Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 49 (2.12.1927)
- Date
- 1927-12-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT werden muß, kaum als „undemokratisch" bezeichnen können, wenn man nicht wie unsere Herren Sozialdemokraten Demagogie betreiben will. Auf der einen Seite soll also, ihrer Forderung entsprechend, die jüdische Plattform natürlich nur zum Zwecke der Stimmengewinnung verallgemeinert werden, auf der anderen Seite fördern die gleichen Kreise, wenn auch indirekt, die schmähliche Tatsache, daß das Judentum in schwersten Zeiten von Abtrünnigen verlassen wird. Wie reimt sich das zusammen? Der ungarische Numerus clausus-Schwindel Als Graf Bethlen vor einigen Wochen die Milderung des Gesetzes vom Numerus clausus ankündigte, wurden seine Erklärungen von allen, die ihn kennen, mit Mißtrauen aufgenommen. Auch an dieser Stelle wurde die Frage aufgeworfen, ob der Numerus clausus nur für Genf oder auch für die ungarischen Juden aufgehoben oder wenigstens gemildert werden sollte. Graf Bethlen hat das Mißtrauen voll gerechtfertigt, ja noch überboten, denn der Unterrichtsminister Graf Klebeisberg hat offiziell mitgeteilt, die Regierung werde den Abänderungsantrag betreffend den Numerus clausus in der Wintersession der Nationalversammlung nicht mehr einbringen. Wer die ganze Haltung der Regierung in dieser Frage beachtet, muß erkennen, daß die Rechtsradikalen einen endgültigen Sieg errungen haben und die Regierung endgültig darauf verzichtet hat, am Numerus clausus zu rütteln. Es war also müßig, das neue Gesetz nach sefnem sachlichen Inhalt zu prüfen. Bleiben wir daher beim Politikum. Die Regierung Bethlen hat auf Lucien Wolfs Anregung vom Völkerbund den „Rat" bekommen, den Numerus clausus abzuschaffen, da er den internationalen, auch von Ungarn unterzeichneten, Bestimmungen über den Schutz der Minderheiten widerspricht. Bethlen hat sich in Genf verpflichtet, diesen Rat zu befolgen. Sehr contrecoeur, denn er selbst ist Verlapöcn sie überall | Original- Ä 1 fiö?!!*1 QesunJ iE »- und, R< [ineral jwassei üwasser ntO>^ Bsdgasielner Thsrmerwasser A.-Q. Direktion Badgastein; Depot Wien: Lastenstraße Nr. 170 Fernsprecner 138 Drahtanschrift: Thermag I., Helferstorferstraße Nr. 9 Fernsprecher 62 0-42 Drahtanschrift: Thermag Wien jjj^ der Name sprhht für sidi t j Antisemit von der schlimmsten Sorte, und sein ganzes politisches System beruht auf dem feudalen Antisemitiismus. Aus dem Widerstreit internationaler Verpflichtungen und den eigenen Herzensneigungen war das neue Gesetz entsprungen. Es fehlte darin auch nur andeutungsweise jede Bezugnahme auf nationale oder konfessionelle Minderheiten, dabei aber konnte natürlich auch die Kategorisierung nach Berufs- Ich glaub' nicht! Ich glaub' nicht!! Es hat große Männer gegeben, die konnten fliegen . . .! Bis in den Himmel — bis in den siebenten Himmel! Aber die . . .? Aeh, ich glaub' nicht! Ich glaub' nicht! . . . Kennt ihr die Geschichte vom Prager Schneider? . . ." fügte er hinzu. „Ich will sie euch erzählen!" Schmulek machte eine Pause und die anderen benutzten dieselbe, um sich „bereit zu machen". Mendel, der Wasserträger, schneuzte seine Nase in den verschiedensten Tonlagen, Elieser, der Totengräber und Lustigmacher a. D., setzte seine Pfeife in einen, brennenden Zustand. Während Berel Manoschke seine Ohren von den Wattebäuschen befreite, die er um seiner Gesundheit willen trug, benutzte Fuhrmann Bonz die Gelegenheit, um abseits schnell einen Tropfen Branntwein in seine stets trockene Kehle zu gießen. Als alles wieder still geworden war, begann Schmulek seine Geschichte mit einer kurzen Vorrede: „Nichts ist dem Menschen möglich ohne Gottes Hilfe. Mögen die Menschen ausdenken, was sie wollen — nichts wird ihnen gelingen, wenn es Gott nicht will. Ja, es ist so! Die Geschichte vom Prager Schneider wird euch beweisen, daß meine Worte wahr sind. Und so höret denn: In Prag lebte vor dreihundert Jahren ein armer Schneider. Er und seine große Familie — er hatte eine Frau und sieben Kinder — litten stets Hunger, weil er, während andere arbeiteten, betete oder die Thora studierte. Wenn seine Kinder nach Brot schrien, sprach er zu ihnen: .Seid still, Kinder ... der liebe Gott wird schon helfen!' Und wirklich half er. Dies trug sich so zu: Eines Tages kam nach Prag ein hoher Mann von der Regierung. Er hatte gehört, daß es in Prag die besten Schneider gäbe, und kam, um für den Fürsten einen Schneider zu suchen. Er ließ sich von jedem Schneider ein Gewand anfertigen, aber es gefiel ihm keines. Einmal erfuhr er von einem seiner Diener, daß es noch einen armen Schneider gibt, von dem man noch kein Gewand habe anfertigen lassen, weil er Jude war. Der hohe Mann ließ sofort den Schneider holen und sprach zu ihm also: „Wenn du mir ein Gewand anfertigst, das mir gefällt, so sollst du glücklich werden!' . . . Der Schneider ging nach Hause und war sehr niedergeschlagen. Wie konnte er ein Gewand nähen, das einem Fürsten gefallen soll? Er betete die ganze Nacht zum lieben Gott, er solle ihm doch einen Fingerzeig geben. Am folgenden Tage fastete das Schneiderlein und betete ununterbrochen. Da verfiel er plötzlich in einen tiefen Schlaf, und als er erwachte, wußte er auf einmal, wie er das Gewand machen sollte. Er machte sich an die Arbeit, und als das Gewand fertig war, brachte er es dem hohen Manne. Dieser war ganz entzückt und gab sofort dem Schneider hundert Goldstücke mit dem Bemerken, er solle sich bereit machen, er müsse jetzt mit ftm zum Fürsten reisen. Der Schneider konnte dies gar nicht fassen und wurde ganz verstört. Aber als er die Goldstücke in der Hand fühlte, kam er wieder zu sich und lief schnell nach Hause. Zunächst wollte er seine Familie satt machen. Et kaufte einige Brote und einen großen Rettich, und alles aß und war frohen Mutes und man dankte dem Schöpfer dafür . . .* Schmulek machte eine Pause, hustete einigemale, strich , sich seinen Bartwuchs zurecht und schloß die Augen. Seine Zuhörer saßen ungeduldig da, denn jeder wollte schon das Kommende wissen. „Nun, Schmulek?", rief Mendel ungeduldig, Jst der Prager Schneider zum Fürsten gekommen??!4' . . . Schmulek gab ihm keine Antwort. Jetzt ließ sich Berel Manoschke vernehmen: „Was sitzt ihr da mit geschlossenen Augen, Schmulek? Ist euch nicht gut, ha?!'4 „Vielleicht gibt man ihm einen Schluck Branntwein!" sprach Elieser, woraui ihm Bonz einen wütenden Blick zuwarf. „Nu, Bonz", rief jetzt