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Die Wahrheit · 1927-12-16 · Heft 51 (16.12.1927) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 51 (16.12.1927)
Date
1927-12-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT fljfi^^ Seite 5 Juden, wie sie wirklich sind, leben und denken, haben wenige m schildern verstanden. Die weltfremd im Ghetto hausen, repräsentieren ebenso wenig wie die, welche mit allen Mitteln den Eintritt in die „Gesellschaft" erstreben, den jüdischen Typus. Man vergißt, daß Millionen Juden heute in Städten in der Bevölkerung, im Bürgertum leben, verdienen, von frühester Kindheit bis zum Tode friedlich und freundlich, auch in Ehren und guter Achtung bestehen, ohne daß eine Judenfrage als Problem von krasser Wirklichkeit über ihrem Leben steht. In Wahrheit verhält es sich anders, als man in vielen J?onianeh und Büchern liest. Wie es um Leben und Streben des Juden seit dreißig oder vierzig Jahren bei uns bestellt ist. hat' endlich einmal einer zu schildern versucht und die Tatsache, daß man Hichlers Roman voll Befriedigung liest, mit dem Gefühle herzlicher Sympathie aus der Hand legt und über die Gestalten nachdenken muß, wo man ihnen etwa begegnet sei, beweist, wie gelungen der Versuch ist. Ob der Produktenhändler Mautner Moses oder Hermann oder gar Huber heißt, ist,gleichgültig; er ist einer von den vielen Vätern, deren Söhne wir selbst sein könnten. Er bleibt immer sparsam— mag er auch schon Hausbesitzer sein, ehrlich bei aller Freude über guten Geschäftspröfit, ist eigensinnig, auch hart, aber wiederum voll innerer Weichheit und Nachgiebigkeit, hängt am Alten und schätzt das Neue — trotz aller Widersprüche keine komplizierte, keine tragische, sondern sehr prosaische Natur, die sich am sogenannten Daseinskampfe schleift und doch immer eckig bleibt. Was ist jüdisch an ihm? Etwa, daß er Blochs Wochenschrift liest? — ein sehr feinsinniges geistiges Denkmal für den seligen trefflichen Doktor Bloch — oder daß er will, sein Sohn soll Chumesch lernen? Wenn man will, kann man sagen: Alles und nichts an ihm ist jüdisch! Damit hat Hichler den glücklichsten Griff getan und den Seelenkontakt mit seinen Lesern hergestellt. Er ist bei der Wahrheit geblieben. Der Jude geht nicht tagaus, tagein mit dem Problem der Judenfrage herum, er ist ein Mensch, der lebt und schafft, des Alltags Sorgen und Kämpfe trägt und meistert und Gott gibt, was Gottes ist. wenn es an der Zelt ist. Haben andere einen Menschen gezeichnet und ihn durch die Bande oder Bürde der Religion zum Juden gemacht, hat Hichler... einen Juden gezeichnet und in ihm den Menschen gezeigt. Ein Gleiches gilt für Sali, die Frau...Mauthers..Die.kluge, ge;'scnäftstücritige Frau kommt mit dem Eigensinn des Mannes ohne Konflikte sehr gut aus, lebt für die Kinder, auf die sie stöl& sein will. Mag sie auch an ihrem Manne „herumsfäppen" und dem Grundsatz huldigen: „in den Magen schaut dir niemand hinein", sie hat eine „Gewure", wie der alte Mlutner von ihr sagt. Man muß wissen, was Gewure ist; sagen! und übersetzen läßt sich das doch nicht ganz. Gewure ti^: Frau Sali nicht allein, weil sie wirtschaften, haushalten k4mnj und das Prestige nicht preisgibt, sondern auch weil sie st£ts;. ausgleichend, vermittelnd alle häuslichen Gegensätze zu ü^Äbrucken weiß. Mit ihren Kindern hat sie keine schlechten Erfährungen gemacht, aber nicht das erreicht, was i'Äf Ehrgeiz erhoffte. Der jüngste Sohn Gustav soll ihren Herzehswunsch erfüllen, soll studieren, Doktor werden. Dieser Gustav hat den harten Kopf vom Vater, die? Sentimentalität von der Mutter