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Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1870-01-01 · 1870 · page 4

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was von den rohen Naturmenschen nur nach dunkeln Vorstellungen gebildet worden sei, deutliche Begriffe zu verbreiten. Die Gesetze der Sprache waren ihm nicht Naturgesetze, wie der Lauf der Gestirne oder das Wachsthum unseres Körpers; er suchte sie vielmehr kennen zu lernen, um sie zu befolgen, wie man die Regeln einer Kunst oder eines Handwerks lernen kann, und gab daher seiner deutschen Grammatik den stolzen Titel: „Umständliches Lehrgebäude der deutschen Sprache." Dabei suchte er den Urzustand der Sprache in fast unmittelbarer Nähe hinter ihrer gegenwärtigen Stufe und glaubte eine Menge von Spracherscheinungen allein durch Hinweis auf ihre ursprüngliche Rohheit erklären zu können. — Gibt es, wie Gottsched vermuthet hatte, innerhalb der Unregelmäßigkeit der jetzt sogenannten starken Conjugation Vielleicht „dennoch eine gewisse Ordnung, die sich nach Regeln richtet?" Melung meint, Gottsched würde nicht auf so etwas gerathen haben, „hätte er das Geringste von dem Bau der Sprache verstanden." „Der Grund der „„Regeln"", wonach man gebe, gab, gegeben, aber trage, trug, getragen u. s. w. sagt, liegt in der Kindheit der Sprache, da sie noch nach der dunkeln Empfindung des Hörbaren gebildet und ausgebildet wurde. Das ist ihr einziger und wahrer Grund." „Wären die Spracherfinder lauter Leibnitze und Newton 's gewesen, welche die Sprache als ein Spiel der Erfindungskraft ihren Enkeln aufgestellt hätten, so könnte man wohl so tiefe und verborgene Gründe vermuthen, die alle Sprachlehrer bisher noch nicht entdecken können. Allein da sie rohe, sinnliche Menschen waren, so müßten ihre Gründe längst bekannt sein, wenn sie einer klaren Vorstellung fähig wären, und sich nicht eben so auf das Hörbare gründeten, als die Einrichtung des Geschlechtes, des Plurales, der Declination u. s. f." (Lehrg. x. XI.VI.) — Von der Sprache der Deutschen zur Zeit des Tacitus sagt Adelung: „Ein noch so ungebildetes Volk hat wenig und dazu größtentheils nur sinnliche Begriffe, seine Sprache kann daher nicht anders als äußerst arm sein. Es hat grobe und ungeschlachte Sprach Werkzeuge und kann daher die wenigen Begriffe, die es hat, nicht anders als durch rauhe und ungeschlachte Töne ausdrücken." Er meint, daß „die damalige deutsche Sprache einsilbig, durch gehäufte Consonanten, Hauchlaute und tiefe Vocale hart und rauh, und wohl einige der nöthigsten, aber nicht alle Biegungen vorhanden gewesen wären", und selbst von der bewundernswertheu gothischen Sprache zur Zeit der Bibelübersetzung des Ulphilas in der Mitte des vierten Jahrhunderts behauptet er, sie sei „damals noch sehr roh und ungeschlacht" gewesen. Wie ganz -anders fand sich das alles, als Jacob Grimm mit dem Zauberstabe des Genius die alte^ verschollene Herrlichkeit der deutschen Sprache und Vorzeit zum Leben zurückrief und statt dürftiger Anfänge ungeahnten, ja überwältigenden Reichthum enthüllte! „Die alte Sprache und Dichtung", sagt er, „sind reiner, unbewußter, dem himmlischen Ursprung noch näher, darum großartiger, die neuen unter den Menschenhänden arm und verwickelt geworden. Die Vorstellung, welche man sich von der Rohheit der Deutschen und ihrer Sprache zu Tacitus Zeiten macht, ist nichtig und sogar abgeschmackt .... Was die Biegungen angehl, so bin ich völlig gewiß, daß sie zu jener Zeit vollkommener und vollständiger waren als je nachher. An Wohllaut, vollem, starkem und weichem, kann es gar nicht gefehlt haben, und schon die Vortrefflichkeit der Flexion mußte ihn mit sich führen .... Es wäre auch unmöglich, daß sich in der späteren Zeit, im Gothischen des vierten und in: Hochdeutschen des siebenten bis neunten Jahrhunderts plötzlich eine Fülle von Wohllaut, Biegungsfähigkeit und Vorhandensein aller Sprachverhältnisse aufgethan hätte, wie sie erweislich ist; umgekehrt fordert der Gang der Geschichte, daß sie damals schon beträchtlich gesunken erscheine". (D. Gr. 1^ S. XXVIII f.)

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