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Die Wahrheit · 1927-12-09 · Heft 50 (9.12.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 50 (9.12.1927)
Date
1927-12-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 III DIE WAHRHEIT schulen, wo verständnisvolle Zusammenarbeit möglich war, ist die Arbeit des jüdischen Studenten in der Selbstverwaltung auch von völkischen Studenten anerkannt worden. Der völkische Haß ist nicht vorhanden, sondern er ist hineingetragen in das studentische Leben. Ihn für immer auszumerzen muß nun Aufgabe aller studentischer Kreise ohne Unterschied von Partei und Bekenntnis sein. Staatenlos. Die Tragödie eines Staatenlosen spielt sich wieder vor aller Welt ab. 0 s k a r S1 a t e r, ein deutscher Jude aus einer inzwischen polnisch gewordenen Stadt in Oberschlesien, saß seit 1909, also beinahe 18 Jahre, in einem schottischen Zuchthaus, gewissermaßen als „Begnadigter". Er war der Ermordung einer alten Dame angeklagt, auf Grund brüchiger Indizien zum Tode verurteilt und dann zu lebenslänglichem Zuchthaus „begnadigt" worden. Er ist nun aus dem Zuchthaus entlassen worden, nachdem seine Unschuld, die er immer beteuert hat, durch letzte Geständnisse der einzigen Belastungszeugin klar an den Tag gekommen ist. Nicht daß Slater das Opfer eines Justizirrtums geworden ist, ist es, was uns so tief bewegt. Das kann bei der Unzulänglichkeit menschlichen Rechtsprechens jedem und überall passieren. Die eigene Note dieser Tragödie liegt in der Staatenlosigkeit ihres Helden, und damit wird sie zur Tragödie vieler, zur Tragödie der jüdischen Wanderung. Slater war Jude und Emigrant, und hatte, als er vom Unglück erfaßt wurde, die deutsche Staatsangehörigkeit bereits eingebüßt. Er war staatenlos, und keine Regierung, keine Botschaft und kein Konsulat nahm sich seiner an. Er gehörte auch keiner Partei an, die aus seinem Falle einen Sacco-Vanzetti-Fall hätte machen können. Die Richter, die scheinbar selber der Sache nicht recht trauten, schickten den dem Henker Verfallenen für sein Leben lang ins Zuchthaus. „Lebenslänglich" heißt in England und Schottland, bei guter Führung, höchstens fünfzehn Jahre. Die Frist war längst verstrichen, Slaters Führung war musterhaft. Aber entlassen konnte er nicht werden, weil er staatenlos war. Er ist jetzt in Freiheit gesetzt, und in den Fremdenämtern zerbrach man sich eine Weile darüber den Kopf, ob Slater des Landes verwiesen und wohin er geschickt werden soll. Das Parlament hat nun durch die rasche Annahme eines Gesetzes die Möglichkeit für eine Wiederaufnahme des Verfahrens, Rehabilitierung und Entschädigung Slaters geschaffen. In Genf hat man sich im Völkerbunde und in den Komitees und Delegationen um diesen herum, schon so oft mit der Frage der Staatenlosen befaßt. Wie die Dinge stehen, ist diese Frage vornehmlich eine jüdische Frage. Der Staatenlosigkeit sind mit der Umwälzung und Neuordnung der geographischen Karte unzählige Juden in der Fremde ohne Zutun und Verschulden, oft ohne es selber zu wissen, verfallen. Sollen sie es in kritischen Momenten, bei Mißgeschicken,- vor denen kein Mensch sicher ist, wie Slater erfahren, wie völlig schutzlos sie in der Welt dastehen? Die Völkerbundsmühle mahlt langsam. Der Fall Slater sollte aber für alle in Betracht kommenden Instanzen ein Ansporn sein, diese Angelegenheit ohne Verzug nach Menschen- und Völkerrecht zu regeln, auf daß nicht ferner auch in kultivierten. Rechtsstaaten „staatenlos" gleichbedeutend