Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 52 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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feH DIE WAHRHEIT Seite 9 Feigheit! Im „P e-s t e r L1 o y dM finden wir den folgenden „Offenen Brief an Ungarns Hochschuljugend" von Andor Baron Q ö r y. den wir unseren Lesern zur Kenntnis bringen, weil er wirklich eine offene, mannhafte Sprache führt und nun wieder besonders aktuell ist, da Ungarns Schandbeispiel in Rumänien eine Nachahmung gegen Ungarn fand. D. Red. Meine Heben jungen Freunde! ' '" Vor vielen Monaten war es, daß wir von den ersten Unruhen lasen, die sieh an unseren Hochschulen ereignet haben. Antisemftfsehe Kimdgebungeni hieß es. Nun hatten wir uns im letzten Dezenniumewigen Unfriedens und ewiger Unsicherheit schon so sehr an die Worte „Unruhen, Streiks und Revolten" gewöhnt, daß damals so mancher, der jene ersten Berichte las, sich; darüber hinweggesetzt haben mag mit einem gewissen Oolühl der Erleichterung darüber, daß es — gottlob — diesmal nur die Hochschulen waren. Man mochte sich sagen, daß ein bißchen Prügelei noch nicht das Aergste wäre und di£ Zeitungen die Sache gewiß auch übertrieben hätten. Man ließ die Stimmung der Nachkriegszeit und die. leicht erregbaren Gemüter der Jugend als Erklärungsgrund gelten, dachte an echtem offene Jugendkämpfe und überschlug fast lächelnd das ganze Ereignis als Bagatelle mit dem Gefühl, die betreffenden Eltern würden ihren kampflustigen Herren Söhnen den Standpunkt schon klar machen, daß die Hochschule für höheres Lernen, nicht aber für kleinliches Raufen da ist und man sich sefehe und ähnliche Vorkommnisse ein für allemal verbeten haben möchte. Und mit solchen Erwägungen schien die Sache erledigt. Nnn, erledigt war jedoch die Sache leider absolut nicht. Weder damals, noch später. Kaum ein paar Wochen vergingen, und die Raufereien wiederholten sich bald hier, bald dort. Wurden zu Tumulten und zu Exzessen, die Professorenschaft war willehsschwach oder machtlos, die Behörden passiv oder desjnteressiert, es kam zu erregten Interpellationen im Abgeordnetenhaus und zahlreichen Erklärungen und Verheißungen verschiedener Minister, es wurde geschimpft und gedroht, ermahnt und gefleht, und da all das im Grunde genommen umsonst war, kam es zu den traurigen, tiefdeprimierenden Ereignissen der letzten Wochen und dazu, daß die Welt wieder einmal leider nur zu berechtigten Grund hatte, sich über uns zu empören und aufzuregen. Und glaubt mir, liebe junge Freunde, jeder nur halbwegs anständig denkende und fühlende Mensch, vor allem aber jeder anständig denkende Ungar kann nicht anders, als in tiefster Seele betrübt sein über die Tatsache, daß an ungarischen Hochschulen starke, gesunde, junge Männer dichtgeschart über einzelne wehrlose Schwächere herfallen und diese barbarisch verprügeln konnten, daß ungarische Jünglinge sich sogar ah wehrlosen weiblichen Wesen vergreifen,' sie tödlich erschrecken, ja fast tätlich mißhandeln könnten, und daß all dies nicht etwa bloß ein einziges Mal in aufbrausender Erregung geschah, sondern täglich, ja stündlich fast planmäßig und systematisch vor den Augen des ganzen Landes ungehemmt und ungeahndet vor sich gehen konnte. Glaubt nicht, Freunde, daß ich die ganze Schuld an der zahlreichen Wiederholung dieser traurigen Vorfälle. Euch allein züschreibe. Ich weiß, daß Eure Professoren unrichtig handelten, als sfe' nach den ersten Exzessen nicht mit aller Strenge gegen EucfL vorgingen und so jeden Versuch einer Wiederholung im Keime erstickten. Feh weiß, daß auch Eure Eltern den richtigen Weg verfehlten, .als sie nach Eurer Rückkehr vom Schauplatz jener ersten Heldentat Euch die Lust an derlei schmählichen Dingen — trotz Eurer Würde als akademische Bürger — nicht auf gäni drastische Art ausgetrieben haben. Wäs mich betrifft, sri weiß ich, daß, wenn dereinst meine zwei Buben von solchem . Vorfälle heimkämen und nicht an Ihrem eigenen Leib beweisen könnten, daß sie" für die schwächere Partei elngesprangerr