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Die Wahrheit · 1927-12-23 · Heft 52 (23.12.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 52 (23.12.1927)
Date
1927-12-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DSC WAHRHEIT I Oberrabbiner Prof. Dr. H. P. Chajes | Worte des Gedenkens. Von Generaloberstabsarzt Professor Dr. Alois Pick. Der so plötzlich verstorbene Oberrabbiner Professor Dr. ft P. Chajes war eine Persönlichkeit von stark ausgeprägtem Rechtsgefühl, vorbildlicher Selbstlosigkeit und umfassendem Wissen. Von einem Standpunkt, den er einmal als recht erkannt hatte, war er, mag die Gegnerschaft noch so hitzig gewesen sein, nicht abzubringen. Interessen, die seine Person betrafen, kannte er nicht. Besonders groß und werktätig war sein soziales Empfinden. Er selbst leistete Hilfe, "wo und wie viel er konnte, seine ausgedehnten Verbindungen ermöglichten es ihm auch, stets bereite Helfer für seine Wohltätigkeitsaktionen zu finden. Als nach dem Umsturz weite jüdische Kreise in tiefster Not waren, rief er mit Unterstützungen aus England und Südafrika verschiedene Aktionen ins Leben und hat auch amerikanische Philanthropen für Wiener jüdische Hilfswerke gewonnen. Er, der kinderlos gestorben ist, war von rührender Liebe zu Kindern und Waisen beseelt. Auch in Kreisen seiner politischen Gegner wurde er wegen seiner Rechtlichkeit und seines guten Herzens hochgeachtet. Er war der erste Professor in Italien, der an einer Universität das Neue Testament gelesen hat Denn die theologischen Fakultäten gehören in Italien nicht zu den Universitäten, sondern sind eigene Lehranstalten. Professor Chajes verfügte über eine souveräne Kenntnis des Alten und Neuen Testamentes, überhaupt nannte er ein universelles theologisches und talmudisches Wissen sein Eigen. Ungewöhnlich früh hat er seine Studien begonnen. Als zwölfjähriger Knabe sandte er dem damaligen Wiener Oberrabbiner Dr. A. Jellinek eine wissenschaftliche Arbeit ein, die von diesem sehr gunstig beurteilt wurde. Sein unglaubfiches Gedächtnis bewies er, wenn man ihn nach einer Stelle im Talmud fragte. Er wußte sofort das Buch, das Kapitel und mitunter sogar die Seitenzahl anzugeben. Der Traum seiner Jugend und seiner späteren Jahre war das jüdische Reich.im Lande der Väter. Seinen jüdischnationalen Standpunkt nahm er nicht nur mit Rücksicht auf die Juden ein, sondern auch auf Grund der Ueberzeugung, daß das Judentum der ^eit noch viel zu geben habe und so die jüdische Selbständigkeit in Palästina der ganzen Menschheit Nutzen bringen werde. Rückschläge in der Palästlnabewegung haben seine Zuversicht nie wanken lassen. Oft sagte er: „Ich werde den Ausbau des Reiches nicht erleben. Aber er wird kommen, denn der Grund ist gelegt und die Idee kann nicht untergehen/' . Obwohl er liberalen Anschauungen huldigte, rührte er selbst ein Leben strengster Observanz und setzte sich dafür ein, daß nicht nur die Vorschriften, sondern auch die Bräuche geachtet wußten. Daher kam auch sefce Stellung «egen:4te Einäscherung von Toten. Seine Predigten waren eigentlich mehr Vorträge, in denen er freimütig auf die verschiedenstem Zeit- und Streitfragen einging. Ein Stegreifredner von höchster Oualität, kannte er kein Konzept wenn er sich auch die Materie der Predigt zurechtgelegt hatte. Schon als Kind hatte er Vater und Mutter verloren und war unter der Obhut seiner Schwägerht gestanden, die ihm auch in den letzten fünfzehn Janren den Haushalt geführt hatte und vor kurzem als Dreiundsiebzigjährigie gestorben ist. Todesahnungen haben seine letzten Lebenstage umschattet. Kürzlich erinnerte er daran, daß sein Vater in dem Alter, das er jetzt erreicht hatte, schon lange tot war, auch sagte er. er wisse, daß er nicht mehr lange leben werde. Um sein angegriffenes Herz zu stärken, wollte er nach dem Süden fahren. Die Aerzte hatten ihm eine sofortige Ruhepause angeordnet, er aber hatte zugesagt Sonntag, den 18. d. M. bei einer Chanukafeier igt Merores-Waisenhause zu sprechen, und wollte sie« früher keine Ruhe gönnen. Er konnte seine Zusage, nicht mehr einhalten und hat nun für immer Ruhe gefunden. ■•• Bundeskanzler Dr. I. S e i p e 1 hat an den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Generaloberstabsarzt a. D. Professor Dr. Alois Pick, folgendes Kondolenzschreiben gerichtet: „Hochverehrter Herr Präsident! Es drängt mich, Ihnen und durch Ihre Vermittlung unseren jüdischen Mitbürgern meine aufrichtige AnteÜnahme an dem schweren Verlust*? auszudrücken, den die Israelitische Kultu£r gemeinde durch das Hinscheiden ihres geistlichen Führers, des Herrn Öberrabbiners Professor Dr. Chajes, erlitten hat. Ich hatte einigemale Gelegenheit, mit ihm persönlich zusammenzutreffea und mich über verschiedene Fragen mit ihm ztf unterhalten. Jedesmal empfing ich von ihm detl Eindruck einer nicht gewöhnlichen Persönlichkeit Der hohe Ruf, dessen er sich auch außerhalb des Kreises seiner Glaubensgenossen erfreute, war begründet in seiner tiefen Gelehrsamkeit, seiner charaktervollen Ueberzeugungstreue und stetsbewährten Uneigenntitzigkeit. Indem ich Sie, hochverehrter Herr Präsident; bitte, den Ausdruck meines Mitgefühls auch den Hinterbliebenen des so frühzeitig seinem Beruf entrissenen Herrn Oberrabbiners zu übermitteln, zeichne ich mit der Versicherung meiner vollkommenen Hochachtung als Ihr engebener Df. SeipeL" * . . Bürgermeister K. Sei tz hat an den Präsidenten 4er Israelitischen Kultusgemeinde, Prof. =Or. '-A. Piek folgenden Kondolenzbrief-gerichtet:

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