Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 49 (2.12.1927)
- Date
- 1927-12-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT fitiminiuiinmimmmmnnmmnnuimimuimniiRDinniiuniaiiQniii sammenhang gebracht wird, im Interesse der ungarischen Nation liege. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Glaube an die moralische Vertrauenswürdigkeit der Rassenschützler durch die Gerichtsverhandlungen über die Bombenattentate, die Francsfälschungen usw. usw. arg erschüttert wurde. Es ist schließlich auch notorisch, daß die Antisemiten in Ungarn die jüdischen Studenten gerade wegen ihrer überragenden geistigen Befähigung vom Besuche der Universität zurückgedrängt sehen wollen. Naive Gemüter könnten wirklich auf Vermutung kommen, daß der ungarische Unterrichtsminister nur das Interesse der jüdischen Studenten im Auge hat, wenn es in seiner jetzt ganz erledigten Revisionsvorlage heißt: „Bei der Bewilligung der Inskription muß auf die Treue der Nation, auf die moralische Vertrauenswürdigkeit und auf die geistigen Fähigkeiten der Inskriptionswerber Rücksicht genommen werden." ___ Ego. Religion oder Illusion? Eine Auseinandersetzung mit dem jüngsten Buche Professor Sig. Freuds: „Die Zukunft einer Illusion". Von Med.-Rat Dr. Heinrich Haase. I. Im Mai 1926 war Professor Freud anläßlich seines siebzigsten Geburtstages in Wort und Schrift von zahlreichen Verehrern und Bewunderern aus aller Welt gefeiert worden. Sein wissenschaftliches Verdienst um die Erforschung und Kritik der seelischen Funktionen des Menschen, seine von Erfolg gekrönten Bemühungen um Aufklärung tiefer und schwieriger Probleme der Seelenheilkunde erfuhren ihre wohlverdiente Würdigung und Anerkennung. Wie bei jeder prominenten, neue Bahnen weisenden Forschergestalt von internationalem Ruf, deren Größe wie ein Phänomen wirkt, konnten und mochten sich gerade hier in Wien seine engeren Stammes-, Berufs- und Gesinnungsgenossen in dem von ihm ausgehenden Lichte sonnen. Haben ja seine originellen Begriffsbestimmungen nicht bloß in der Medizin, sondern in der modernen Literatur, in der Journalistik, im Sprachgebrauch des Alltags sowie in der Jurisprudenz Eingang gefunden. Die Anregungen, welche die Erziehungslehre, die prähistorische, mythologische, 'volkswissenschaftliche und andere Disziplinen aus seinen Werken zu ziehen vermochten, sind ebenso zahlreich, wie hervorragend. Auch wer als Arzt die Verallgemeinerung der psychoanalytischen Behandlungsweise ablehnt und ihre Erfolge bezweifelt, muß den Wert seiner neuartigen Untersuchungstechnik anerkennen. Aber auch als Mensch hat Freud die ihm zuteil gewordene Ehrung vollauf verdient. War er doch stets ein vornehmer, integrer, vor allem wahrhafter Charakter, von geistiger Unabhängigkeit und seltener Ausdauer in der Arbeit, der, „entrückt von jeder Gunst und Mißgunst", sich auf seine, allerdings hohe Warte seiner Gelehrten- und Ordinationsstube zurückzog. Diese nicht hoch genug einzuschätzende Wahrhaftigkeit hat ihn damals veranlaßt, in einer Antwort auf eine der zahllosen Gratulationen von sich selbst auszusagen, daß „er immer ein Ungläubiger war und ohne Religion erzogen worden, wenn auch nicht ohne Respekt vor den .ethisch4 genannten Forderungen der menschlichen Kultur". Diese Worte sind es, welche den Schlüssel zu dem Bekenntnis abgeben, das Freud in seinem eben erschienenen Buche „Die Zukunft einer Illusion" ablegt Sie bezeugen eine heutzutage oft . zu beobachtende Erscheinung, daß bei hochgebildeten Männern nicht religiöse Gesinnung mangelt .— Pietät, Wohltätigkeitssinn eignen ihnen in hohem Maße —, allein es fehlt Ihnen die religiöse Bildung, die Erkenntnis der Schätze, welche die religiöse Lehre birgt und verleiht. Freud hat diesen einbekannten Mangel für sich reichlich wettgemacht durch wissenschaftliche Betätigung und einwandfreie Lebensführung. Sagt doch der Dichter: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion." Allein der Dichter fügt hinzu: „Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion." Hat sich der Gelehrte bisher in weiser Beschränkung in Seinen Werken aller Einflußnahme auf Gewissensfragen und philosophische Weltanschauungen enthalten, so tritt er jetzt bewußt an die Seite Jener, welche die Axt an die Mauer des iinniniuiiiM Seite 9 Glaubens gelegt haben — im festen G1 a u b e n an die Richtigkeit ihres eigenen Denksystems. Schon in seiner interessanten Schrift, welche das „Totem und Tabu" behandelt, bat