geerbt, versagt im Gjpmriasium, in der Handels-, ja auch in der Bürgerschule. „Dfer gehört separat behandelt", hat der Direktor gesagt, aber da& ist für das Ehepaar Mautner unverständlich und so kommt der.S'chultaugerifchts in die Lehre zum Schwager Lampel in die1 Selcherei. Die Schlichten Menschen dort, deren Tagewerk def schaffenden Arbeit gehört, sind die besten Erzieher. Strenge: und Güte paaren sich, um einen Menschen für den Beruf zu formen. Es gelingt. Gustav ist mit Leib und Seele Sicher: leistet etwas, bis sich Bernhard und Gustav wegen Modernisierung des Betriebes nicht verständigen können und Gustav — schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort — sein „dkrih1 geh' ich lieber" und Bernhard sein ruhiges „Geh" sagt. Niöf folgt die schwere Zeit, die ihn nach Budapest führt und Erfolg^ und Enttäuschungen bringend, ihn zum Manne" reilt. Gustav-* wird, nach Wien zurückgekehrt, Meister, Fabrikant, kös|M;das Auf und Nieder des Schicksals., die Bitterkeit materieller ^Abhängigkeit aus, bis er nach fünf schweren Jahren auf der? Hone ist. Ein Wort der Mutter, die ihm eine Partie ver- JAC MAYER rhfttttlch In Uber 6CO Verkaufa»t*lt*n Groß «er trieb. für Oeslerreich:. ■hfobrih ■tofaifer <* Emtfc* Wien VII.. Siebensterngasae 46, Tel. B 31 3-73 sorgen will und ihn verblümt aufmerksam macht, daß er nicht sor viel beanspruchen darf, weil er doch „nur ein Selcher" ist, hat den Brand in der Seele entfacht. Nun ersteht die Sehnsucht, das Verlangen nach geistigem Reichtum. Er will, er muß lernen, Doktor werden. Mit zäher Energie wird das Ziel erreicht. Hichler hat den Weg eines Autodidakten psychologisch erfaßt, hat mit den Gestalten zweier Universitätslehrer — gemeint sind Jodl und Minor — herrliche Erinnerungen verewigt und in seinem Helden wieder einen von vielen verkörpert. Ueber Wünschen und Streben hinweg geht Leben und Tod. Mutter und Vater scheiden von ihren Kindern, aber der Sohn gelangt ans Ziel. Mit feinstem Fühlen hat Hichler der Seelen Weben nachempfunden, hat die Strömungen der Zeit nicht verschwiegen, den Zwiespalt in def Brust des jungen Juden aufgedeckt und weist zum Schluß einen Weg: „Dorthin, woher du stammst, mußt du noch gehen: Zum Volk zurück!" Wir lassen den jungen Doktor sich nrit dem Problem auseinander setzen, wir sagen nicht „ja" und sagen nicht „nein", wir sagen nur eines: „Verschlungene Pfade bist du gegangen. Die dir begegnet sind, waren dir keine Feinde, waren dir wohlgesinnt und hilfreich." Dessen eingedenk bleiben, ist auch ein schönes Ziel und würdig aller Outen. Der Sohn des Moses Mautner warst du. bleibst du — Dr. Gustav Mautner bist du geworden — denk und vergiß nicht! Wir denken nach und scheiden nachdenklich von Hichlers tiefinnigen, echtjüdischen Gedankengängen. Dr. V. K. . Die Kuratorien, Leitungen und die Lehrkörper des nebrfflsdieii Pädagogiums, des JQdlsdien Realgymnasiums und des Jflglscüeii Rellglonsiehrersemliiars geben in tiefster Wehmut Nachricht vom Ableben des ehrwürdigen Herrn Obemtöblners Prot. Dr. B. P. (HAJES Sie beklagen in dem Heimgang dieser einzigartigen Persönlichkeit, durch welchen die Wiener jüdische Gemeinde und das ganze jüdische Volk in tiefste Trauer versetzt wurde, den Verlust des Gründers ihrer Lehranstalten, deren Gedeihen ihm Gegenstand liebevollster Sorge und innerste Herzenssache war. Wir werden seiner allezeit in tiefster Dankbarkeit und Ehrfurcht gedenken. Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wie» II., OlOCkeitgaSSe 24 Tel. 48-4-79 SHfch Legitimation 100/, Na Chi «B

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