Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 52 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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£rscfkeint Jeden 5Treif«ig 5Preis dieser Jlmiimct: SO £mros«fte» D/E WAHRHEIT Cesferreicfiiscfre 1f?ocfieiiscfiri/* für jüdisefte Jwteresseii /£ifife VeröffentRcnungcin der „Miiion deufsefiösterr. Juden" Redaktion und Administration: Wien IL, Metne&trnße Jtr. 13 Ferntut 42-2*16 XLIII. Jahrgang Wien, 23. Dezember 1927 ______ftummef 52 0 alte Burschenherrlichkeit! Professoren und Studenten der Universitäten ■gelten als die geistigen Führer der Nation. Nicht immer sind sie es. In e i n e r Hinsicht, so scheint es, werden sie es immer mehr und mehr: auf der antisemitischen Front. Es ist keine Frage mehr, daß in Mitteleuropa die Hochschulen die antisemitische Führung an sich gerissen haben und daß sich der wichtigste Teil des Kampfes gegen die Juden au? akademischem Boden abspielt. Der Antisemitismus gibt heute dem Leben auf den Hochschulen das Gepräge. War in guten Zeiten der Kampf für geistige Weite und Freiheit das Kriterium des Studenten, so ist es heute der Kampf gegen die Juden; und bot den Jungen Akademikern früher fröhliches Burschenleben mit all seiner fidelen Romantik und harmlosen Sentimentalität Abwechslung von wissenschaftlicher Arbeit in Seminar und Kolleg, so Ist jetzt etwas anderes an dessen Stelle getreten: Judenhaß und Judenprügeleien. Es geht weniger harmlos, weniger sentimental und weniger ritterlich als früher zu; und mit neuem Sinn dürften die Kommilitonen auf den Kneipen singen: „O alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du entschwunden!44 Es ist ein trauriger Ausblick, den die Hochschulen Mitteleuropas heute bieten.*) Die Führung haben die beiden rückschrittlichsten Länder Europas: Rumänien und Ungarn. Hier ist der Kampf gegen die Juden in Permanenz erklärt und der Numerus clausus ist der Kampfruf ungarischen Geistes und rumänischer Wissenschaft geworden. Demnach müßte diesen beiden Ländern um ihr. Monopol bange werden. Sie bekommen aber scharfe Konkurrenz. Gegen alles Natur- und Geschichtsgesetz kommt diesmal die Finsternis vom Osten und verbreitet sich gegen Westen. Der Beschluß der deutschen Studentenschaft zeigt hier die rücksichtslose Herrschaft des Antisemitismus. Sie verzichtet lieber auf die studentische Selbstverwaltung, die ihr nach einem Gesetzentwurf des preußischen Schulrninisters Becker unter der Bedingung, daß sie *) Diesen traurigen Anblick illustrieren auch die an anderer Stelle unserer heutigen Nummer veröffentlichten zwei Ai-tfW. sich von den völkisch eingestellten Gruppen lossagt, gewährt werden sollte, als daß sie ihre radauteutschen Kommilitonen in Oesterreich im Stiche ließe. Auch in die Tschechoslowakei hat es heriibergegriifen. Brünn und Prag haben ihre antisemitische Feuerprobe bestanden und dürfen sich wie Wien nun neben Ungarn sehen lassen, ohne zu erröten. Es ist keine Frage: die Hochschulen sind heute der Locus minoris resistentiae am Körper der Völker, jene schwache Stelle, durch die der Keim der antisemitischen Verseuchung am leichtesten Eingang findet. Man sollte sich darüber wundern. Der Ort, wo Geist und Wissenschaft gepflegt wird, dieses Tor. durch welches das Höchste, was menschliches Denken erreicht hat, in das Volk eindringt — es ist auch das Tor, durch welches die übelsten Miasmen der Reaktion, der böse Wille, Menschen wegen ihrer Abstammung oder wegen ihres Glaubens vom höchsten Menschenrechte, vom Rechte auf Bildung und auf Wissen, auszuschließen, in das Volk eindringen. Doch wir brauchen nicht nur zu staunen; aus dem Staunen kommt die Erkenntnis; und wir müssen erkennen: Die Hochschulen in Mitteleuropa sind heute immer weniger Stätten der Forschung und des Wissens. Denn, es ist klar: auf diesem Ge* biete wäre Antisemitismus sinnlos; niemand, auch der verbohrteste Antisemit, darf bezweifeln, daß in Forschung und Wissenschaft, in diesem ureigensten Reich der Universität, die Juden stets die besten Helfer waren. Aber die Universitäten sind eben — das zeigt ihre antisemitische Verseuchung klar — nicht mehr Stätten der Forschung und des Wissens, sondern Gemeinschaften einer gewissen sozialen Struktur, welche ihr sozial und ökonomisch auswertbares Handikap der höheren Bildung, genauer der Staatsprüfungs- und Rigorosenzeugnisse gegen jede Konkurrenz, soweit sie gruppen räßig erfaßt ist, verteidigen. Das ist der Sinn des Hochschulantisemitismus. Und so geht klar iiervor: der Numerus clausus ist das schlechteste Prüfungszeugnis, das sich die Hochschulen selbst über ihr wissenschaftliches Niveau ausstellen. 7lir rinfl Dfl^fhlimif I vorliegende Mummet- 52 ist 20 Seiten stark und /Hl UHll hMU lllllfl die ^tzte des Kalenderjahres. Freitag, den 30. Defelll 3UI. UCUWlUUX-jember, erscheint demnach keine «natoter. Die erste Hummer des 7ahroanQPs 1928 erschöpf Donnerstact, den 5. Jänner.