Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 52 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seirtf 4 filMfliffll^^ hiiitiiiitHt!tiiiiiiiii>iMiiiitii!t<ii<H{iiitit<wi!iil IBW^ DIE WÄHKilEIl greb: Vizepräsident Dr. Lavoslav Sik und Vorsteher Max Bauer u. v. a. Nachdem in der vordersten linken Loge vom Altar die Familie des Verstorbenen Platz genommen, begann die ergreifende Trauerfeier. Präzise zehn Uhr setzten Harmoniumklängs ein und während sich alle Trauergäste erhoben, geleitete das Kultusnräsidium den erschienenen Bundespräsidenten Dr. Michael Hainisch zu der Ehrenloge rechts vom Altar. Oberkantor M. Matyas, begleitet von dem verstärkten Tempelchor, sang das ergreifende .,Schiwisi". Nun trat unter tiefer Stille Rektor Hofrat Professor Doktor A. Schwarz an die Bahre, um dem Toten einen tiefempfundenen Nachruf zu halten. Jeden der Trauergäste ergriff die besondere Tragik des Schicksals, daß dieser 81jährige hervorragende Lehrer der jüdischen Wissenschaft es war, der seinem in der Blüte der Jahre jäh dahingeschiedenen Schüler die Abschiedsworte sprach. Wiederholt von wildem Schluchzen überwältigt, löste seine vom innersten Herzen kommende Rede oft lautes Weinen bei der tieferschütterten Trauergemeinde aus. Er sagte unter anderem: Wie wenn die Sonne, auf der Mittagshöhe stehend, plötzlich erlischt, so ist dieses unschätzbare Menschenleben im Zenith seines Schaffens und Wirkens ganz unerwartet ein Opfer des Todes geworden. Es erinnert an den Weinstock mit den drei Reben, von dem in der Geschichte Josefs der Obermundschenk des Pharao träumt Die eine dieser Reben an dem Weinstock, der hier uns entrissen ist. war seine immense Gelehrsamkeit. Sie „grünte und trieb Blüten" schon in seiner frühen Jugend. Umfassende Kenntnisse auf dem Gebiet rabbinischen Wissens wie klassischer Bildung ergänzte der Verewigte in unausgesetzten Studien, für die ihm seine aufreibende praktische Betätigung nur die Nachtstunden übrig ließ. Und die Beeren an diesem Weinstock, sie lieferten köstlichen Wein in den wissenschaftlichen Arbeiten, die seinen Namen tragen. Würdig neben seiner Bedeutung als Gelehrter steht als zweite Rebe sein Wirken als Menschenfreund. Zahlreiche Institutionen humanitären Charakters hat er geschaffen, in schweren Zeiten unserer Gemeinde aus den entlegensten Oue,Iien,-W?sser des Heils" zugeleitet, die seinen Ruhm ebenso p-rf die Nachwelt bringen werden, wie das, was er für die Errichtung und Erhaltung von Anstalten geleistet, die deT Verbreitung jüdischen Wissens gewidmet sind. Vor allem ist er als Führer jener Bewegung hervorgetreten, die, um mit dem Psalmisten zu sprechen, „den im Boden Mizraims verdorrten Weinstock" auf seinen einheimischen Boden verpflanzen, dem jüdischen Volk in seiner ajteri Heimat Palästina ein neues Heim schaffen will. ..Und wem einst ein goldener Weinstock den Tempel zu Jerusalem ziert, — ich bin kein Prophet und keines Propheten Jünger, aber das sehe ich klaren Auges voraus, an der Klasremauer wird einst ein Weinstock stehen und auf seinen Blättern wird in leuchtenden Lettern 'erstrahlen der Name: Zwi Perez Chajes. Wir sind ein ewiges Volk, wir Juden können warten. Im Namen der Israelitisch-theologischen Lehranstalt, des Breslauer Rabbinerseminars und aller anderen Stellen, die dem Verstorbenen nahe standen, sei ihm gedankt, gedankt besonders der Wiener Kultusgemeinde, die ihm die Möglichkeit geboten, zu solcher Größe seine Kräfte zu entfalten. Hierauf nahm namens des Bethausvorstandes der Präsident Dr. E. M ü n z von dem Verstorbenen Abschied: ..Namens des Bethausvorstandes und als Dolmetsch der Empfindungein aller Bethausbesucher, dde da ein- und ausgehen zu den Toren unseres altehrwürdigen Gotteshauses, will ich von unserem durch das unerforschliche Schicksal in der Vollkraft seines Mannesalters so jäh dahingerafften Herrn Oberrabbiner Dr. Chajes an der Stätte seiner ausgezeichneten Wirksamkeit kurzen Abschied nehmen. Wir wäTen gleich Hiob in Versuchung, gegen das göttliche Walten, durch das uns Dr. Chajes entrissen wurde, zu murren. Waren wir doch durch des Allmächtigen Gnade vom Glücke so besrünstigt, in Dr. Chajes ein reh'sföses Oberhaupt zu besitzen, das allen noch so weitgehenden Anforderungen hinsichtlich aller guten Eigenschaften ecnes religiösen Führers der Gem'etmde in höchstem Maße entsprochen hat. Nun ist wie durch eCnen Blitzschlag aus heiterm Himmel dieser unser Stolz und unsere Freude in Trauer verwandelt worden. -Gefallen ist die Krone unseres Hauptes." E*n solches Hadern gie/gen das göttliche Walten wäre aber kp;neswe>es den Intentionen des