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Die Wahrheit · 1927-12-02 · Heft 49 (2.12.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 49 (2.12.1927)
Date
1927-12-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 OiE WAHKHEH Die Lehren desselben stehen im Widerspruche mit der in meiner Familie herrschenden Auffassung von Naturereignissen und Menschenrechten und sind auch keinesfalls geeignet. Kinder sittlich zu beeinflussen und zu aufrechten Republikanern zu erziehen. Mein Kind hat daher den Auftrag, dem Religionsunterricht fernzubleiben. Hochachtungsvoll Name: ........ Adresse:....... Dieses Zirkular soll ordnungsgemäß ausgefüllt — die jüdischen Eltern haben nur einfach statt „christlich" „mosaisch" einzusetzen, wie es auch geschehen ist, _ und an die Schulleitungen abgeschickt werden. Da diese nun größtenteils — denn Juden werden ja auch in unserem sozialdemokratisch regierten Wien beinahe nie zu Schuldirektoren bestellt — in christlichen Händen liegen, so spiegelt sich im „mosaischen" Falle der Vorgang mit anderen Worten kraß ausgedrückt so ab, daß der jüdische Vater an den christlichen Pädagogen ein Pamphlet zur Verhöhnung seiner eigenen Religion einsendet. Denn nichts anderes stellt der skandalöse Wisch dar, und es ist müßig, auf seine Heilslehren näher einzugehen. Denn was nützen noch so eingehende Debatten mit Leuten, die, eingesponnen in ihrem Parteifanatismus, nichts oder nichts mehr davon wissen, daß die jüdische Religion die erste war, die die „Menschenrechte" gelehrt hat und deshalb sicherlich „geeignet ist, Kinder sittlich zu beeinflussen". Nein, eine Auseinandersetzung mit Parteibonzen, die Phrasen von „aufrechter republikanischer Erziehung" vom Stapel lassen, ohne daran zu denken, wie sehr sie selbst durch ihre Hetze einer solchen Erziehung am meisten schaden, hat keinen Wert. Deshalb wollen wir hier nur den beschämenden Vorfall weiter verfolgen, der sich dann so abspielt, daß das Zirkular, nachdem es in den Besitz gC, i?ieiiille<©fi J^L Im siebenten Himmel Eine Erzählung von Josef Kaplan (Fulda). Wir veröffentlichen hier mit Genehmigung - des Verlages M. W. Kaufmann, Leipzig, eine Erzählung aus dem demnächst unter dem Titel „Im siebenten Himmel" erscheinenden Novellenbande des bekannten Feuületonisten. Josef Kaplan beginnt mit der folgenden Erzählung seine Mitarbeit in unserem Blatte als Feuilletonist. Die Redaktion. Originell war die kleine Gesellschaft, die sich in dem niedrigen Stübchen des Fuhrmanns Bonz versammelt hatte. Es waren fünf alte Männer um den wärmenden Ofen placiert. Da saß Berel Manoschke, der Eismacher, ein Junggeselle, der in seinem Leben nach eigener Aussage mehr, als zwei Millionen Portionen Eis verkauft hatte. Neben ihm, mit einem langen, grauen Bart geziert, hockte Mendel, der Wasserträger. Ein ebenfalls betagter Mann, dem man das Alter deutlich an der Nase ablesen konnte. Denn jedes Jahr, ohne Ausnahme, bekam er eine Warze auf der Nase. Seine Nase war weit und breit bekannt, nicht nur ihrer ansehnlichen Größe wegen, sondern auch wegen ihrer Farbenpracht. Neben dem Wasserträger lehnte auf einem Sacke Kartoffeln Schmulek, der „Philosoph". Schmulek war nach seinen Papieren dreiundachtzig Jahre alt und Witwer. Man nannte ihn „Philosoph", weil er so weise reden konnte und weil er überhaupt so wenig redete. Leute, die* wenig reden, denken bekanntlich viel. Wenn Schmulek der christlichen Schulleitung gelangt ist, von dieser zur Stellungnahme an die jüdische Kultusgemeinde gesandt wird. Wir sind fest überzeugt davon, daß diese in kürzester