Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 49 (2.12.1927)
- Date
- 1927-12-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 mB^mummmmmmmm DIE WAHRHEll Veröffentlifhun&en der .Union Wim IX. föerggasse % ifostsf»argzass<sn- Jionto Jlv. (Tel. » Union"- Versammlung. Dienstag, den 22. v. M. fand, wie wir bereits in unserer letzten Nummer kurz berichteten, im großen Saale des Caf6 Mariahilf eine recht gut besuchte Versammlung der Mitgliedschaft VI—VII—VIII der „Union deuts^hosterreichischsr Juden" statt Der Obmann der Mitgliedschaft, Herr Karl Fröhlich, begrüßte als Vorsitzender die Erschienenen, unter denen sich auch mehrere Kultusvorsteher mit Präsident Professor Dr. A. Pick an der Spitze und zahlreiche Vorstandsmitglieder der „Union" befanden. Dr. Leo Deutschländer ergriff nun das Wort, um zunächst in einer prinzipiellen Vorbemerkung darauf hinzuweisen, daß die „Union", als deren Gast er nun schon das zweite Mal öffentlich spreche, als politische Organisation reale konkrete Aufgaben mit hingebungsvollem Eifer erfülle. Doch lasse sich derlei bei einer jüdischen Vereinigung nicht von dem geistigen Fundament des Judentums loslösen, wie überhaupt jedes Streben nach politischer Gestaltung und politischen Erfolgen sittlich begründet sein müsse. Alles Streben sucht nach einer Synthese, die sich im Judentum im Jesajanischen Gedanken des Friedens findet. Diesem idealen Ziele sollten wir alle zustreben, der Weg dahin aber erscheint wichtiger als das Ziel Wie nun diese Wege heute beschaffen sind, das zeigte Dr. Deutschländer in geistvoller Weise auf, indem er die drei Richtungen charakterisierte, die zur Zeit im Judentum die geistig herrschenden sind: Die litauische, die polnisch-chassidische und die westeuropäische Gedankenwelt. Die erstere hatte ihren Schöpfer im Wilnaer Gaon, der vor ungefähr zweihundert Jahren lebte, von dem sich wohl wenige Bücher finden, dessen Schüler aber überall in der Welt in allen Lehranstalten (Jeschiwoth) lehren und lernen. Denn diese Richtung erblickt als wesentliche Aufgabe emsiges Lernen, ihr ist das Lernen als solches Selbstzweck. Durch diese Methode verlieren diese rein geistig eingestellten Menschen, ins reale Leben gestellt, den Boden oft unter den Füßen, doch kann man an der Großartigkeit ihres Lerneifers, welchen Standpunkt man immer einnehmen möge, nicht vorübergehen. Das Judentum in Polen ist ganz anders differenziert, es hat mit dem litauischen nur das äußere Gewand gemeinsam, nicht aber die gleiche Seele. Der Chassidismus, über den zahlreiche Bücher vorhanden sind, verdankt seine Existenz Baal Schern, der die Lehre begründete, daß vor allem die Sehnsucht der Seele zu befriedigen, nicht aber nur dem Verstände zu fröhnen sei. Deshalb entwickelte sich diese Bewegung mehr schwärmerisch und kam im starken Gegensatz zu der litauischen, was schwere Kämpfe bedingte, die erst jetzt einigermaßen zum Stillstande gekommen sind. Im westeuropäichen Judentum schließlich finden sich die Kontraste zwischen der liberalen (Zunz, Geiger) und der orthodoxen (S. A. Hirsch, Hildesheimer) Richtung, die entschiedene Kämpfe verursachten, die noch nicht ganz überwunden sind. Es handelt sich hier darum, daß das Judentum nur blitzartig in die moderne Kultur gestellt wurde, dessen geistige Werte wir durchaus nicht missen wollen. Dabei verkennen aber viele die Wichtigkeit der Vertiefung in die jüdische Bildung, sind, wie S. A Hirsch es klassisch ausdrückte, „Könige im Reiche des Deutschtums, Bettler im Reiche des Judentums". Hier gilt es, eine Synthese der Vereinigung zwischen jüdischer und weltlicher Bildung zu schaffen, was um so leichter ist, als beinahe von allen modernen Geistesgrößen sich eine Linie liehen lasse zu den geistigen jüdischen Urwerten, wie Doktor Deutschländer an mehreren Beispielen treffend bewies. Lang anhaltender Beifall folgte seinen ausgezeichneten Ausführungen, die jüdisches Wissen mit fundamentaler moderner Bildung zu vereinigen wußten. Der Präsident der „Union deutschösterreichischer Juden". Herr Dr. Jakob Ornstein, erstattete hierauf einen „Jüdischpolitischen Bericht", wobei er einleitend betonte, wie schwer es sei, von der hohen Warte, auf der die Ausführungen des Vorredners gestanden, herabzusteigen in die