sind und mit der Faust verhindert haben, daß sfcfi ihre Kämefaden des scheußlichsten männlichen Vergebens, der Feigheit, schuldig machten, — ich nicht zaudern würde, ihnen nicht bloß durch verweisende Worte, sondern auch riöch auf einprägsamerer Art vorzudemonstrreren, wie . verächtlich ein echter Mann über solche Flegelei denken muß. Und das weiß ich auch, daß ich als Kultus- und Unterriehtsminister innerhalb vierundzwanzig Stunden Ordnung gemacht hätte, wenn ich mich auch leider auf den Bau von Kifeben and Finanzpalästen gar nicht verstehe und daher für X1IADPAT' trhiltllcl» In Ober MO VtrkiiiltsUlK Grofi vertrieb für Oesterreich: Iciiutatabrlfc WMttMmw 4 Wien VII.. Siebensterngasse 46, Tel. Bit *•'/<* obiges Ministeramt absolut keine Fähigkeiten besitze. Aber als Euer oberster Vorgesetzter hätte ich Euch durch Maueranschlag für nächsten Mittag in die Hochschule bestellt — alle! Und hätten die fehlenden rücksichtslos bestraft Und dam», wenn Ihr schon vor mir in Reih und Glied gestanden hättet, dann hätte ich als königlich ungarischer Kultus- und Unterrichtsminister, Aug' in Aug* mit Euch, meine Lieben, unsere Angelegenheiten geordnet und erledigt. Aber definitiv und gründr lieh — das mögt Ihr mir glauben! Und wenn es mir» wieder in selbiger Eigenschaft als Minister, passiert wäre, daß nach und trotz allen Versuchen, Reden und Versprechungen ein meinem Ressort ganz Fernstehender kommen mußte, tun durch sein Eingreifen Ordnung zu schaffen*), — dann wäre ich am gleichen Abend schon gar still und behaglich am Kamin in meinem wohlkultivierten Fauteuil gesessen, — aber ganz bestimmt schon ohne Kultusportefeuille. Da ich also all das weiß, schreibe ich, wie schon gesagt, die ganze Schuld an diesen traurigen Vorfällen nicht hur Euch zu und betrachte mit Interesse und Spannung, wie alle Eure Mentoren und Führer wohl mit Euch fertig werden wollen. Aber als völlig unpolitischer, einfacher Bürger und als Mensch, der jeder Partei und jeglicher, wie immer geartet« Beeinflussung fern steht, möchte ich Euch nun g'rad und öffön. als Mann zu Männern, etwas sagen, was ich auf dem Herzen habe. Als vor nunmehr fast vierzehn Jahren jene geschichtlich* Epoche ihren Anfang nahm, die man später Weltkrieg nannte, da standen ich und Tausende meiner Altersgenossen ebendort, wo Ihr heute steht. Die Matura war glücklich überstanden* das Leben mit all seinem Reiz lag lachend und lockend vor uns, jeder wählte nach eigenem Wunsch die Bahn für seines Lebens weiteren Lauf, und frisch und lustig, harmlos wie Kinder, drängten wir uns an die Hochschuten. Und dann, auf einmal kam die Lawine ins Rollen. Wenn Ihr auch Kinde* wäret damals. Ihr habt doch gehört davon, — nicht wahr? Nun denn, die Hochschule wurde zur Armee, aus lachenden, übermütigen Kindern wurden ernste, todverachtende. pfifentdurchtränkte Männer, und als die Tragödie endlich vorbei war, da war's für uns auch mit der Hochschule ein für allemal vorbei. Ein Teil konnte das Versäumte nicht mehr nachholen, ein anderer Teil versumpfte in den Sorgen um das tägliche Brot, und der Großteil, wohl der beste TelL war einfach nicht mehr. Versteht Ihr? Die Jahre, die wir als Vorbereitung fürs Leben in friedlicher Hochschularbeit hätten nutzen und werten können, wir haben sie in harter, schwerer, unfruchtbarer Arbeit opfern müssen. Und wenn wir sie auch gern gaben, — verloren waren sie am Ende doch. Den Verlust hat uns niemand ersetzt und kann uns niemand mehr ersetzen. Aber einen Gewinn fürs Leben brachten wir heim. Da$ Wissen, daß in des Todes ständiger Nachbarschaft zwischen* Mensch und Mensch kein Unterschied besteht and daß uns in Not und Gefahr derjenige am-liebsten Ist, der eben neben uns steht, und ohne Unterschied der Klasse, der Rasse und der Religion uns Freund und Gefährte ist Unter den vielen, die ich draußen fürt Vaterland kämpfen und Muten sab, gab 6s Christen und gab es Juden. Ich hab-e sie Im Feuer nicht fragen können, weicher Religion *) Gemeint ist der General der Erziehenden* geordnete G*mbös. D, Redl der Ah-