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Die Wahrheit · 1927-12-23 · Heft 52 (23.12.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 52 (23.12.1927)
Date
1927-12-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1)12 WAHRHEIT ii!is:Ä mal dort sterben konnte, tragisch. Das war das Schicksal eines Menschen, dessen ganzes Leben von diesen Idealen erfülit war. Sic waren ihm kein Traum, lebendige Wirklichkeit sind sie ihm gewesen. So geht er ein in die Ewigkeit, in die Geschichte. Er hat m unserer Gemeinde unsterbliche Kulturwerke geschaffen. Beinahe fast mit den zwei Händen und mit dem einen Gehirn, mit dem einen Herzen. Sollen sie verdorren, weil er nicht mehr ist, sollen sie zugrunde gehen, weil sein Geist nicht mehr in ihnen lebendig ist? Die Größe eines Menschen besteht darin, daß, wenn er scheidet, Erben da sind, Erben seines Geistes, seines Schaffens und seines Willens. Mögen Eiben seines Geistes sein Werk fortsetzen! Tausende und Tausende weinen, Alte und Junge, Kinder und Greise, die ihn nicht einmal genau kannten, denen er aber half, wo er helfen kannte. Eine Güte, eine Größe war in ihm, die Vergleiche kaum duldet. Nun danken wir ihm alle für das Glück, daß wir ihn besessen als Gnade Gottes. Aber bitten wir ihn auch um Verzeihung, es geziemt sich, daß wir ihn um Verzeihung bitten, wenn wir ihm einmal wehe getan, durch unbewußtes odsr gar beabsichtigtes Mißverstehen und Mißdeuten. „Die Krone ist gefallen, denn wir haben gesündigt." Es ist viel an Dir gesündigt worden, Oberrabbiner Chajes, aber Du hast auch eine Liebe empfangen, eine fanatische Liebe, die bereit gewesen wäre, ein Stück Leben für Dich zu geben. Da steht Jugend, die Wiener jüdische Jugend, die für Dich durchs Feuer geht. Da stehen sie alle, Zeugen Deiner Größe. Diesem Frommen und Gerechten und Edlen danken wir, der unserer Gemeinde, uns Rabbinern und den Gelehrten der Welt und allen Leidenden und Verfolgten Vater und Beschützer war, dessen Andenken gesegnet sein wird für alle Zeit und Ewigkeit!" Sodann trat Präsident Prof. Dr. A. P i c k an die Bahre, um im Namen der Gemeinde und der Wiener Judenschaft von dem Toten Abschied zu nehmen. Er würdigte die überragende Persönlichkeit des Verblichenen, der bis zum letzten Atemzuge unermüdlich bestrebt war, dem Judentume mit seinem ganzen Wissen und seinem edlen Herzen zu dienen, der mit wahrer Begeisterung für die Ehre unseres Volkes und unserer Gemeinde eingetreten ist. In echt jüdischer Weise wirkte er unverdrossen für den Frieden unter den Menschen. Er war im buchstäblichsten Sinne des Wortes ein Vater der Armen, ein Altruist, jeder Hilfsbedürftige war sein Freund. So haben wir ihn gekannt und verehrt, so wird sein Andenken in der Wiener Judenschaft und in der ganzen jüdischen Welt fortleben. Unser aller Dank geleitet ihn zu Grabe. Für die Zionistische Exekutive und das Zionistische Aktionskomitee ergriff Präsident Leo M o t z k i n das Wort zu einer Abschiedsrede, die er in hebräischer Sprache begann und deutsch fortsetzte. Er gedachte des Dahingeschiedenen als treuen Berater in allen Fragen der Palästinabewegung, für die er so unendlich viel geleistet hat. Er war, sagte Motzkin, einer ihrer berufensten Wortführer, zumal er das Leben des jüdischen Volkes von einer hohen Warte aus übersah. Er war aber auch ein unerschrockener Streiter im Kampfe für die Rechte seiner Brüder in aller Herren Länder. An alten Tagungen des Aktionskomitees, dessen Präsident er vier Jahre lang war, nahm er unermüdlich teil, sein Wort und seine große Ueberlegenheit galt bei uns besonders viel, wußten wir doch, daß der Verblichene ein eifriger Freund des jüdischen Hehnstättengedankens und der Verständigung des jüdischen Volkes mit den anderen Völkern war. Sein Name wird für immer mit der Geschichte des jüdischen Volkes und mit der unserer Palästinabewegung verbunden sein. Die gleiche Palästinaliebe des Dahingeschiedenen schilderte auch der nächste Redner Doktor Leo Qoldhammer als Präsident des österreichischen Landeskomitees, das Dr. Chajes stets mit Rat und Tat in seinen Aktionen förderte. Oberrabbiner Prof. Dr. Z o 11 e r (T r i e s t) überbrachte nun die Abschiedsgrüße der italienischen Gemeinden und dankte seinem großen Vorgänger auch im eigenen Namen für seine unvergängliche Wirksamkeit in Triest und Florenz, Für die österreichischen Provinzgemeinden sprach Landesrabbiner Univ.