sei mit rechtlos. Feuilleton .....................:...................................,................................. Im siebenten Himmel. (Fortsetzung.) Die vier Männer beachteten Schmulek nicht weiter, sie begannen sich über allerlei zu unterhalten. So kam die Rede auf die Politik, und man politisierte sehr eifrig. Der Hauptpolitiker war Berel Manoschke; sein Wort galt viel. „Und ich sage euch", sprach Berel mit hochgezogenen Augenbrauen, „es gibt Krieg! Ja, ja, die Zeitungen sind voll, man redet überall, man zwinkert allerorts: Krieg! Wenn Reb Wölfe} (Wilhelm II.) nicht so gut Freund mit Reb Frojm Jossei (Franz Josef) wäre, hätte ihn doch sicher die Ermordung des Thronfolgerpaares nicht so berührt Ein Beweis: Juwen (Russe) spitzt das Messer. Und wenn Juwen das Messer spitzt: vor wem hat er Angst? Vor Reb Wülfel! Hah, nicht? Und warum hat Juwen Angst? Wen er weiß, daß Jekke (deutscher Michel) . . . daß Jekke . . . daß Jekke . . . Hah, vielleicht nicht? Ja, weiß Gott...!!" Nach diesen Worten tat Bonz einen tiefen Schluck aus der Flasche, was die anderen veranlaßte, aufzusehen. Jetzt rief der Wasserträger: „Bonz? du hast noch einen Schluck?! Und du hast kein Erbarmen mit deinem Bruder?!! Geh, äh! Auch ein Freund! Auch mir ein Freund! Wae steht es in unserer Heiligen Schrift? Wenn er durstig ist, so gib ihm einen Schluck!! Ah, steht das nicht so . . .?" .,Da!" antwortete ihm Bonz mit einem sauren Gesicht und reichte die Flasche herum. Nach Zuendeführung dieses gezwungenen Freundschaftsbeweises warf Bonz einen Blick auf die Flasche, worauf er dieselbe vielsagend in eine Ecke stellte. „Wo nehme ich heute noch eine zweite Flasche her?!" rief verzweifelnd Bonz. „Wo nehme ich sie her, so spät in der Nacht?!" Und während sich Bonz in solchen Klagen eigoß, kam Schmulek, der „Philosoph", allmählich zu sich. Er öffnete langsam die Augen; sein erster Blick traf Bonz. „Bonz!" rief Schmulek laut, „Bonz, ich hab's . . .! Wahrlich, ich hab's! ... Im Schlaf — im Schlaf ist es mir eingefallen . . .Ü" Mit einem Ruck wandten sich alle Schmulek zu. „Wenn ihr wollt", so sprach der „Phlosoph", „so erzähle ich euch den Rest der Geschichte vom Prager Schneider!" „Gewiß, gewiß, erzählt nur, erzählt nur . . .!" riefen da die vier Alten wie aus einer Kehle. Alle machten sich „bereit", und Bonz schien seinen Aerger vollständig vergessen zu haben. Im Gegenteil: er wurde sofort guter Laune und rief dem Alten zu: „Na, Alter, wieder eingefallen? Häh, wieder zu sich gekommen? Ja, der Branntwein! So ein Schluck macht viel! Viel macht so ein Schluck! Ja, hä, hä, häääaaaü . . .!!" Bonz lachte, und die anderen lachten mit Nun schauten die vier Alten mit einer gewissen Neugierde auf den noch älteren Erzähler, und dieser strich sich bedeutungsvoll seinen Bartwuchs zurecht, während er zwischendurch die Augen gewohnheitsmäßig sohloß und öffnete. Dies' hieß immer soviel wie: aufgepaßt! Und Schmulek, der „Philosoph", erzählte weiter: „Als der Schneider seine Familie gespeist, seinem Schöpfer genügend Lob und Dank gebracht hatte, begab er sich zur Stadt und machte verschiedene Einkäufe für seine große Reise. Er kaufte sich zunächst einen neuen Talis. Denn, sprach der Schneider zu sich, wie kann ich in einem Palast einen solchen zerfetzten Talis anlegen! Dann kaufte er sich ein neues Taschenmesser, das doch jeder anständige Mensch haben muß. Und sogat eine Hawdolohkerze vergaß er nicht.

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