Niederungen der Jüdischen Politik. Wenn Dr. Deutschländer betont habe, daß der Weg wichtiger wie das Ziel sei, so müsse gesagt werden. daß der Weg der Juden in Oesterreich ein sehr dorniger sei. Er führt nicht auf den Höhen, sondern oftmals im Sumpfe, besonders in dem des Antisemitismus, zu dessen Bekämpfung die „Union" vor mehr als zweiundvierzig Jahren gegründet wurde und dessen Abwehr heute, da der Feind immer drohender wird, notwendiger denn je ist. Findet er sich doch sogar in den höchsten Kreisen, selbst in der Geisteswelt, auch auf unserer Alma mater, wo der Taufschein entscheidet, an dem, wenn er neueren Datums ist, auch gemäkelt wird. So wird zum Schaden des Landes, das wir lieben, gearbeitet, so wird uns von allen Seiten der Kampf angekündigt; nach der christlichsozialen Programmphrase vom „zersetzenden Einfluß des Judentums" folgte erst vor kurzem die Resolution des „Evangelischen Bundes", die zum „schärfsten Kampf wider den Volksfeind" aufforderte. Eine solche Behauptung ist eine niederträchtige Lüge, wenn man bedenkt, wieviel Oesterreich seinen jüdischen Bürgern seit Jahrhunderten verdankt. Wir werden uns aber durch solche Anfeindungen nicht anfechten lassen, denn wir lieben dieses Land, an dessen Prosperität wir als Staatsbürger stets mitarbeiten werden. Juden waren es, die die Industrialisierung Oesterreichs vor mehr als 100 Jahren besorgten, das bis dahin nur Agrikolarland war, mit ihren christlichen Kameraden haben Tausende von uns ihr Leben für das Vaterland im großen Kriege geopfert. Der Dank ist ein verschärfter Antisemitismus. Deshalb könne man nicht, wie dies Stephan Molden in der „Neuen Freien Presse" unlängst getan, von einem Niedergang des Antisemitismus sprechen, die Bekehrung Henry Fords bedeute wohl einen Lichtblick, aber dennoch dürfen wir den aufgenommenen Kampf nicht abbrechen. Was die Verhältnisse im innerjüdischen Leben anbelangt, so muß wohl selbst von Nichtzionisten tief bedauert werden, daß das palästinensische Aufbauwerk eine schwere Krise erleidet, große Arbeitslosigkeit dort herrscht und die Auswanderung die Einwanderung seit mehreren Monaten um mehr als das Doppelte übertrifft. Diese Zustände, über welche äußerliche Scheinerfoge nicht hinwegtäuschen können, sind sicherlich sehr betrübend. Aber nicht einmal als solcher Scheinerfolg kann der Kongreß der nationalen Minderheiten betrachtet werden, auf dem Jüdischnationale die österreichische Judenschaft zu vertreten vorgaben. Wir fühlen uns hier nicht als „nationale" Minderheit, die wir nur der Religion nach und sonst in gar keinen Belangen sind, da die Mehrheit der österreichischen Juden auf dem staatsbürgerlichen Prinzip steht. Rabbiner Wise, von dem die Einladung zum jüdischen Alinderheitskongreß ausging, kennt wohl die hiesigen Verhältnisse nicht, übrigens würden auch die amerikanischen Juden ihm sicher widersprechen, wenn er sie in das Prokrustesbett der nationalen Minderheiten zwingen wollte. Wir danken für eine solche schützende Hand, und so wie wir ablehnen, taten dies auch bedeutende jüdische Führer aller Herren Länder. Für die österreichischen Juden, deren Großteil zu dieser Versammlung ksine Vertreter entsendet hatte und auch nicht entsendet hätte, wurde schließlich auf dem Kongreß selbst die Türe geschlossen. Wir protestieren dagegen, als nationale Minderheit dort gewertet zu sein, wo wir Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten sind. (Beifall.) Dafür haben unsere Vorfahren im Jahre 1848 gemeinsam mit ihren christlichen Mitbürgern gekämpft, dafür kämpfen auch wir. Das ist eben die große Kluft zwischen uns und den Jüdischnationalen, die behaupten, Träger der nationalen Einheit des Judentums zu sein, während wir österreichischen Juden selbst für unsere Geltung eintreten, dennoch aber jedem Juden, woher er auch immer sei, wenn er bedrängt ist, beistehen wollen. Die Gleichberechtigung soll nicht nur auf dem Papier stehen, sondern in das Gefühl unserer christlichen Mitbürger aufgenommen werden; das wird nicht erreicht, wenn wir uns absondern wie die Jüdischnationalen, deren Erfolge bei den letzten Wahlen kaum allzu große waren, sondern mit unseren christlichen Mitbürgern arbeiten, weshalb die „Union" das Streben habe, zwar nicht, wie es ihr einmal von