-Prof. Doktor D. Herzog (Graz). Er schilderte in formvollendeter Rede die Anteilnahme aller österreichischen Kultusgemeinden an dem schweren Verluste der Wiener Gemeinde, denn überall in Oesterreich kannte und schätzte man die überragende Persönlichkeit des so jäh zum Schmerze aller Glaubensbrüder Verblichenen. Er gedachte des hingebungsvollen Wirkens dieses prominenten geistigen Führers der Judenheit, das nebst dem Wohle der Wiener Gemeinde der ganzen Judenschaft in aller Wilt gewidmet war. Herzliche Abschiedsgrüße überbrachten iffliM^ Seite 5 für die Landesgemeinden und Korporationen der Vizepräsident der Zagreber Kultusgemein.de Dr. Lavoslav Sik, Generaldirektor Dr. H a a s, B r ü n n, Vizepräsident Dr. H a u smann, Lemberg, Dr. Martin Rosenblüh, Berlin, Stadtrat Dr. Hindes, Warschau. Für das Jüdisch-theologische Seminar in Breslau ergriff Dozent Dr. Israel A. R a b i n in klassischer hebräischer Sprache das Wort und dankte dem Dahingeschiedenen für die unschätzbaren Leistungen, die er von frühester Jugend an iür die jüdische Wissenschaft vollbracht, in deren Annalen der Name Dr. Chajes stets ein ehrenvoller bleiben werde. Namens der in- und ausländischen ß. B.¬ Logen sprach Ministerialrat Dr. Schläfrig tiefempfundene Worte des Abschiedes, für die jüdisch-soziale Fürsorge dankte Kommerzialrat Karl K1 e m p e r e r dem aufrichtigen und rastlosen Förderer aller jüdischen sozialen und charit.uivcn Organisationen für seine überaus große Liebe und Güte den Armen und Hilflosen gegenüber; für die jüdische Jugend, deren väterlicher Freund jfac Verstorbene gewesen, übermittelte Prof. Dr. V. KellneT innige Abschiedsgrüße. Als letzter Redner trat Hofrat Dr. S. Frankfurter an die Bahre, um im Namen der tieftrauernden Familienmitglieder und enteren Freunde dem Verblichenen aufrichtig zu danken. Es war bereits K3 Uhr, als der Sarg von der Estrade gehoben und unter Trauergesängen von den Freunden des Dahingeschiedenen zu dem Ehrengrabe gebracht wurde, das die Wiener israelitische Kultusgemeinde ihrem verstorbenen Oberrabbiner gewidmet hat und das sich nächst den Ehrengräbern des Oberrabbiroers Dr. A. J e 11 i n e k, Oberkantor Prof. Sulzer und des Freiheitskämpfers Dr. A. Fischhof befindet Der Sarg wurde in die Tiefe versenkt und Oberkantor Matyas stimmte in ergredfiender Weise das „El mole rachamim" an. Am Grabe vorbei defilierte ein endloser Zug derer, die stundenlang im Freien trotz der unerträglichen Kälte ausgeharrt hatten, um dem Dahingeschiedenen diese letzte Ehre zu erweisen. * * Trauerversammlung. Samstag, den 17. d. M. abends fand im Sitzungssaale der Israelitischen Kultusgemeinde Wien unter dem Vorsitze des Präsidenten, Generaloberstabsarzt Professor Dr. Alois Pick, eine öffentliche Trauerkundgebung des Kultusvorstandes statt, an der nebst dem Gesamtvorstande zahlreiche Mitglieder des Bethausvorstandes, mit Präsident Dr. E. M ü n z an. der Spitze, die Obmänner der Bezirkskommissionen und viele auswärtige zum Begräbnisse des Verstorbenen nach Wien gekommene Delegierte jüdischer Gemeinden und wissenschaftlicher Korporationen, Vertreter der Presse, sowie auch die Familienangehörigen des Dahingeschiedenen teilnahmen. Präsident Professor Dr. Alois Pick hielt tief bewegt folgende Trauerrede, die von den Anwesenden stehend angehört wurde. Hochgeehrte Trauerversammlung! Wir sind heute hier zusammengekommen, um unserer tiefen Trauer und Ergriffenheit über das Ableben unseres allverehrten Oberrabbiners Professor Dr. H. P. Chajes Ausdruck zu geben. Ich habe gestern bereits an seiner Bahre einige Worte des Dankes gesprochen. Heute will ich ihn nicht preisen und ihm nicht danken, denn seiner keuschen Seele läge das ferne. Die Lobpreisungen, die er aus der ganzen Welt erhielt, die Erschütterung, welche durch seinen Tod nicht nur in unserem Lande, sondern allerorts die Judenschaft ergriffen hat. die ungeheure Anteilnahme der Wiener Juden an dem Begräbnisse waren ja viel beredtere Zeugen der Verehrung und des Dankes als meine armseligen Worte es sein könnten. „Thora, awoda und gemilas chasodim", auf denen — wie unsere Weisen sagen — die Welt ruht, diese drei Grundfesten: „Lehre, Gottesdienst und Wohltun", in ihm waren sie im weitesten Ausmaße harmonisch vereinigt und in allen seinen Taten und in seinem ganzen Leben haben sie werktätigen Ausdruck gefunden. Nun ist das Amt verwaist, das er in Ehren verwaltet hat. Wir werden seine Stimme nicht mehr hören, aber wenn auch — leider allzufrüh — sein segensreiches Leben erloschen ist, verklungen ist es darum nicht. Ich glaube, daß das Gesetz der Erhaltung der Kraft auch für geistige Energien Geltung hat. Jeder Gedanke, jede Tat und jedes gutes Wort wirken fort durch die ganze Welt, fn fernste Zeiten, und werden noch in spätesten Tagen zur Reife bringen, was ein guter Mensch gesät Bis zum letzten Tage seines Lebens war er in seinem Amte tätig, und obzwar er über seinen Zustand sich keiner Täuschung hingab, hat er männlich, mit seltenem Mut, sein Schicksal, das er vorausgesehen, getragen. Er wollte sich keine Ruhe gönnen und ur als sein* Beschwerden «nerträg-

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