Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 51 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064348--15917-3089655- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ÖIE, WAHRHEIT Seit* 3 [ Oberrabbiner Dr. H. P. Chajes gestorben. \ Der Oberrabbiner der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Prof. Dr. Hersch Perez Chaies, ist Dienstag abends im 52. Lebensjahre einem Schlaganfaüe erlegen. Oberrabbiner Dr. Chaies hat in der letzten Zeit wiederholt an Herzbeschwerden gelitten, trotzdem aber weiter gearbeitet. Er ist auch noch Dienstag vormittags seinen Pflichten im Rabbinat der Kultusgemeinde nachgekommen. Die Aerzte hatten ihm schon vor Mit dem so plötzlich verstorbenen Oberxabbiner der Wiener Kultusgemeihde, Dr. Chajes, ist eine bedeutende Persönlichkeit aus dem Leben geschieden. Dr. Chajes, der ein Alter von nicht einmal S2 Jahren erreichte, wurde in Brodv als der Enkel des damals weltberühmten Rabbiners Hirsch Chajes, eines der größten Talmudgelehrten seiner Zeit geboren. Dr. Chaies selbst absolvierte 'seine Gymriasialstudien in Brodv, die Hochschulstudien in Wien, wo er philosophische, historische und philologische. Studien betrieb, um sich . auf allen. Gebieten ein profundes. Wissen anzueignen. Nach Absolvierung seiner Hochschulstudien und Erlangung des Doktorgrades in Wien durch eine theologisch-historische Studie über das Evangelium Marcus fand er seine erste Anstellung als Religionsprofessor in einer galizischen Stadt. Kurz darauf berief ihn einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten Italiens, der Rabbiner von Florenz,' an das Rabbinerserriina-r nach Florenz, wo er als Proiessor wirkte. Gleichzeitig lehrte ex an der U n i v e r s i t ä t mit allergrößtem Erfolge sein Lieblingsühd Hauptgebiet, die Bibelexegese. Dr. Chajes kam dann als Oberrabbiner nach Triest und von dort, vor etwa zehn Jahren, im Jahre 1918.: n a c h W i e n als Substitut des erkrankten Oberrabbiners von Wien, Dr. Gudemann, dessen Nachfolger er wurde. Dr. Chajes war, ganz abgesehen von semer Bedeutung als Gelehrter der jüdischen Wissenschaft, auch rein menschlich, eine Persönlichkeit von großem Format. In ihm i beweint das Judentum, einen Menschen von seltenem Herzenslängerer Zeit geraten, einen Urlaub zur Wiederherstellung seiner geschwächten Gesundheit anzutreten und haben als Aufenthaltsort Meran empfohlen. Dr. Cha]es hatte auch schon die Absicht, in der allernächsten Zeit abzureisen. Da er sich Dienstag vormittags nicht mehr ganz wohl fühlte, begab er sich aus dem Rabbinat in seine Wohnung, wo ihn abends ein Herzschlag ereilte. Wenige Minuten später war bereits der Tod eingetreten. * takt. Dr. Chajes war ein warmer Freund der Kinder, obzwar er selbst unverheiratet geblieben ist. Ueberflüssig zu sagen, daß Dr. Chajes bei seiner Herzensgüte vielen Tausenden in Not und Drangsal nicht nur mit Rat, sondern mit tatkräftiger Hilfe und Fürsorge immer beigestanden ist. Auf dem Gebiete aller jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen entfaltete dar Verstorbene ein segensreiches Wirken, wie er auch den Präsidien aller großen jüdischen Stiftungen als Vorsitzender oder zumindest als einflußreiches Vorstandsmitglied angehorte. Dr. Chajes war ein überzeugter Zionist, er weilte wiederholt in Palästina, das er mit heißer Inbrunst liebte, und auch mehrera Male im Interesse der europäischen zionistischen Bewegung, für die er ganz Ungeheuerliches leistete, in Amerika. Von 1912 bis 1915 war Professor Dr. Chajes Vorsitzen der des Zionistischen Aktionskomitees und - Mitglied des Kuratoriums der Universität Jerusalem., deren Ehrendoktor er war. Es gab keinen zionistischen Kongreß, bei dem seine Reden nicht zu den bedeutendsten gehört hätten, und unvergeßlich bleibt die intensive Arbeit, die er geleistet hatte, um die Errichtung der jüdischen Universität Jerusalem zu ermöglichen. Dr. Chajes war auch ein hervorragender Kanzelredner. Seine Predigten wurden stets mit großem Interesse aufgenommen. Die Wiener Judenschaft betrauert das Hinscheiden eines bedeutenden Mannes, auch die. die seinen nationalen Standpunkt nicht teilen» schätzten in ihm die große Persönlichkeit, die nun dahingegangen. tiefe Stiche an seinen Fußsohlen, und als er nach unten sah, bemerkte er, daß der Weg, den er gehen mußte, mit langen, spitzen Dornen, belegt war. Aber .er ging! Das Blut Tann aus setei verwundeten Füßen, aber der Mut verließ ihn nicht! Üneiwilich schien der Dornenweg .