Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 49 (2.12.1927)
- Date
- 1927-12-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIB WAHRHEIT Seite 7 reichischen Organisation bereit Der Fraktionsstreit war einmal entfesselt und nun regnete es von beiden Seiten zügellose Angriffe. Als am Dienstag Abend die Kommissionen ihre Anträge unterbreiteten, darunter auch die Organisationskomrnission, versuchte der „Radikale Klub" durch Dr. Plaschkes einen Vorstoß. Künftig solle zum Parteitag nicht mehr aus den Bezirkssektionen gewählt werden, sondern von allen, in einem Wählkreis zusammengefaßten Wahlberechtigten. Der Zweck war klar, nämlich die Wahl von Radikalen und sonstigen Vertretern von Ideologien zu erleichtern. Der Antrag wurde von einer starken Mehrheit, welche grundsätzlich das Hineintragen von Fraktionszwist in die tägliche Arbeit perhorresziert, abgelehnt Den Eklat brachte dann — in der letzten Nacht — die Wahl der neuen Exekutive. Die Mehrheit des Permanenzausschusses schlug vor, den verdienten Dr. Goldhammer zum Präsidenten wiederzuwählen, stisß aber auf den Widerstand seiner eigenen Klubgeriossen. Ihr Sprecher Stricker erklärte, die Mehrheit solle die Verantwortung durch einen Parteipräsidenteri aus ihrer Mitte allem tragen. Dr. Qoldhammer geißelte diesen. Standpunkt meinte jedoch, nunmehr eine Wahl nicht annehmen zu können, um sich nicht Disziplinbruch und Ehrsucht nachsagen zu lassen. Faktisch erfolgte eine Kampfabstimmung. Goldhammer wurde mit 32 gegen 11 Stimmen bei einigen Enthaltungen gewählt, blieb aber bei seiner Absage. Die Erregung war allgemein und äußerte sich fn scharfen gegenseitigen Vorwürfen. Es blieb kein anderer Ausweg, als dise Fortsetzung des Parteitages auf Anfang Dezember zu beschließen. Vielleicht wird inzwischen der radikale Klub, dem bei seiner Erklärung gegen Goldhammer keineswegs wohl war, in seiner eigenen Mitte Ordnung machen und den Weg zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit aller ermöglichen. Die große Mehrheit der österreichischen Zionisten kann jedenfalls eine weitere Sabotierung der Arbeit nicht dulden. Dr. E. M. Zweig. Zu unserem eigenen Berichte Ist noch nachzutragen: In der Generaldebatte sprach außer den von uns teilweise angeführten Rednern auch Dr. Finkeist ein (Gruppe „Aufbau"), welcher sich insbesondere gegen die Ausführungen Strickers wandte. Man kann ein Volk nicht durch ein Wort in Bewegung setzen, auch nicht durch das Wort „Judenstaat". Er macht dem Landeskomitee zum Vorwurf, daß es zugelassen habe, daß gegen Kongreßbeschlüsse öffentlich gesprochen worden sei. Die Propaganda der Radikalen und Revisionisten gegen die vom Kongreß beschlossene Erweiterung der Jewish Agency sei Disziplinbruch. Die Fortsetzung des Delegiertentages findet am Samstag, den 3. Dezember statt. Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung folgt) Dia lüd sche Aerztin. Aus Gorelik: Die liebe Provinz. (Jüd. Verlag, Berlin.) Ihr Vater war ein einfacher Fuhrmann. Die Mutter handelte mit Eiern. Auch die anderen Mitgl eder der Familie, der Brüder und die beiden Schwestern, waren Arbeiter. Bloß ihr war ein anderes Los beschieden. Das kam vielleicht davon, daß sie körperl ch schwächer als ihre Geschwister war und oft Krankheiten überstand, so daß sie die Mutter „meine Zarte" zu nennen und ihr allerlei gute Dinge vom Markt mitzubringen pflegte, sie überhaupt verzärtelte. Vielleicht waren auch andere Ursachen mt im Spiel. Immerhin ist ja das nichts Seltenes, daß in einer Familie alle einander ähnlich sind und nur eines eine Ausnahme macht, als wäre es fremd in dem Kreise. Die kle.ne, schwache Chaschie sah aus wie ein Kind reicher Eltern, das man zu den einfachen Leuten in Pension gegeben und zurückzuholen vergessen hat. Und nicht nur die Mutter, auch der Bruder und die Schwestern blickten auf s e wie auf ein Kind aus edlerem Stamme. Und selbst der Vater, der viel zu angestrengt und von Sorgen geplagt war, um für Zärtlichkeiten viel Zeit zu erübrigen, liebte es doch, sie am Sabbat oder an einem Festtage auf die Knie zu nehmen, ihr mit den derben abgearbe teten Händen das Köpfchen zu streicheln und dabei zu sagen: „Da wächst mir ein gebildetes Fräulein auf". Und Chaschie studierte mit Erfolg. Die sechs Klassen des Gymnasiums waren nur e.ne Vorhalle zu dem herrlichen Palast gewesen, in den sie Jetzt bald eintreten