Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 52 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064349--15939-3089678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 iHi lll!illMIli[Ilfill!W![IBlllil!ii!tl( DIE WAtlRHEIl HOTEL „NATIONAL" mRestaurant Wien II., Taborstraße 18 If.'ÄS IM Zentrale Lage, 300 Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser u. Zentralheixang- In allen Zimmern Telephon Unter der bewährten'Leitung des bestbekanhten Restaurators S. Grüner. VorzOgl. Wiener, ungarische u. orientalische (rumänische) Küche. Wienerbräu u. Pilsner Urquell. Locarno u. dgl. In den letzten Jahren sah man auch durch Monate hindurch Angriffe gegen den Rektor einer anderen Wiener Hochschule, Professor Gruntzd, und solche gegen den taiwtesHauptnjann und Bürgermeister von Wien wiegen des Verbots ei&er SanWung angeschlagen. Dies alles bemerkt das Rdttorat aicht Es sieht auch nicht die niederträchtigen Lfig«n- und Hetzschriften und Zeitungsartikel aus der völkiscrhen Kloake, die zahlreichen Anpreisungen der „Deutsch- Österreichischen Tageszeitung" usw. Noch immer stellt das berechtigte ,JKultaramt" die „Weisen von Zion" zur Schau, also ein Pamphlet, das längst als eines der böswilligsten njnd schurkischesten Lügenprodukte entlarvt ist. Wie soll man jene Burschen und ihre Protektoren nennen, die genau wissen müssen, daß es sich hier um die heimtückischeste, verlogenste Schändung 4,er Preß f reih ei t handelt? Dasselbe „Kulturamt" hatte such jene Jadenstatisüken ausgestellt, die selbst der Untersjcjumgsausschuß der ebenfalls völkischen reichsdeutschen Studenten als gefälscht und unwahr erkannt hat. Es ist wahr: der akademische Senat hat hie und da die krassesten Fälle nicht gänzlich ignoriert Als zum Beispiel die Nationalsozialisten «in Plakat anschlugen, in dem die Juden in der imfiätigsten Weise als Köterrasse, Promenadenrasse u. dgl. .besudelt wurden, da wurde dieses Plakat — allerdings erst nach mehrmaligem Drängen von Zeitungen'— entfernt und der verantwortliche Urheber bekam — einen milden Verweis! Es ist allbekannt, daß bei solchen Gelegenheiten die Herren Lausbuben den Dekan höhniscl anzugrinsen pflegen — wissen sie doch genau, daß die Mehrheit des Senats ihnen wohlwollend die Stange hält. Als voriges Jahr der Robert Körber eine Reibe von Hetzversammlungen in der Universität selbst veranstaltete, da raffte sich Rektor Molisch sogar dazu auf, e&en solchen Vortrag des Konsuls de Pottere über den Kampf gegen das Judentum in der Welt zu verbieten. Aber schon am Tage nach dem Verbot stand in der „Dötz", die Studenten hätten beim Rektor interveniert und der Vortrag werde „selbstverständlich" dennoch stattfinden. Er fand auch wirklich statt. Das einzige, was geändert wurde, war der Titel Trotzdem war Herr Molisch so „ahnungslos", sich noch nachher mit seinem „Verbot" in Zuschriften an die Presse zu. brüsten! Ans einer Gerichtsverhandlung der letzten Tage hat man erfahren, daß der „Kultur'-Körber sich erlauben darf, eine Studentin unter Gewaltanwendung zum Rektorat zu schleppen und zu beschimpfen, ohne daß das Rektorat Anlaß zum Einschreiten wegen Amtsanmaßung und Gewalttätigkeit findet, Wohl aber wurde die Studentin wegen Verbreitung von Zettein mit Angriffen gegen das Rektorat relegiert. Wenn aber in der „Dötz" heftige Angriffe gegen den Senat und Drohungen mit Krawallen erscheinen, weil der Senat noch nicht völkisch genug ist und wenn diese Schmähungen in der Aula verteilt und in der Nähe des „Kulturamtes" aufgelegt werden, da hat der Rektor keine Ahnung, wer hierfür verantwortlich ist In Wahrheit sind es aber, nicht bloß jene verbummelten «od? moralisch minderwertigen Existenzen, die. statt eines ehrlichen. Erwerbes-das Schandgew er be des bö-zahlten I? r o.f e.s.s.l oo s h e t z.e r s ergriffen haben. In erster Linie sied i«n* Pf ofe.ss.oren vera.ntwor:11 ich, dte unter dem Deckmantel der Automonie das System des völkischen T«rrors begünstigen, indem sie jede