er die Urgeschichte der Religionen analysiert. Die Untersuchungen über das Liebesleben des Menschen haben ihn zu einer besonderen Betonung der kindlichen Sexualität veranlaßt und dazu, Resultate der Psychoanalyse auf Erziehungsfragen anzuwenden. Nun unternimmt er es, diese Nutzanwendung seiner Hypothesen über die Seele des Kindes und des Erwachsenen auf die seelische Entwicklung der ganzen Menschheit auszudehnen. Dabei war es natürlich die Religion, welche sich ihm als der wichtigste Faktor bei dieser Entwicklung von selbst aufdrängen mußte. Er will „den Anteil behandeln, den die psychoanalytische Betrachtung zur Lösung des religiösen Problems leisten kann." II. Freud ist sich des Gefährlichen und Peinlichen sehies Unterfangens die Religion abzuschaffen, weil sie als eine Kindheitsneurose wie so viele andere ihresgleichen von der Menschheit überwunden werden muß, deutlich bewußt. Ebenso der Unsicherheit seiner, als „eilig" selbst erkannten Beweisführung. Er motiviert sein Wagnis mit dem Satze: „Man kann sich oft nicht abhalten, zu sagen, was man meint." Er leistet also keinen Triebverzicht, trotzdem er naiv einbekennt, für seine Sache, die Psychoanalyse, dabei Angst zu bekommen. Auch ich möchte mit diesen, von ihm entlehnten Worten meine Widerlegung seiner Ansichten begründen. Freud behauptet auch, „daß wir uns gerade jetzt in einer Entwicklungsphase befinden, wo sich die Abwendung von der Religion mit der schicksalsmäßigen Unerbittlichkeit eines Wachstumsvorganges vollziehen muß". Als im Jahre 1922 Oswald Spengler im II. Bande seines Werkes „Untergang des Abendlandes" unsere Zeit „in der die mechanische Weltanschauung ihren Gipfelpunkt überschritten hat und das Problematische aller Wissenschaft zum Bewußt» sein gekommen ist", für reif erklärt hatte, eine „zweite Religiosität" anzunehmen, die nur anders erlebt und ausgedrückt, wieder den Bestand der ersten und frühen enthält", war es mir ein Bedürfnis, die Frage zu erörtern, die den Titel einer im Philo-Verlag (Berlin) erschienenen Schrift bildet: „Frommt uns ein neuer Glaube?" Mein Aufsatz hatte die Tendenz, darzutun, daß bei der bestehenden Sehnsucht, aus dem religiösen Indifferentismus herauszukommen, und der Abkehr vom dogmatischen Christentum, die sich in England und Amerika seit langem vollzieht, die Anerkennung einer dogmenlosen Religion eine Forderung der Zeit darstellt, welche das Problem in befriedigender Weise zu lösen vermag. Als eine solche dogmenlose Religion habe ich den reinen Mosaismus, den Glaubensinhalt des Alten Testamentes hingestellt Ich habe aus der Verquickung des heidnischen Philosophems mit dem biblischen Monotheismus, welchen das Konzil von Nicäa sanktioniert hat, das erstere wieder auszuschalten für notwendig erachtet, womit die Dogmen wegfallen. Auch Freud wendet sich mit. aller Schärfe gegen das Dogmatische in der Religion, das er als „Absurdität" brandmarkt, „welche die Kritik herausfordern muß und nur von Denkschwachen ohne Widerspruch angenommen werden kann". Allein er betont dabei meines Erachtens zu wenig, daß er, wie er in einem einzigen kurzen Satze (S. 62) sagt, sich bloß auf die europäisch-christliche Kultur bezieht, der die Versprechungen der Religion nicht mehr glaubwürdig genug erscheinen. Es mag für deren Dogmen zutreffen, daß sie wie Zwangsneurosen wirken — erwähnt wird bloß die eine von den HöUenstrafen — es besteht kein Zweifel, daß ihre Abschaffung ein bedeutsames Argument gegen die Religion beseitigen würde. Aber auch die moderne wissenschaftliche christliche Theologie bemüht sich jetzt auszuroden, was den Denkgesetzen widerspricht. Weder Gesetz noch sittliche Vorschriften im AJten Testament stehen mit den Denkgesetzen in Widerspruch; sie hindern in keiner Weise sich eine Weltanschauung zu bilden, die den Ermittlungen der Naturwissenschaft entspricht und das Gottesbewußtsein mit ihnen in Einklang zu bringen. Es spannt den Geist seiner Bekenner nicht in den Schraubstock des Glaubens. Man weiß dort noch nichts vom blinden Glauben, den man für das Unglaubliche, das man nicht glauben kann und soll erfunden und als ein Verdienst geheiligt hat. Das Wort im Kanon, das dem deutschen „Glauben", der „pistis" entspricht, bedeutet bloß Zuversicht, Vertrauen, Beipflichtung nach gewonnener Einsicht. Die Annahme gewisser Dogmen aber wird dort vom Vernunftgebrauch abhängig gemacht und die Seligkeit daran zu knüpfen, fiel niemandem ein. (Fortsetzung folgt.)