Zeit die richtige Antwort erteilen wird, die einer solchen Handlungsweise gebührt. Auch den jüdischen Religionslehrern, soweit sie nicht „rot" sind, erwächst hier eine gewaltige Pflicht, rechtzeitig einzugreifen, bevor die Hetze allzu großen Schaden angerichtet hat. Wir aber wollen zur Charakterisierung dieses Vorgehens nur noch ein interessantes Detail ventilieren. Unseren Lesern ist die agitatorische Arbeit der unter sozialdemokratischer Patronanz stehenden „Werktätigen Juden" hinlänglich bekannt. Diese Herren Genossen gehen jetzt mit großer Emphase daran, die Kultusgemeinde, wie es so schön heißt, zu „erobern". In ihrem letzthin von uns eingehend besprochenen Aufrufe findet sich u. a. folgende Forderung: „Erste Pflicht ist, die Kultusgemeinde von der Reaktion zu befreien und das allgemeine und gleiche Wahlrecht einzuführen:" Dazu wollen wir heute wieder einmal hier schon oft Gesagtes ausführen, weil es nicht oft genug unseren Freunden eingeschärft werden kann: Bei der Wiener Kultusgemeinde ist das Wahlrecht von dem Zensus abhängig, dies von dem richtigen Gedanken ausgehend, daß eine Gemeinde, deren Erhaltung im Gegensatz zu dem staatlichen und städtischen Verbände lediglich durch die Steuerleistungen ihrer Angehörigen ermöglicht wird, Rechte — also auch das Wahlrecht — nur demjenigen verleihen kann, der ihr auch die notwendigen Pflichten leistet. Wenn nun diese Pflichterfüllung nur in der einmal im Jahre zu leistenden Bezahlung einer Steuer besteht, deren Minimum von 60 Groschen gewiß auch dem Aermsten erschwinglich ist, so wird man das Verlangen, das von dieser geringfügigen Steuerleistung auch das Wahlrecht abhängig gemacht etwas sprach, wurden alle still und lauschten den weisen Worten mit Ehrfurcht und Andacht. — Schmulek zur Seite saß auf einer Kiste Elieser. Elieser war zweiundsiebzig Jahre alt, ebenfalls Witwer, hatte irgendwo in der Welt neun Kinder, von denen er nicht wußte, wie alt sie sind, war lange Jahre Totengräber und Lustigmacher bei Festlichkeiten und zuletzt, als er für alles untauglich wurde, lebte er, wie man so zu sagen pflegt, „vom lieben Gott". — Neben Elieser saß auf einem dreibeinigen Stuhl Fuhrmann Bonz, ein sechsundsechzigjähriger derber Mann. Seine Frau war in irgendeinem reichen Haushalt der Stadt behilflich und kam jeden Abend spät nach Hause. Im Kachelofen prasselte ein Holzfeuer und die qualmende Petroleumlampe warf ein mattes Licht ins Stübchen. — Man unterhielt sich von dem neuen Chasen, der „zur Probe" vorgebetet hatte, von Jakob Wolg, der das große Los gewonnen hatte, von Politik, von Zeppelinen und Fliegern und noch mehr von Dingen, um die sich der Wilnaer Gaon sicher keine Sorgen gemacht hätte. An dem Gespräche beteligten sich anfangs alle, außer Schmulek, der „Philosoph". Er saß, wie gewöhnlich, mit geschlossenen Augen da und murmelte öfters vor sich hin. Ab und zu warf er einige Worte dazwischen wie: „Ah, Dummhelten, Dummheiten! Die ganze Welt Dummheiten!" Mehr sprach Schmulek selten. Und wenn er schon einmal mehr sprach, wie es an diesem Abend geschah, so waren es wirkliche Weisheiten, die er von sich gab. — Als der Gesprächsstoff langsam zu Ende ging, drangen alle in Schmulek, er solle sich doch „hören lassen". Und Schmulek Heß sich folgendermaßen hören: „Ah, a Welt! Auch a Welt! Alles Dummheiten! Lauter Dummheiten! Was redet ihr vom Fliegen? Ein Kunststück, zu fliegen mit einem Flieger? Pah, Dummheiten! Wirklich Dummheiten! Was heißt fliegen? Wie können se fliegen? Diese Menschen . . .!

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