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Die Wahrheit · 1927-11-25 · Heft 48 (25.11.1927) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 48 (25.11.1927)
Date
1927-11-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHE11 letöffentiidiunten der Miriam deutsdköstevweiiikiscfiev Juden Wien IX. fäex&gasse h ^ostopmftossen- Momto Jlv. 0*04 (Tel. 70-2-77 Der zionistische Delegiertentag. „Allenthalben herrschen krisenhafte Zustände und .man muß leider feststellen, daß der politische Zionismus, welcher im Sinne Herzls die große Arbeitsgelegenheit für das jüdische Volk bilden sollte, zum reinen Lippenbekenntnis geworden ist/' Diese Worte sprach der Präsident des österreichischen zionistischen Landeskomitees, Dr. Goldhammer, auf dem zionistischen Delegiertentag, der anfangs voriger Woche in Wien stattgefunden hat. Dieser Anschauung, die auch von führenden Zionisten geteilt wird, können auch wir zustimmen. Ein Lippenbekenntnis ist der Zionismus deshalb geworden, weil er sich immer mehr von der wahren Wirklichkeit entfernt und zu einem System weltfremder Ideologen geworden ist. Ein Lippenbekenntnis ist der Zionismus, zumal der österreichische, auch deshalb geworden, weil er eben nur — und dies in Verfälschung der Ideen Herzls — ein „politischer" sein will, d. h. statt sein Augenmerk vor allem auf Palästina zu richten, sich in inner- und außerparteilichen Qezänken erschöpft und so seine besten Kräfte vergeudet hat. Die ganze Unfruchtbarkeit und — wir haben keinen anderen Ausdruck dafür — Ziellosigkeit des österreichischen Zionismus kam so recht auf dem Delegiertentag zum Ausdruck, der sich trotz der großen Mißerfolge auf diesem Gebiete vor allem mit Angelegenheiten der „Landespolitik" beschäftigte. Wir wiederholen wohl hier oft Gesagtes, wenn wir dazu abermals feststellen, daß damit nicht die Politik jenes Landes gemeint ist, welches, wie man glauben? st>llte, dem zionistischen Gedanken am nächsten steht, sondern die Politik, welche die zionistische Partei in Oesterreich einschlagen soll. An die Stelle von Z i o n i s m u s ist bei uns nun einmal der jüdische Nationalismus getreten, an die Stelle einer gefühlsmäßigen Bewegung, die einem Idealzweck dienen soll, trat ein dem jüdischen Herzen vollkommen entfremdeter Intellektualismus, welcher insbesondere der jüdischen Jugend nichts anderes zu bieten vermag als Phrasen und Schlagworte, die keine reale Bedeutung besitzen. Und so dürfen wir uns nicht wundern, wenn der österreichischen zionistischen Partei vor allem die Jugend, auf die sie sich bisher so stark stützte, vollkommen entschwindet. Als Gründe für diese Erscheinung werden natürlich von unseren jüdischnationalen Politikern ganz andere als die wirklich triftigen angegeben. So sagte Dr. Goldhammer: „Der gegenwärtige Zustand der menschlichen Gesellschaft, der immer stärker zu dem Entscheidungskampf um die künftige Gesellschaftsordnung hindrängt, übt einen Zwang zur starken Parteinahme aus, insbesondere auf die Jugend. Das Gegengewicht starker ideologischer Trieb» kräfte hat der zionistischen Organisation in einer Zeit, die einzig auf das Geldsammeln (und dies, wie es an einer anderen Stelle heißt, „auch bei nicht national gesinnten Juden") eingestellt gewesen ist, gefehlt und die Folge war ein arger Rückgang der Organisa t i o n." Direktor Dr. Viktor Kellner sprach über das gleiche Thema besonders hoffnungsfreudig: „Wir befinden uns zwar in einer Krise der Idee, die nicht die erste ist..., die zionistische Idee hat aber den Vergleich mit keinem Sozialismus der Welt zu scheuen und wir werden die Krise überwinden, wenn die Jugend wieder die Erkenntnis gewinnt, daß eine Arbeit ' für die Ideale der Menschheit nur im Judentum und durch das Judentum möglich ist." Wir glauben doch, daß diese Ausführungen, die übrigens, wie so oft, in irreführender Weise eine Gleichstellung von Zionismus und Judentum enthalten, allzu optimistisch gefärbt sind, sind auch nicht der Ansicht, daß die verschiedenen vorgeschlagenen Allheilmittel zur Gewinnung der verloren gegangenen jüdischen Jugend für den Zionismus, wie zum Beispiel die wiederholt beantragte Reaktivierung der hebräischen Sprache, auf sehr fruchtbaren Boden fallen werden, aber dies sind schließlich Sorgen, die unsere Jüdischnationalen, die deren auch sonst nicht wenige haben, mit sich selbst bereinigen müssen. Was uns jedoch mehr angeht, sind die Divergenzen der Meinungen über die Notwendigkeit oder Entbehrlichkeit der Heranziehung der Nichtzionisten zum palästinensischen Aufbauwerke. Hier kam tatsächlich ein wahrer Widerstreit der Ansichten zum Ausdruck. Der Referent Adolf Böhm bekannte sich z. B. als Anhänger der erweiterten Jewish Agency: „Die Tatsache, daß man große Geldmittel benötigt, zwingt uns. nichts unversucht zu lassen, die Nichtzionisten zur Mitarbeit unter nationalen Bedingungen (?) zu bewegen. Die Zusammenarbeit mit den Nichtzionisten in der Jewish Agency ist auch erziehlich, weil wir von Block zu Block werden arbeiten und verhandeln müssen." Der Präsident Dr. Goldhammer machte gar die Mitteilung, daß nunmehr auch in Oesterreich ein Pro-Palästina-Komitee zur Förderung der Interessen Palästinas entstehen wird, dessen Konstituierung in den nächsten Wochen stattfinden wird.*) Auch in Oesterreich sei es gelungen, hervorragende Persönlichkeiten aus allen politischen Lagern, zumeist auch die Parteiführer, zur Mitarbeit zu gewinnen. Zur Gründungsversammlung wird voraussichtlich der Präsident der zionistischen Organisation Prof. Dr. W e i z m a n n nach Wien kommen *) Wir werden uns mit dieser Angelegenheit, die derzeit noch in Schwebe ist, demnächst ausführlich befassen. D. Red.

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