Verblichenen entsprechend. Wir müssen vielmehr dem Ratschlüsse des Allmächtigen uns fügen, daß es uns beschieden war, einen Führer zu haben, der während seines kurzen Erdemwallens voll und ganz mit dem Einsätze seiner genialen Persönlichkeit für alle Glaubensbrtider auf dem ganzen Erdball so segensreich, verdienstvoll und unermüdlich arbeitete, zum Ruhm, zur Zierde und zum Glanz der ganzen Menschheit! Der Dahingeschiedene wird, gleich den als Fixsternen an unserem Himmel leuchtendien drei religiösen Führern Mannheimer, Jellinek und G ü d e m a n n für die spätesten Geschlechter als vierter Stern heil leuchten; das Andenken an Herrn Oberrabbiner Dr. Chajes wird in unserer Mitte immer fortleben." Nun stimmte der Chor den Trauerchoral „Seele, was betrübst Du Dich", an. Hierauf verließ der Bundespräsident das Gotteshaus. Unter Trauergesängen wurde der Sarg gehoben und zum vierspännigen Leichenwagen gebracht, der sich im Schritt zum Franz-Josefs-Kai und über den Kai zum Stubenring bis zur Wollzeile bewegte. Hinter dem Leichenwagen folgten die Familienangehörigen, die Funktionäre, die Präsidenten .und die Vorsteher der Kultusgemeinde Wien, die Delegationen der verschiedenen Körperschaften und Vereine und eine unabsehbare Menschenmenge. Vor dem Tempel schlössen sich dem imposanten Trauerzuge auch zahlreiche orthodoxe Großrabbimer an. Auf dem ganzen V/ege brannten über Anordnung des Bürgermeisters zur Ehrung des Toten die Straßenlampen, zahlreiche Geschäftsläden hatten gesperrt. Tausende Menschen, darunter jüdische Pfau?T;ider, 'Mädchengruppen und jüdische Studenten in Farben b:ldeten bis zur Wollzefle Spalier, wo sich der Zug auflöste und die Tra-jezgäste die bereitstehenden Autos und die von der Straßenbahnddrektion eingeschobenen Sonderwagen bestiegen. Vor dem Haupteingang zum Zentralfriedhof stauten sich wieder Tausende von Menschen, als der Kondukt gegen 12 Uhr vorfuhr. Ein großes Wacheaufgebot, unterstützt von der unermüdlichen Beamtenschaft der Kultusgemeinde und studentischen Ordnern, regelten den Verkehr vor dem ersten Tor. In der Zeremonienhalle hatten, mit Rücksicht auf den beschränkten Raum, nur die Abordnungen und Trauergäste Zutritt. Nachdem Oberkantor M. Matyas mit verstärktem Chor einen Trauerchoral rezitiert hatte, widmete Rabb'ner Doktor D. Feuchtwang, tief ergriffen, dem verstorbenen Oberrabbiner den folgenden Nachruf: „Wisset Ihr, daß heute ein Fürst und ein Großer gefallen ist in Israel! Das ist der Ausdruck unserer Gefühle. Mit diesem Satz aus dem 2. Buch Samuel können wir den Verlust kennzeichnen, den wir erleiden, Uns allen ist ein Großer gestorben. Zuerst Euch, der Familie, Euch ist die Krone vom Haupt gefallen. Das war allerdings eine Krone, wie sie herrlicher kein Fürst getragen hat. Das war ein Stolz für Euch, meine Lieben. Auch uns ist eine Krone genommen, unserer ehrwürdigen jüdischen Gemeinde, uns Rabbinern ist eine, ich wage es zu sagen, ist die Krone genommen, nicht nur uns Rabbinern hier in Wien, nein den Rabbinern und jüdischen Gelehrten ganz Europas und nicht nur Europas, der Welt ist eine Krone genommen. Denn seinesgleichen gibt es wenige, wirklich seinesgleichen in unserer Zeit — soviel ich weiß — keinen. Eine Krone ist genommen dem jüdischen Volk, dem großen jüdischen Volk in allen Sprachen, auf der ganzen Welt. Eine Krone ist genommen uns allen, die wir mit ihm eines Sinnes waren. Uns Vertretern der großen gewaltigen Idee, dieser erschütternden, vielleicht auch tötenden Idee, für die man nur arbeiten kann, wenn man in ihr aufgeht. Er war ein Fürst, ein Fürst und ein GroßsT. Große Worte verklingen an Deiner Bahre, Du großer Mensch! Du warst so groß, daß Du Dir jeden äußeren Schein des Großen schenken, Deine innere Hoheit und Würde so groß. d?ß Du auf jedies Hoheits- und Würdezeichen verzichten konntest." Redner entwirft sodann in großen Zügen ein treffliches Lebensbild des Entschlafenen und fährt fort: „Er war nicht nur ein großer Mensch, etn großer Jude, ein großer Gelehrter, ein großer Führer seines Volkes, er war ein wahrhaft frommer, gotterfüHter Mensch, dessen heiße Liebe, folgend dem Beispiel der Propheten, dem Judentum, dem jüdischen Volke, der ganzen Menschheit gehörte, deren Erhebung zu sittlicher Größe sein Endziel war. Nicht andächtiges Schwärmen war seine Art. andächtig Handeln war sein Ziel. Das ganze Leben zum Gottesdienst, das ganze Volk zu einem bewußten Gottesvolk zu machen, das war die Aufgabe seines Lebens. Wie ihm das gelungen? Er hat sein Ziel noch nicht erreicht. Daß er nicht in Erez Jisrosl leben und wirken konnte, war schmerzvoll, daß er aber nicht ein-