß er es für eine Aufgabe der Gelehrsamkeit hielt, die Sprache zu „verfeinern" und „auszubilden", und überall eine solche willkürliche Einwirkung voraussetzte. Nach ihm wandte Luther die Veränderungen, die „er zum Theil schon in der Mundart des Landes fand, worin er geboren war und lehrte", in „Schriften auf die alte oberdeutsche Mundart an, welche für den jetzigen Zustand der Sitten und Wissenschaften zu rauh und unbiegsam war" .... „Hätten wichtigere Beschäftigungen ihm erlaubt, der Sprache, die für ihn nur Nebenwerk war, mehr Muße und Nachdenken zu widmen, so würde er es sowohl in der Orthographie, als auch in der grammatischen Richtigkeit weiter gebracht haben." Natürlich liegt der Gedanke hier nahe, daß auch jetzt noch das Nachdenken über die Sprache die Aufgabe habe, die Sprache weiter auszubilden, und daß die „deutlichen Begriffe", die der Grammatiker verbreitet, hierzu vor Allem wirksam sein werden. Diese Ansprüche weist Grimm mit dem größten Rechte zurück. Die Sprache ist Naturproduct; es kann nicht die Aufgabe des gelehrten Nachdenkens, des Verstandes sein, an ihr zu bessern. Aber er geht weiter; er will die Sprache überhaupt nicht lehren lassen. Seine Vorgänger hatten den Sprachlehrer mit dem Sprach bildner verwechselt. Grimm stellte Beiden den Sprachfors cher als allein berechtigt gegenüber. Denn wenn die Sprache ein Naturproduct ist, so kann sie von den Menschen nicht nur nicht gemacht, sondern auch nicht gelehrt, vielmehr nur, wie die sichtbare Natur, betrachtet, erforscht werden. So wahr, so bedeutungsvoll und wirkungsreich das Naturgefühl war, das sich in einer solchen Anschauung von der Sprache ausdrückt, so dürfen wir uns doch nicht verhehlen, daß hier Jrrthümer verborgen sind, und daß, was insbesondere das practische Ergebniß betrifft, die willkürliche Sprachverbesserung freilich verwerflich, Sprachlehre dagegen neben der Sprachforschung sehr wohl berechtigt, ja unenentbehrlich ist. Rud. v. Raum er ging in seinem Gegensatze gegen Grimm in der Verteidigung eines deutschen Sprachunterrichts zunächst von der practischen Beobachtung der Gegenwart aus. Er wandte sich sodann „an die Geschichte und untersuchte einen großen Theil der vom Jahr 1531 bis auf Adelung erschienenen Grammatiken. Das Ergebniß war, daß diese Grammatiken und die schulmäßige Behandlung des Deutschen überhaupt auf das engste zusammenhängen mit der Entstehung und Festsetzung der Schriftsprache .... Da nun das Ergebniß dieser geschichtlichen Untersuchungen genau zusammenstimmte mit dem wirklichen practischen Bedürfniß des Unterrichts im Deutschen, so stellte sich die Aufgabe der Schule für diesen Lehrzweig dahin fest: ihre Aufgabe ist die Ueberlieferung der hochdeutschen S chriftsprach e und der in ihr niedergelegten Literatur. Denn nicht die Mundart, die das Kind ohne Unterricht in seiner Familie erwirbt, son-