Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 52 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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frlfc WAHRHEIT »Öii)illlöll!lill)ÖMiiailM Seite 15 Vewöffenttidkun der Mnion deutsdköstetteidhisdfoev Jmden Wien IX. t&eaü&assG * &ostss&mttkaa3en- Jtfonfo JQTr. £TcI. 10-2-7? Der „wahre" Zionismus. Zu unserer seinerzeit gebrachten Entgegnung in Nr. 42 der „Wahrheit" auf den Angriff der Berliner „Jüdischen Rundschau" gegen unsere YViedergabe eines Artikels aus der Feder , des bekannten polnischen Zionistenführers und Sejmabgeordneten Jizchak Grünbaum im Jargonblatt „Der Hajnt", betitelt: „Der Niedergang des Zionismus", schreibt uns noch unser Gewährsmann (infolge Erkrankung etwas verspätet) : Daß die Berliner Zionisten gerade diejenige Stelle des Artikels, die von einer Bemäntelung der wahren zionistischen Ziele, nämlich der Diasporapolitik, durch den Palästinaaufbau spricht, mit Unbehagen aufnehmen mußten, ist psychologisch sehr begreiflich. Hat doch Grünbaum mit einer wirklich anerkennenswerten Offenheit aus der Schule geplaudert und den Schleier gerade von derjenigen wunden Stelle in der Auseinandersetzung zwischen Zionisten und ihren Gegnern, an der sich die Leidenschaften am heftigsten entzünden, gelüftet. Kein Wunder also, daß Grünbaum selbst vor diesem offenherzigen Bekenntnis nachher erschrak und laut „Jüdischer Rundschau" diese Aeußerungen glatt wegleugnete, indem er sie als böswillige Mystifikation, respektive als absichtlich entstellte Uebersetzung bezeichnete. Der ganze Artikel, der in Polen seinerzeit großes Aufsehen erregte, da er nichts anderes als einen Nekrolog auf den Zusammenbruch der zionistischen Bewegung darstellt, klingt in einem Appell an die „jüdische Gasse" (jüdische Oeffentlichkeit) aus, den Kampf gegen die geschlagenen Führer des heutigen Zionismus (Weizmann usw.) aufzunehmen und sich endlich offen zum eigentlichen Ziel zu bekennen, nämlich zur nationalen Aufrüttelung der Massen und zur zionistischen Diasporapolitik (Landespolitik), wozu man sich des Palästinaaufbaues nur als Vorwand bedienen solle. Der entsprechende Abschnitt lautet in streng wörtlicher Uebersetzung des Jargontextes (daher in einem etwas schwerfälligeren Deutsch): „Es ist schon die höchste Zeit gekommen, herauszureißen den Zionismus und die zionistische Organisation von solchen Händen (gemeint die derzeitige Leitung Weizmann usw.). Je länger sie anführen werden, desto ärger wird die innere Lage werden, desto größer die Zerrüttung, desto stärkerdie Feinde des jüdisch-nationalen Aufiebens von rechts und links. Die Zeit und ihre Stimmung fordern von uns, daß wir uns herausstürzen in die jüdische Gasse (gemeint die breite jüdische Oeffentlichkeit) mit unserem wahren Zionismus (im Text: „mit dem Emes von Zionismus"), daß wir unverschleiert und unbefleckt den Kampf für ihn (nämlich für den wahren Zionismus) erneuern, nicht mit der Losung des Palästinaaufbaues. sondern mit der Losung desjenigen Zionismus, der das nationale Wiedererwachen des Volkes bedeutet (im Text: das Wiederaufleben), seine Befreiung und Auslösung vom Qaluth. Die Aufbauarbeit ist bloß ein Mittel, das nicht das eigentliche Kampfziel verdecken darf (dieser letzte Satz ist streng wörtlich übersetzt)." Grünbaum unterscheidet also ganz offensichtlich zwischen den „wahren" Zielen des Zionismus, nämlich der nationalen Diasporapolitik, und dem zur Schau getragenen, wohl also für die nichtzionistischen Keren-Hajessod-Zahler bestimmten Palästinaaufbau. Was Grünbaum im letzten Satz negativ ausdrückt, wurde hier positiv gefaßt. Ja, noch mehr: Grünbaum geht eigentlich noch weit über die von der „Wahrheit" wiedergegebene Fassung hinaus; er will den „Emes" des Zionismus, d. i. die Diasporapolitik, offen in die Gasse hinausschreien, also mit der bisherigen Methode, nur in internen Kreisen davon zu sprechen, brechen. „Wir müssen uns mit unserem wahren Zionismus in die Gasse1 hinausstürzen." Grünbaum hat allen Grund zu diesem Verzweiflungsschrei: die Nachricht von der Sperrung der hebräischen Schulen in Palästina infolge des Streikes der hungernden, meistenteils aus Polen stammenden Lehrer wirkt konsternierend und ernüchternd auf die jüdischen Massen in Polen. Nach der vernichtenden Niederlage der Zionisten bei den letzten Gemeinderatswahlen in Polen bereitet sich jetzt zu den bevorstehenden Sejmwahlen ein neues D e b a k 1 e für die zionistischen „Führer ohne Anhang" vor. Grünbaums Klagelied wird sich nach den Sejmwahlen noch mehr bewahrheiten. Dr. F. S. Eine aufgebauschte Affäre. Der für den deutschen „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" so erfolgreich verlaufene Breslauer Bundestag, über den wir in Nr. 47 unseres Blattes berichtet haben, war leider noch von einem Nachspiel begleitet, das, wie wir glauben, zumindest nicht vor breitester Oeffentlichkeit sich hätte abspielen müssen. Es handelt sich kurz um folgendes: Mehrere jüdischnationale Blätter (natürlich auch unsere „Neue Welt") teilten der jüdischen Oeffentlichkeit einen ihrer Meinung nach von „Ghetto-Gesinnung" zeugenden Vorfall mit: . Der Leiter der Breslauer Kundgebung . und Landesverbandsvorsitzende für Schlesien, Dr. Ernst F r a e n k e 1. der gleichzeitig 1. Vorsitzender der Breslauer R.-j.-F.-Ortsgruppe ist, sollte den Oberpräsidenten der Provinz Niederschlesien dadurch desavouiert haben, daß er 1. dessen Vertreter, Regierungsrat Dr. Markus, der gleichzeitig Mitglied des Frontbundes ist, bei der Kundgebung trotz dessen Willen das Wort zur Begrüßung nicht erteilte: 2. dadurch daß er sich dahin geäußert habe, es sei zu mißbilligen, daß der Oberpräsident sich durch einen Juden vertreten lasse. Wären diese Dinge, die die zionistische Presse mitteilte, tatsächlich so vorgefallen, dann hätte man erwarten dürfen,