Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 51 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAtiftH£ff BiiM Seite i verflucht, sich kraft des überlegenen Geistes in der gesamten agronomenvvelt Ungarns einnisten konnten und sie beherrschten". Die Juden werden in diesem Buche für die Ermordung Tiszas, die Regierungsperiode Karolyi und die darauf folgende Rätediktatur, für den verlorenen Krieg, für Kommunismus und übertriebenenNationalismus verantwortlich gemacht. Kurz, alles, was den Autoren verächtlich und verabscheuungswürdig schien, dazu gehört allerdings auch der Pazifismus, wird den Juden zugeschoben. : Die Magyaren, in der Phraseologie der Tharauds, unglückliche, betrogene Opfer jüdischer Inflation, stehen in aller Glorie da, als Schöpfer alles Guten. (Außer sie sind etwa germanisiert.) Diese Schwarz-Weiß-Malerei, diese Gegenüberstellung von absolut Gut und absolut Böse, hat sich nur in Kindermärchen und alten Operntexten erhalten; in einem Buch aber angewendet, wird dadurch eine Naivität der Leser vorausgesetzt, die beleidigend ist. Im vorletzten Kapitel, mitten im Gewirre hohler Phrasen, findet man den Satz: „Heute haben die Brutalitäten der „Erwachenden Üngarn" ein Ende gefunden, aber das jüdische Problem bleibt ungelöst. Ganz Ungarn steht wie ein Mann auf, um das Volk Israel abzulehnen. Durch Ausweisungen der während des Krieges eingewanderten Galizianer, durch den Numerus clausus, durch Schließung der Freimaurerlogen sucht man Bedeutung und Einfluß der Juden zu brechen." Klägliche Mittel für eine Lösung eines Problems in den Augen eines „ritterlichen" Franzosen. All den Unflat, der in diesem Buche über die Juden ausgeschüttet wird, wiederzugeben, kann man mir nicht zumuten. Die Hoffnung der Brüder Tharaud, daß dieses Buch ein „wertvolles Glied" in der Reihe antisemitischer Erzeugnisse werde, geht nicht in Erfüllung; übrig blieb eine ungewollte, aber wahre Zeichnung ihrer selbst, die sie selbst besorgten, weil sich niemand anderer dafür finden wird. Dr. Hans Kronengold. Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Aas dem PreBburger Ghetto. Aus Slegmund Mayer, die Wiener Juden. Verlag R. Löwit, Wien. Soll ich Wesen und Kern dieser Judenfrauen des Ghetto möglichst kurz und bündig bezeichnen, so möchte ich es mit einem Worte: Mit der Tapferkeit — sie sind tapfere Seelen. Aber — verehrter Leser —• diese Preßburger Judenfrau ist noch viel viel älter, sie ist eine uralte Erscheinung, welche hinter aller eigentlichen Geschichte zurückliegt: der rechte und gerechte jüdische Hausvater, welcher, nachdem er Freitag, abends in der Synagoge den Sabbath eingeleitet, in sein Haus zurückkehrt, greift allüberall nach einem der merkwürdigsten Kapitel der Bibel. Es ist ein Lied (Sprüche Salomo, 31. Kapitel) „das Lob eines tugendsamen Weibes" und mir klingt noch heute, nach nahezu achtzig Jahren, in den Ohren die eigentümliche und schöne Melodie, mit welcher mein Vater dasselbe gesungen. Es ist sehr bezeichnend, wie wenig unsere Klassiker bisher imstande waren, die Jüdin zu erfassen und wiederzugeben; Die älteste, die Jessica Shakespeares, hat von einer solchen auch nicht das geringste: sie ist ein leichtsinniges, sinnliches Geschöpf, ohne einen Funken von kindlichem Gefühl; sie läuft dem Vater, nachdem sie ihn bestohlen, davon zu dem Geliebten. Von der Jüdin auch nicht die geringste Spur. Hundert Jahre später, die Athalie und Esther Racines sma iranzooische Ruadeuguxen, hebräisch kostümiert. Racine hätte an Stelle der Athalie ebenso gut oder eigentlich noch besser die Fredegunde, die fränkische Königin des 6. Jahrhunderts, welche alle Verwandten ihres Gatten und zuletzt ihn selbst aus der Welt schafft, setzen können; denn diese Fredegunde war eine Fränkin, während die biblische Athalie fremden Stammes war. Nach ebensolcher Pause die Recba im Nathan; sie kommt hier nicht in Beträcht. Sie ist wunderbar konstruiert, aber eben eine Konstruktion, keine Jüdin. Wieder nach mehr als hundert Jahren schreibt Grillparzer „die Jüdin von Toledo". Er zeichnet in dem König einen lebensvollen Mann, welchen seine