Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 51 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seit« 4 l«til»i^ DI£ WAHiMEil Der Numerus clausus, Ungarn, Kant und Goethe. Aus Anlaß einer Festrede. Zwischen Goethe, Kant und Ungarn Zusammenhänge herzustellen, dürfte auch dem eifrigsten Goethe-Philologen schwerlich gelingen. Aber der Numerus clauses bewirkt es, und zwar auf dem Umweg über einen hochgelahrten deutschen Professor mit einem weltberühmten Namen. Nicht etwa, daß Goethe und Kant für den Numerus clausus, diese edelste Frucht der neuesten ungarischen Nationalkultur eingetreten wären, aber jener hochgelahrte deutsche Professor muß im Hinblick auf Goethe dasselbe verlangen, was die magyarischen Patrioten im Hinblick auf ihre nationale Kultur verlangen und verteidigen, nämlich einen Numerus clausus für die Juden. Der deutsche Gelehrte mit dem weltberühmten Namen ist der Jenenser Professor Max Wundt. In seiner neuesten Geistesschöpfung, „Deutsche Weltanschauung", finden sich unter anderem folgende Stilübungen: „Der Jude ist die dunkle Macht der Verneinung, die tötet, was sie angreift." „Der Jude wirkt als der Wille zum Bösen in allen Bezirken des deutschen Geistes, zieht diesen von seinem Urquell ab und reißt ihn in den Pfuhl der Gemeinheit herunter." „Durch Rassenmischung entwickelt sich der jüdische Geist, wie er als eine teuflische Macht unter den germanischen Völkern gehaust hat und bis heute haust, der Geist der Verworfenheit." Zuverlässigen Nachrichten zufolge soll der Gelehrte beim Niederschreiben dieser Sätze weder einen Schwips, noch Fieber gehabt haben, sondern im Vollbesitz seiner Geisteskräfte gewesen sein. Der Gelehrte kann den „Neukantianismus" nun nicht leiden. Es gibt in Deutschland mehrere philosophische Forscher und Schriftsteller jüdischen Ursprungs, die den Neukantianismus ebenfalls ablehnen. Kein gesunder Mensch kann verstehen, was diese philosophische Richtung mit jüdischer oder nichtjüdischer Abstammung zu tun hat. Aber der Herr Professor Wundt erinnert sich, daß einer der bedeutendsten Führer der Neukantianer Hermann Cohen hieß — obgleich der erste Neukantianer im Grunde ein gewisser Hermann Helmholtz war, den Max Wundt gewiß nicht den Juden ohne weiteres abtreten möchte — und flugs schreibt er einen Artikel und weist nach, daß ein so verwerfliches Ding, eine solche Verballhornung und Entstellung von Kant nur aus dem „jüdischen Geist" heraus geboren werden konnte. Das Pikante an der Sache ist folgendes: ein ungarischer Regierungsphilosoph — das obige ereignete sich nämlich im Jahre 1923 kurz nach Einführung des Numerus clausus in Ungarn, welches darob noch vielfach geschmäht wurde —, ein ungarischer Regierungsphilosoph also griff die Darlegungen des deutschen Gelehrten auf und in einer großen Parlamentsrede bewies er daraus, daß die Juden eine eminente Gefahr für Philosophie und Kultur bilden, die bekanntlich in Ungarn ihren Hauptsitz haben, die ungarische Regierung habe also recht daran getan, den Numerus clausus einzuführen. Wie sollte sie sich denn anders davor schützen, daß in Ungarn ebenfalls ein Hermann Cohen entstehe, der Kant abermals verballhornen und entstellen könnte! Aber eine noch viel wirksamere Hilfe bringt den Verfechtern des Numerus clausus die Rede, die Professor Wundt in der völkischen Gesellschaft „Deutsche Stadt" über Goethe gehalten hat. Er beklagte die „Ueberfremdung" des deutschen Geisteslebens und gab folgende Sätze von sich: „Deutlich macht sich der zersetzende jüdische Einfluß geltend in den Werken namentlich eines Heine und Börne, die den deutschen Geist verhöhnten, in den Lehren eines Karl Marx, der sich als Schüler Hegels bezeichnete und dessen Werk umfälschte; und der Ausspruch: „Wir Juden verwalten den geistigen Besitz Deutschlands" hat nur allzu sehr seine Berechtigung, wenn man beispielsweise daran denkt, daß von den vorhandenen sieben Goethe-Biographien nicht weniger als sechs von Juden verfaßt worden sind und daß auch an das Erbe Kants, ja sogar Fichtes der jüdische völlig materialistisch eingestellte Geist sich heranwagt. Kein Wunder, daß uns so der Zugang zu unserem eigenen geistigen Erbe verschlossen ist." Recht hat er, der wackere Professor! Was heißt das? Die Juden machen noch nicht ein Prozent der Bevölkerung Deutschlands aus, nehmen aber im Beruf der Goethe-Biographen sechs Siebent e 1 des Raumes für sich in Anspruch! Wie kommen sie dazu? Schreit das nicht zum Himmel? Brauchen sich die Deutschen das gefallen zu lassen? Ich schlage vor, Deutschland solle nach ungarischem Muster einen Numerus clausus für angehende Goethe-Biographen einführen. Das erfordert die einfache Gerechtigkeit. Von den sieben Goethe-Biographen darf künftig ein Jude nur knapp den hundertsten Teil schreiben. Die Zuwiderhandelnden werden mit 20 Jahren Zuchthaus, Aberkennung der Bürgerrechte und ewiger Verbannung bestraft. Ihre Bücher werden eingestampft! Der Zugang zu unserem geistigen Erbe wird uns dann nicht mehr verschlossen bleiben. Aber wir werden dann die Juden aus den ihnen gesetzlich zustehenden hundertsten Teil der sieben Goethe - Biographien, auch nach ungarischem Muster, mit Hilfe von Knüppeln und Ohrfeigen und Beschimpfungen ebenfalls hinausdrängen. Dann werden wir bei unserem geistigen Erbe ganz unter uns sein. Völlig wie die Ungarn! Erst dann wird die deutsche Kultur der Welt ebenso voranleuchten, wie die — ungarische! B. Segel. Der Sohn des Moses Mautner: Ein Wiener Roman von Leopold H i c h l e r.*) In den Erzeugnissen der schönen Literatur ist die Figur des Juden keine seltene Erscheinung. Vom Dorfhausierer bis zum Börsenkönig sind alle möglichen Judentypen in verschiedenster Belichtung gezeichnet worden. Wer die Juden wirklich kennt, ist oft von derlei Darstellung wenig befriedigt, weil die Schriftsteller Eigenschaften und Eigentümlichkeiten, die sie bei Juden ihrer Bekanntschaft gefunden haben, wahllos auf den Juden übertragen und weit weniger eine natürliche, dagegen mehr eine Tendenzgestalt in gutem und schlechtem Sinne schaffen. *) Verlag R. Löwit, Wien, 192t,