soll. Und nun träumt sie von dem großen, schönen Kiew mit seinen Theatern und Bibliotheken, Vorlesungen und Vorträgen, mit den vielen Studenten und Studentinnen. Und lächelt selbst über d e schönen Träume, denen sie sich hingibt. Mit dem Diplom als Hilfsärztin und Masseuse blieb Chaschie nicht lange zu Hause bei ihren Eltern. Sie hatte insofern Glück, als sie bald eine amtliche Mitteilung in Händen hatte, daß sie auf Grund ihrer Zeugnisse eine Stelle in einem großen Dorfe im Charkower Gouvernement m Krasnosielce, wo es ein Krankenhaus und einen Arzt gbt, bekommen, und, wenn sie einverstanden sei, sofort antreten könne. Sie nahm an und war um so zufriedener, als es gerade Anfang Sommer war und sie damit eigentlich auch einen Erholungsaufenthalt auf dem Lande antrat. Nach mehrjährigem Aufenthalt in der heißen Stadt fand sie die reine, gesunde Luft die neue Umgebung gesunder Menschen mehr als notwendig für sich. Chaschie kam jedes Jahr nach Hause. Sie unterstützte die Schwester, der der Mann gestorben war. und gab dem Vater Geld, wenn das Pferd verendete und er ein neues kaufen mußte. Einmal war Chasche zu ungewöhnlicher Zeit und nur für einige Tage gekommen. Sie befand sich auf der Durchfahrt nach dem nahen südlichen Gouvernement. Dort war die Cholera ausgebrochen. Sie hatte sich angeboten hinzufahren, und das Anerbieten war angenommen worden. Wenn man sie gefragt hätte, warum sie sch in diese Gefahr begebe, sie hätte sicherlich selbst keine genaue Antwort gewußt. Hätte jemand gesagt, daß sie es aus einem altruistischen Gefühle heraus tue, daß sie sich opfern wolle, um menschliche Leiden zu verr ngern, so würde sie sich wahrscheinlich entschieden dagegen verwahrt haben. Sie, die aufrichtige Chaschie, hätte diese Unwahrheit nicht ertragen. Nein, nein, das war es nicht. Sie wußte selbst nicht warum. Ganz e nfacb, sie tat es. Jemand mußte ja hinfahren, und schließlich ist es doch ganz gleich, ob früher oder später. Zuhause gab sie das doppelte Gehalt als Grund an. Und zur Angst liege ke n Anlaß vor. Den Bekannten, die wußten, daß gerade dort wohin sie fuhr, die Seuche am fürchterlichsten wüte, sagte sie, man schicke sie gerade dahin, und sie müsse gehorchen. Wobei sie wieder traurig hinzufügte, daß irgend jemand doch fahren müsse. Am letzten Abend vor ihrer Abreise kamen Bekannte. Es war eine gezwungene Stimmung. Man versuchte zu singen. Aber es gng nicht Dann kam man auf verschiedene Zeitfragen zu sprechen. Einer der Anwesenden, ein Externschüler und Sozialdemokrat, griff die heutige neurasthenische Jugend an, die pessimistisch und passiv sei und so leichtsinnig aus dem Leben scheide: die es sonst vorzog, zu schweigen, um sich nicht in Diskussen einzulassen, antwortete diesmal nervös. Sie wolle nur sagen, daß es vielleicht ungehörig sei, Steine auf diejen gen zu werfen, die aus dem Leben scheiden. Und wenn jemand aus dem Leben scheide, so sei er sicherlich dazu genötigt Man unterbrach die peinlich gewordene Diskussion. Chaschie hielt die einstige Schülerin umschlungen, d eselbe, die ihr einst bei ihrer ersten Abreise das Opernglas geschenkt hatte und die ihr jetzt unruhig und bittend in die Augen sah. „Seien Sie vorsichtig. Chaschie", bat die Schülerin. „Selbstverständlich werde ich vorsichtig sein. Teure. Wie denn anders?" Man blieb bis spät in der Nacht beisammen. Und es wurden sogar kleine Reden gehalten. Einer von Chaschies Bekannten, ein eifriger Nationalist, sagte, es liege etwas Rührendes in der Form von Rache, die das jüdische Mädchen zu üben für sich gewählt habe. Der russische Bauer eilt in die Stadt, Pogrome zu machen, und versteckt die geraubten Waren in Kellern und Gärten. Dafür setzt dann das jüdische Mädchen ihr junges Leben aufs Spiel, um den Bauer zu retten. Sie geht ins Dorf, wenn die Cholera dort ist ... . Nach dem Nationalisten sprach der Sozialdemokrat und andere. Chaschie hörte zu, lächelte und umschlang ihre einstige Schülerin noch fester. „Was reden Se da? Ich verstehe wirklich nicht, was sie reden", sagte sie leise zu ihr. Des Morgens begleitete man Chaschie zum Bahnhof. Die Eltern verstanden nicht, was da eigentlich vorgehe. Ich bin nur ein Fuhrmann, dachte der Vater, als ihm Chasch.e um den Hals fiel und ihn heisser als sonst küßte. Er verstand auch nicht, als er zwei Wochen später ein Telegramm bekam, daß Chaschie nach dreitägigem Kranken-