Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 52 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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DÜ! WAHRHEIT ®mm Seite i? der Menschheit und sind deren (Zwangs-) Neurosen, die heute, wo die Menschheit so reif geworden, überwunden werden müssen — diese Analogie kann keinesfalls als ein starkes Argument gewertet werden. IV. An einer Stelle seines Buches bekennt Freud, daß die Erkenntnis von dem historischen Wert gewisser religiöser Lehren seinen Respekt vor ihnen steigert. Die G eschichte als Wissenschaft — wir wollen sie trotz Oswald als solche bezeichnen — hat der Religion keinen Abbruch getan, wohl aber der Anerkennung der christlichen Dogmen. Nach Hegel besteht „das größte Zeichen, daß die Wichtigkeit der kirchlichen Dogmen gesunken ist. darin, daß sie vornehmlich historisch behandelt werden". Freud übersieht ganz, daß auch Religion Geschichte ist. weil sie Erlebnis ist, daß auch Religionen Phasen des Entstehens, Reifens, der Erneuerung und Entwicklung durchmachen. Freilich — die katholische Kirche geht nur mit höchstem Widerstreben aus ihrer Erstarrung im Dogma heraus, hat sich jedoch von der Wissenschaft manche Konzessionen abringen lassen. Auch beweist die Geschichte, daß in Zeiten, in welchen man am Glauben zweifelt, das Wissen, weil man mehr Gewicht darauf legt, gefördert wird, „daß aber der Zweifel am Wissen nach einer Zeit des kritischen Optimismus wieder zurück zum Glauben führt" (Spengler). — Sehr richtig erkennt Rathenau in seiner „Streitschrift vom Glauben", daß nur die Biidsamkeit (ich sage Entwicklungsfähigkeit), die allen großen östlichen Glaubensformen innev/ohnt. die Probe der Jahrtausende bestanden hat; der kirchen- und dogmenfreie Mosa Ismus konnte den Gedankeninhalt der Antike, des christlichen Mittelalters, der neuzeitlichen Philosophie und Wissenschaft ertragen und aufnehmen, ohne Kampf, ohne Verbitterung, ohne sein Innerstes preiszugeben. Die Bibel (II. B. Mos. 18, 5) lehrt, „was der Mensch tun soll, auf daß er dadurch lebe." — Die Religion des Mosaismus ist demnach eine praktische Wissenschaft, in welcher der Weg zum Ueberirdischen durch die weite Strecke des Irdischen führt. Religion ist Lebensinhalt, insofern sie von Einzelindividium erlebt und gefühlt wird, und zwar niemals nur in der Weise, wie sie ihm gelehrt wurde, sondern wie es sie in sich verarbeitet und zum Leben nützt. Walter Rathenau verurteilt auch mit Recht Jede Verbindung von Staat und Kirche, weil diese die Gefahr enthält, „es könne die Religion und ihre Uebungsform vom Selbstzweck zum Zweckmittel, am Ende gar zum Erziehungs¬ oder Besserungsmittel herabgeführt werden". Sie hat jedoch das Leben zu durchdringen und zu erfüllen. Das ist der Sinn der biblichen Forderung: „Ihr sollt ein Volk von Priestern sein, ein heiliges Volk!" Kant hat daraus die Forderung erhoben: „Jedermann sei sein eigener Priester". Es ist unwahr, daß damit weniger Sonne das menschliche Leben beschiene. Es kann ebensoviel zum Ernst, wie zur Glückseligkeit, zur inneren Heiterkeit und Lebensfreude beitragen, wenn das Priestertum „von einem Punkt und einer Person in die Brust jedes einzelnen verlegt wird". Das Alte Testament kennt keine Mythologie und keine Symbolik; es konstruiert weder metaphysische, noch spekulative Doktrinen über Vergangenheit und Zukunft der Schöpfung, über Unsterblichkeit und Jenseits. Es erklärt deutlich (IV. B. M. XXIX. 28): „Das Unfaßbare gehört Gott, daß Faßbare ist für uns und andere Kinder geschaffen". Es spiegelt dem Menschen keinen „Großgrundbesitz auf dem Mond vor, von dessen Ertrag doch noch nie jemand etwas gesehen hat." (Freud.) — Die historische Verkündigung der Bibel an das Volk Israel und die Heiden war der Dekalog mit seinen Anfangs werten: „Ich bin der Ewige, dein Gott". Gott ist, existiert! Diese Worte