energische Anwendung der behördlichen Autorität verhindern. Es ist bekannt genug, wer jene Helfershelfer sind. An der Spitze stehen Prof. Othenio . Ahe I. Prof. Gthmar Spann, der es aber durchaus nicht verschmäht, sich auch um" düe Gunst jüdischer Kreise zu bemühen und vom Bankenverband Subventionen für sein Sem'riar Verbitten, dann Prof. H-ol d-F«rn eck, der in seinen Vorlesungen behauptet, der Friedensvertrag sei nicht rechtegültig und der deutsche Einfall in Belgien sei durchaus gerechtfertigt gewesen. Auch der Aegyptologe Junker, der Jurist Schwind, der Historiker Ubers berger beteiligen sich in gleicher Richtung, abgesehen von vielen, weniger lauten Gefolgsleuten. Die wissenschaftliche Bedeutung der meisten dieser Herren ist eine sehr mäßige, obwohl sie durch eifrige Reklame» ihren Ruf aufzubauschen und die höchsten Gehälter herauszuschlagen wissen. Es wäre ganz gut wenn die hungernden Bundesbeamten den Herrn Finanzminister einmal fragen würden, mit welchem Recht Herr Spann, dessen berühmte Universalösmustheorie ein lächerlicher Unsinn ist, oder der in der Fachwelt fast unbekannte .neueste Ordinarius Graf Degienfeild Bezüge von mehreren tausend Schilling im Monat haben? Alte Professoren, deren Namen den größten Ruf haben, beziehen kaum die Hälfte. Der geistige Niedergang der Universität macht durch das Wirken jener Clique gewaltige Fortschritte. Es ist höchste Zetit, da Ordnung zu mächen! Die 'Forderung nach Entpolitisierung der Hochschulen und nach Hochschulreform überhaupt, darf nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden. Als Mittel hierzu sind zu verlangen: 1. Verbot jedes Anschlages, jedes AussteHens von Schriften, jeder Versammlung und jedes Verbreiten von Flugblättern in den Hochschulen, die irgend welche Angriffe gegen die Staatsform, Behörden, Konfessionen, Nationen,1 Rassen, Klassen, Parteien usw. enthalten oder die mit dem Geiste der staatsgrundgesetzlich festgelegten Gleichberechtigung unvereinbar sind. Anschläge, Versammlungen usw. dürfen nur. rein wissenschaftlichen oder beruflichen Zielen dienen. Im Zweifel entscheidet der Rektor; zu seiner Beratung ernennt der Senat aus den Professoren eine Anzahl von Zensoren, mit Berücksichtigung aller nationalen, konfessionellen, politischen Haupt- , gruppen. Die motivierte Erklärung eines Zensors, daß eine in Frage stehende Kundgebung von seiner Gruppe als beleidigend empfunden wird, genügt zur Untersagung. 2. Eröffnung des Instanzenzuges gegen rechtswidrige Beschlüsse des Rektors und Senats an Ministerlen, Verwaltüngs-, bzw. Verfassungsgerichtshof. 3. Einsetzung einer parlamentarischen Ueberwachungskommission. Jedes Mitglied des Lehrkörpers soll berechtigt sein, Vorfälle, die den Gesetzen oder dem Geiste der Verfassung widersprechen, zur Anzeige zu bringen, auch. üper Vorgänge im Professorenkollegium, die heute mit dem „Amtsgeheimnis" jeder Kontrolle entzogen werden. 4. Aufstellung einer Hochschulw.uhe zum. Schutze der akademischen Freiheit und Durchsetzung behördlicher Verfügungen gegen den Terror von Radau-Elementen. Es dürfte genügen, die Horhschulwache bei außerordentlichen Anlässen zu mobilisieren. Bei Gefahr im Verzuge ist die Hilfe der Polizei in Anspruch zu nehmen. 5. Besetzung aller Lehrstühle und Zulassung zur Dozentur im Wege, eines gegen jede Willkür Schutz bietenden. Konkurrenzverfahrens. 6* Aufhebung der rechtswidrigen Ausnahmsstellang, die Privatvereine. wie die sogenannte „Deutsche. Studentenschaft", unter Anmaßung eines Amtscharakters heute einnehmen. Entziehung der ihnen zur Verfügung gestel'ten Lokalitäten, die ohnehin für den Lehrbetrieb dringend gebraucht werden. 7. Schaffung einer auf dem allgemeinen Wahlrecht und Proporz beruhenden Studentenvertretung mit rein' wirtschaftlichem jmd Kulturellem Wirkungskreis. " Nur auf diesem Wege ist es möglich, die Hochschtden ntft dem Geiste der Demokratie zu durchdringen und ihre wissenschaftliche Bedeutung vor dem Verfall zu bewahren. (öDer Tag'\ Wien.)