— aber er ging. Das Herz krampfte süh in ihm zusammen, dicke Schweißtropfen rannen Von seiner Stiirn, kalt und warm wurde es ihm "— aber er ging! Er achtete auf nichts. Da, jetzt wurden die Dornen stumpfer, sie drangen nicht mehr so tief ins Fleisch, und die Schmerzen ließen nach. Jetzt hörten sie ganz auf, und seine Fuße gingen über Sariit. Der schmale Gang wurde breiter und heller, und der Schneider stark! vor einem leuchtenden, durch- , sichtigen Tore. Er sah hindurch» und sein Herz jubelte über .all das. was seine 'Augen, sahein: Der Schöpfer des Himmels und der Ende saß auf einem leuchtenden Thron. Rechts und Khks standen weißgekleidtete Engel mit Palmzweigen in den Händen und sangen herrliche Loblieder dem Herrn der Weät Ei, ein Gesang! War das ein Gesang! Der Schneider wollte durch die leuchtende Tür schreiten, aber diese — brannte. Er sah. sich nach; einem andereji Eingang um* er fand keinem t\%Tihä'dfeTOT — der Dornenweg! Den langen Dornenweg zurückgehen? Nein! Hinein'in die Herrlichkeit! Durch die brennende,' leuchtende Tür in das Paradies .. . .!? . Der Schneider tat einen Schritt vor., Aber siebe! Das Feuer erlosch, und er trat unversehrt durch die Tür. Da riefen die Engel: »Heil ihm! Hefl ihm! dem Schneider von Prag!' Und sie stimmten alle einen Lobgesamg an. Der Schneider ward geblendet von dem göttlichen Anblick und verlor seine Sinne ... Am anderen Morgen -erwachte der Schneider und sandte ein inniges Dankgebet seinem Schöpfer. Sein Geist - ward durch diesen Traum erleuchtet und eine göttliche Kraft wohnte von nun an in ihm. Er begab sich zum Fürsten und erteilte ihm einen Rat, der den ganzen Hof in Staunen versetzte. Der Fürst tat so, wie ihm der Schneider von. Prag geheißen und wirklich* er ward seine Sorgen los. Vor» da an war der Schneider der stete Berater des Fürsten. Es wurden ihm alle Ehren zuteil, und das Volk iubelte ihm zu, wermn er sich zeigüe. — Der Prager Schneider lebte noch lange am fürstlichen Hofe und wirkte zum Besten seiner Glaubensgenossen. Als er aber alt wurde, bat er, man möge ihn zu seiner Familie gehen lassen, was ihm auch gewährt wurde. Er lebte noch lange Jahre im Kreise seiner vielen Anhänger und half durch seine Weisheit und Wunderkraft manchem Unglücklichen.44 Schmulek schwieg jetzt, ebenso seine Zuhörer, die dasaßen, als seien sie in Bann geschlagen. Bonz war der erste, der zu reden anfing. „Wahrhaftig", rief er, „wahrhaftig, damals gab es noch Wunder . . ,!" Und er sandte einen raschen Blick nach der Ecke, m der die leere Flasche stand. „Nu", ließ sich jetzt Elieser vernehmen, „ein Mensch kann auch fliegen, wenn es Gott wfl.1 — ihr habt ja gehört." „Gewiß, mit Gottes Hilfe ist alles möglich!4' warf Berel Manoschke dazwischen. „Und wenn heute die Menschen nicht so schlecht wären, so würde es auch heute noch solche Pager Schneider geben", setzte Mendel hinzu. Inzwischen war das Feuer im Ofen erkaltet, und die Petroleumlampe warf nur noch einen spärlichen Schein auf die Anwesenden. Da öffnete sich knarrend die morsche Tür, und herein trat in ihrer vollen Größe Guttchen, Bonzens vor Gott und vor Menschen angetrautes Weib. Dieses unvermeidliche Geschehnis veranlaßt» die vier Unbeweibten, sich gegenseitig zu befragen, ob es denn nicht Zeit wäre, nach Hause zu gehen, und einer nach dam anderen erhob sich, wünschte „Gute Nacht'* und verschwand durch die Tür. — Aber noch lange schwebte jedem das Bilddes Präger Schneiders vor Aug^rt, bis 2m der Schlaf einhüllte.