Frau nicht befriedigt, nicht befriedigen kann, weil sie vom Scheitel bis zur Sohle ganz Tugend, ohne jede Schwäche ist. Diese absolute Fehlerlosigkeit wirkt auf ihn, den echten Menschen, erkältend, er selbst weiß sich nicht im Besitze dieser absoluten, ausnahms-. losen Tugendhaftigkeit: seine Liebe wäre stärker, wenn er seiner Gattin auch dann und wann etwas zu verzeihen hätte. In dieser Seelenverfassung tritt ihm eine Teufelin entgegen, ein Weib ohne alle Tugend, aber ganz Blut und Feuer. Der König entbrennt, entflammt» der Konflikt ist gegeben; das Problem ist dem Leben, der Wahrheit entnommen. Ueber die Richtigkeit der vom Dichter gegebenen Lösung kann man Ja verschiedener Meinung sein, aber ganz zweifellos ist diese Rachel keine — wie Laube meint — Philine, sondern ein Teufelsweib, deren Darstellung nichts gibt als das Weibchen im Weibe, alles, nur keine Jüdin, deren Wärme stets vom Verstände umgrenzt wird. Es ist geradezu rätselhaft, was den Dichter bewogen hat, diese Geliebte des Königs zu einer Jüdin zu machen; eine feurige Spanierin wäre näher gelegen und echter gewesen; er scheint dies selbst gefühlt zu haben und stellt neben Rachel ihre Schwester Esther, die wenn auch nicht eine volle Zeichnung des jüdischea Weibes, doch viele Züge desselben aufweist. Aber sie steht tatsächlich neben ihr, nicht ihr gegenüber, die hätte ruhig wegbleiben können; sie steht ohne Zusammenhang mit dem von Grillparzer so meisterhaft aufgerollten Problem des Ehelebens. Er suchte und fand auch gar nicht die Gelegenheit, die Juden kennen zu lernen: aber der Dichter in ihm beschäftigte sich weiter mit der Jüdin, und diesem seinen Interesse verdanken wir das E s t h e r-Fragment, das schon allein, wenn er auch sonst gar nichts geschrieben, ihn zum großen Dichter gestempelt hätte. Esther ist nicht nur vom künstlerischen Standpunkte aus eine wunderbare Gestalt, sie hat tatsächlich wunderbar getroffene Züge der Jüdin: die Klugheit, die ruhige Wärme, die Fähigkeit der Hingebung. Aber ist sie die Volljüdin? Nein. Die Judenfrau ist keine Römerin, keine Volumnia, keine Griechin, nicht die Iphigenie. Und am allerwenigsten ein Gretchen. Wie sie war, wie sie Ist, lebt sie in dem früher gebrachten Kapitel der Sprüche Salomos, in den Memoiren der Madame Glückel aus Hameln und in meiner Erinnerung — man verzeihe dem Sohne diese Anführung — an die klassische Type des Preßburger Ghetto, an Toni Mayer. Die richtige Judenfrau vereinigt mit einem gewissen Talent des Herrschens ein Heldentum des Duldens, der Arbeit, der Aufopferung für die Ihrigen. Natürlich fällt mir nicht ein zu glauben, daß, wenn auch diese Zeichnung die des Genius» der Judenfrau ist. das richtige Weib nur ausschließlich unter den Juden zu suchen wäre; es findet sich in jeder Nation und Konfession, in jedem Land und Stand. Von Kaiser Franz — kein Ritter vom Geist, aber ein Mann von gutem Urteil — Ist uns ein köstlicher Ausspruch aufbewahrt: ..An meiner ersten Gattin", so sagte er, „hatte ich eine Geliebte, an meiner zweiten eine Kaiserin, erst an meiner dritten eine Frau". Die Schilderung der Bibel gibt die jüdische Frau — ich möchte sagen — an sich. Vor 3000 Jahren war sie in Haus und Hof. zwischen Acker und Weinberg gestellt, dem Manne dieselbe kluge Gefährtin, Stab und Stütze wie im Preßburger Ghetto zwischen Scher und Elle. Ich will nur mit Beziehung auf meine einleitenden Worte im ersten Kapitel noch eines hinzufügen: Die heitere Farbe im Milieu des Hauses, der Frohsinn in der Familie geht naturgemäß von der Frau aus. Nun diese Judenfrau in ihrer angestrengten, nie ruhenden Tätigkeit, in der Konzentrierung und Richtung ihres ganzen Wesens auf Arbeit und Sorge war dazu nicht geschaffen. Doch ist diese ernste Grundstimrmrog der Frau wesentlich zum ganzen Bilde des Ghetto gehörig. Worauf tadelnd hingewiesen wird, Ist die Suche nach einer Mitgift Es sucht sie übrigens heute auch der Christ; er findet sie nur schwerer, weil der christliche Vater viel seltener bereit ist, sie zu geben, überhaupt Opfer zu bringe*. In der jüdischen Ehe und ihrer Eigenart ist die Mitgift nicht das