werden aber in dem ganzen Buch nirgends zum Gegenstand einer Beweisführung gemacht, sondern lediglich der Erfahrung. Sie sind kein Produkt der Spekulation; nicht einzelne Denker, sondern das Volk als Ganzes erfuhr das innere Erlebnis unmittelbarer Gewißheit und Einwirkung Gottes an sich als eine spontane und stetige Offenbarung, die aus der Familie hervorgegangen war. Denn aus dem Gott der Erzväter ist nach der Bibel der Gott Israels geworden. Dieser Stamm muß eine natürliche Veranlagung zu jener Anschauung gehabt haben, die sich von Anfang an bewußt gegen den Polytheismus seiner Umwelt auflehnte. Der biblische' Monotheismus ist ein lauter Protest gegen diesen und eine gegen seine Politik gerichtete Reform. Eine genaue Betrachtung ergibt auch, daß der Mosaismus Yiel mehr Gewicht auf die negativ e. als auf die positive Saite der Religion legt; das beweisen die zahlreichen Stellen, jimMMSMuannoMiMiiHMmmii Aufruf! Gedenket zu Chanuka des Keren Ha thora l Die Thora ist das Erbgut des jadischen Volkes! Der Keren Ha thora ist der Thora-Fonds des jüdischen Volkes! § Tragi Euer Scherflein nach Kräften bei. auch klein» § Gaben sind willkommen! 2 Fülle i die Keren Hathora-Büchsen in Eurem Hauset In der Chanuka-Woche werden alle Büchse» geleert. Auf das Erträgnis der Büchsenleerungen warten Hunderte von Thora - Lehrstätten. Tausende von Schülern, die wir mit Kleidung, Beheizung und Nahrung für das Winterhalbjahr versorgen sollen. Mit kleinen Opfern werdet Ihr Großes wirken! Gebe jeder reichlich und freudig für die CHANUKA-AKTION des KEREN HATHORA. Spenden nimmt entgegen: Keren Hathora-Zentrale, Wien II.. Leopoldsgasse 26. Wir bitten sich des beiliegenden Erkuistitelncs iq Bedienen. wo das Wort, es darf keine anderen Götter neben dem einen geben, eingeprägt wird und die schärfsten Strafen gegen seine Uebertretung angedroht werden. Aus ihnen spricht vornehmlich die Angst vor jenem Kontagium und der Infektion mit demselben, das die götzendienerischen Nachbarvölker mit ihrer Immoralität verbreiteten. Die Geschichte der Sitten; Gebräuche und Greuel der Kultur auch der erleuchtesten Nationen des Altertums beweist, daß die Befürchtung begründet und der Kordon gegen physische, geistige und sittliche Verseuchung notwendig war. Man kann die Aufstellung eines zwar einzigen, aber ausschließlich israelitischen Gottes zugeben, wofür Max Müller den Ausdruck „Henotheismus" geprägt hat; es tat ja im Alten Testament von einem Gebot, zu glauben oder zu lieben, nirgends die Rede. Sicher aber ist es „naturgemäßer und der historischen Wahrheit entsprechender anzunehmen, daß vor der Intuition dessen, der zuerst Gott erkannte, die ganze heidnische Götterweit mit einem Mal in Nichts versank und daß der einzige, universalistische Gott an ihre Stelle trat in ungetrübter Klarheit, die nur zeitweilig verdunkelt werden konnte. V. Es hat zu allen Zeiten Zweifler. Spötter und ausgesprochene Atheisten gegeben. Unsere fünf Sinne wissen tat« sächlich ebensowenig von Gott, auch nichts von der Seele wie das Messer des Chirurgen. Nur unser Gewissen, unser gesunder Menschenverstand, unser innerlichstes Eigenbewußtsein sowie die Moralwissenschaft und die große Mehrheit führender Denker stimmen mit dem biblischen Axiom der Existenz Gottes überein. Kant nennt zwei Zeugnisse für dieselbe: „den Sternenbimmel über uns und unser menschliches Bewußtsein in uns." La Me11rie und Holbach behaupten, der Mensch sei eine Maschine und das Weltall desgleichen. Voltaire aber spricht: „Wenn es keinen Gort gäbe, wir müßten Ihn erfinden." J. J. Rousseau und Diderot glaubten entschieden an eine Existenz Gottes. Friedrich I. von Preußen hat sie jedoch angezweifelt. Schiller spielt an „des kranken Weltplans schlau erdachten Retter" an, „den Menschenwitz der Menschen Notdurft leihet". Der Philosoph Herbert Spencer beugt In Ehrfurcht vor der