Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 52 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite - iUillM^^ DIE WAHRtfEll lieh wurden, hat er sich entschlossen, nach dem Süden zu gehen, um dort vielleicht eine Linderung seines Leidens zu erlangen. Nun statt der lichten warmen Sonne des Südens die dunkle kühle Gruft. Der Sabbat-Friede senkte sich über das kaum geschlossene Grab und ewiger Friede sei ihm von Gott beschieden. Wir werden sein Andenken in Ehren halten und kommende Geschlechter werden noch erkennen, was dieser große edle Mensch für uns bedeutet hat. Im Anschluß an die Trauerrede gab Amtsdirektor Regierungsrat Dr. Emil Adler die zahlreich eingelaufenen Beileidskundgebungen bekannt. Es haben persönlich, teils schriftlich, teils telegraphisch kondoliert: Bundespräsident Dr. H a i n i s c h, Bundeskanzler Dr. S e i p e 1. Bundesminister für Kultus und Unterricht Schmitz, Bundesminister für Heereswesen Vaugoin, die Gesandten des britischen Reiches, der Vereinigten Staaten vöfr Amerika, des Deutschen Reiches. Polens, Ungarns, der Türkei und Bulgariens, der Polizei-Präsident von Wien Dr. Johann Schober, der Bürgermeister der Stadt Wien Karl S e i t z, Magistratsdirektor Dr. Karl fiartl, Botschafter a. D. C. Dumba namens der „Oesterreichischen Völkerbund-Liga", fast sämtliche Kultusgemeinden des Inlandes und zahlreiche Gemeinden des Auslandes, ferner die Hebräische Universität in Jerusalem, die Wiener B'nei B'rith-Loge und viele auswärtige B'nei B'rith Logen, das „American Joint Distribution CommitteV', die „Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden in Berlin", die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Berlin, „Die Freunde der Hebräischen Universität in Jerusalem", das Präsidium des Keren Hajessod und sehr viele zionistische Vereinigungen aus dem In- und Auslande, endlich eine große Anzahl von Vereinen, Institutionen und bedeutenden Männern der Wissenschaft und des öffentlichen Lebens usw. usw. Mit Dankesworten an die auswärtigen Delegierten wurde die eindrucksvolle Sitzung geschlossen. . * * Trauerkundgebungen. Leopoldstädter Tempel. Bei der Predigt am Freitag abends sowie bei der Jugendexhorte am Samstag nachmittags wurde des Hinscheidens des Oberrabbiners Dr. H. P. Chaj e s in entsprechender Weise gedacht. PazmanitentempeL Bei dem Sonntag, den 18. d. M., aus Anlaß des Chanukafestes stattgefundenen Festgottesdienst, an dem auch die Schüler der Talmud-Thora teilgenommen haben, hielt Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. S. F u n k eine Predigt, in welcher er des so plötzlich dahingeschiedenen Ober- " rabbiners gebührend gedachte. Der Israelitische Tempelverein für die Bezirke Wieden« Margareten veranstaltete Sonntag, den 18. Dezember 1927 am Vorabend des Chanukafestes bei Anwesenheit des Gesamtvorstandes des Frauen-Wohltätigkeits-Vereines für die Bezirke Wieden-Margareten eine Trauerkundgebung für den verstorbenen Oberrabbdner Dr. Chajes. Rabbiner Dr. M. G. Mehr er schilderte in erhebenden Worten, welche auf die zahlreich erschienenen Andächtigen tiefen Eindruck machten, das Leben und Wirken dieses großen Mannes. Der Vorstand hat beschlossen, daß zum Zeichen der Trauer 30 Tage im Tempel ein Seelenlicht für den Verblichenen angezündet werde. Favoriten. Montag, den 19. Dezember 1927, veranstaltete der Israelitische Tempel- und Schulverein für den X. Gemeindebezirk Favoriten in Wien aus Anlaß des Ablebens Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Professor Dr. H. P. C h a j e s eine Trauersitzung. In derselben hielt Herr Obmann Max Berger dem Verewigten einen würdevollen Nachruf. Oesterreichischer Kantoren-Verein. In der Vorstandssitzung vom 21. d. M. gedachte der Vereinspräsident Oberkantor Isidor Löwit des schweren Verlustes, den das ganze Judentum und besonders die israelitische Kultusgemeinde Wien durch den Tod des Oberrabbiners Dr. H. P. Chajes erlötten hat und würdigte die großen Verdienste, die sich dieser hervorragende Mann um das ganz© jüdische Volk und die jüdische Wissenschaft in seltener Pflichttreue und in aufopferungsvoller Betätigung auf allen Interessengebieten des Judentums erworben hat Der Verein „Ferienheim" (Präsidentin Sofie G r ü n f e 1 d) hat infolge des Ablebens des Herrn Oberrabbiners Doktor Chajes, sein für den 11. Jänner anberaumtes großes Ballfest abgesagt. Westöstliche Gerechtigkeit Ts che r no wi tz, die frühere Hauptstadt der Bukowina, liegt jetzt in Rumänien und heißt Cernauti. Wehe, wenn du das Häkchen über dem großen C oder das Pünktchen unter dem. t vergißt, dann bist du ein Verräter an dem neuen Vaterlande Großrumänien und seiner Kultur, du bist arg verdächtig, der österreichischen Barbarei anzuhängen, unter deren Joch das schöne Ländchen in den Zeiten der Knechtschaft seufzte, und von der es erst die Demokratie des Westens befreit hat. Die Demokratien des Westens kämpfen bekanntlich immerdar mit Aufgebot aller ihrer Kräfte für alle schönen Dinge, zuvörderst für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Diese heilige Dreifaltigkeit sieht in Cernauti unter der Herrschaft der französischanglosächsischen Kultur natürlich ganz anders aus, als in Tschernowitz. wo die österreichische Barbarei waltete. Das haben zunächst die Juden zu spüren bekommen. Die Juden bildeten in der Bukowina seit Angliederung dieses Landes an die habsburgische Monarchie (1776) wirtschaftlich und' kulturell das treibende Element, und ihnen verdankte es seine Blüte und seinen Wohlstand. In diesem östlichsten Kronlande der Monarchie war die Gleichberechtigung in einem viel höherem Maße verwirklicht, als zum Beispiel in Niederösterreich oder in Böhmen. Der Oberbürgermeister von Tschernowitz war ein Jude. Während des Weltkrieges von den Russen als Geisel verschleppt, wurde er gegen einen der bedeutendsten russischen Heerführer ausgetauscht, und aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, wurde er vom Kaiser Franz Josef in den Adelsstand erhoben. Der Stadtkommandant und mehrere hohe Offiziere waren Juden. An der 1875 gegründeten deutschen Universität dozierte eine Anzahl hervorragender jüdischer Gelehrter. Auch sonst hatte die österreichische Regierung auf mehrere sehr verantwortliche Staatsposten Juden hingestellt. Sie muß wohl ihre guten Gründe dafür gehabt haben. Die Wiener Christlichsozialen versuchten sehr häufig, ihren Antisemitismus nach der Bukowina zu verpflanzen, aber alle ihre Anstrengungen waren vergeblich. In diesem Lande schien der konfessionelle Friede unzerstörbar. Die Rumänen, die das Gros der Bevölkerung ausmachten, lebten mit den Juden in vollkommenem Frieden und Harmonie. Man muß nämlich wissen, daß auch im Königreich Rumänien das rumänische arbeitende Volk, die Bauern und Handwerker, nie den geringsten Haß gegen die Juden hegten, sondern umgekehrt, daß es sich mit ihnen wirtschaftlich ergänzte, ihnen mit ausgesprochener Sympathie gegenüberstand und oft gegen die judenfeindlichen Maßnahmen der Regierung protestierte insoferne eine so vollkommen rechtlose Masse überhaupt eine selbständige politische Meinung kundgeben konnte. Alles judenfeindliche Treiben war in Rumänien seit Jahren das ausschließliche Werk einer diünnen Schichte von Politikastern, die sich aus den Kreisen der „Intellektuellen" und der Kaufleute rekrutierten, und die meist gar keine Rumänen waren, sondern Griechen, Fanarioten oder Kuzowalachen. In Rumänien mit seiner der belgischen und französischen nachgebildeten Verfassung bekamen diese Elemente, die immer nur von der Sehnsucht nach der Staatskrippe und vom wirt-