Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 48 (25.11.1927)
- Date
- 1927-11-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 IIOIHl^ DIE WAHRHEIT fast gar nicht erschlossen sind, obwohl es eine nach europäischen Begriffen lächerlich kleine Industrie und keinen wirklichen Hafen und kerne anständigen Straßen für seinen Handel hat, ist noch dazu ein Immigrationsland und seine Regierung laut Mandat verpflichtet, die Ansiedlung der Einwanderer in jeder Weise zu fördern. Man müßte also annehmen, daß die eingewanderte Bevölkerung über unbegrenzte Mittel verfügt, da sie ihrer Regierung zu einem solchen Wohlstand verhilft. Jedes Land wird die palästinensische Regierung um diese idealen Bürger beneiden. Diese Bevölkerung sieht nun wie folgt aus: Ein Viertel der Arbeiterschaft — 5 Prozent der jüdischen Bevölkerung — ist arbeitslos; der überwiegende Teil der übrigen Eingewanderten erwerbslos; einige Fabriken haben ihren Betrieb einge st eilt, andere balancieren seit anderthalb Jahren ständig am Rande des Bankerotts; die Stadt Tel-Awiw, in der ein Viertel aller Eingewanderten lebt, ist wirtschaftlich vollkommen ruiniert und lebt von heute auf morgen, ohne selbst zu wissen, wovon. Die Einwanderung stagniert; die Auswanderung, obwohl auch nicht nennenswert, übersteigt die Einwanderung um das Doppelte. Jüdische Frauenideale*>. (Fortsetzung.) Johanna Bischitz. _____....... Nach Reich, Bethul. 1829 zu Totis in Ungarn geboren, genoß sie in Ermangelung einer geregelten israelitischen Lehranstalt in ihrem Heimatsorte eine ausschließlich häusliche Erziehung. Daß das Hebräische hierbei vorwiegend war, lag im Geisie jener Zeit. Im elften Lebensjahre war sie bereits im Geschäfte des Vaters als Buchhalterin tätig. Sie blieb es bis zu ihrer Verheiratung. In Pest, wohin sie geheiratet hatte, ging sie an die Gründung eines „Israelitischen Frauenvereines zu Pest". Es gelang ihr, von dem damaligen Oberrabbiner folgende „Lizenz" zu gewinnen: „Madame Bischitz Johanna, welche die Güte hat, für den zu gründenden Frauenverein hier sich besonders lebhaft zu interessieren, ist hiermit ermächtigt, Beitrittserklärungen bei den hiesigen israelitischen Damen zu sammeln, und werden dk- Unterschriften auf diesem Sammelbogen als vollkommen gültige Meldungen betrachtet und respektiert werden. Pest, 11. Februar 1886. Dr. Meisel m. p. OberrabbL" In der konstituierenden Versammlung, die unter Vorsitz des damaligen Gemeindepräses Lanzi Jakob stattfand, erschien sie mit einem „Sammelbogen", der einige hundert Unterschriften trug. Die gleiche edle Energie entfaltete sie bei dem Bau eines Waisenhauses, dessen Seele sie blieb. In dem denkwürdigen Ueberschwemmungsjahre (1876) nahm sie an den Arbeiten des Damen-Hilfs-Komitees regen Anteil. Fanny Nathan, errichtete als Vorsteherin eines Mädchenpensionates in Paderborn, 1856 die dortige „Jüdische Waisen-Erziehungsanstalt für Westfalen und Rheinland". Mit zwei Waisenknaben, die sie in ihr Haus aufnahm, begann sie ihr Werk, dem genau so wie der Auerbach'schen Gründung, sich allenthalben bei den maßgebenden jüdischen Stellen Zweifel und *) Durch ein technisches Versehen blieb in der letzten Nummer ein Hinweis auf Brann-Rosenmann, Mannheimers Briefwechsel (Jahrbuch für jüdische Geschichte) weg. Bedenken in den Weg stellten. Sie begab sich auf Bettel' reisen oder „philanthropische Wanderungen", wie sie diese Kollektion bezeichnete. Die wertvollste Unterstützung fand sie an dem hochherzigen Oberpräsidenten von Westfalen, v. Kühlwetter, der dem Institut bis zu seinem Tode ein treuer Gönner blieb. Ihm hatte sie es auch zu verdanken, daß die Regierung 1855 genehmigte, die von ihr bis dahin gesammelten 3000 Thaler zur Gründung eines Waisenhauses zu verwenden. Das kleine Kapital wuchs zusehends durch Jahrzeitstiftungen, mit denen Fanny Nathan mit einer Spende von 200 Thaiern den Anfang machte. Bald folgte die FwniUe Rothschild. Heute sind in der würdig gehaltenen Gedenkhalle der Anstalt fast 2000 solcher Verstorbener verzeichnet, für die von den Waisen das Kaddisch verrichtet und die Jahrzeit abgehalten wird. Judith Monteüore. Die treue Lebensgefährtin und Reisebegleiterin ihres Gatten Moses Montefiore, gibt sie in ihren ,.Notes from a private journale of a Visit to Egypt and Palestine", London 1855 (Privatdruck), zweite Auflage, Reiseeindrücke wieder, die ihr tief religiöses Empfinden und ihr Mitgefühl mit ihren Stammesgenossen, überhaupt ihr Interesse für jüdische Gegenstände kennzeichnet. 1833 (3. Dezember) verzeichnet sie aus dem Museum in Lyon ein Bild von Viktor Orsel, „Moses wird dem Pharao vorgestellt", aus Avignon (7. Dezember), daß dort am Sabbath öffentlicher Gottesdienst nur dann stattfindet, v/enn ein privater Wunsch darnach geäußert wird. Auch koscher geschlachtet würde dort nur bei privatem Bedürfnis. In Nizza (25. Dezember) bemerkt sie den von Juden errichteten Obelisk mit hebräischer Inschrift. Sie beklagt die Unterdrückung der dortigen Juden trotz des herrschenden Liberalismus. Wie lange soll diese Tyrannei noch dauern? Bewußtes Judentum, das sich trotz aller Unterdrückungen behauptet, muß die Sympathie und Bewunderung aller unabhängigen und charaktervollen Denker gewinnen. In Rom (8. Februar) bedauert sie es, ihren Gatten nicht zum Gottesdienste begleiten zu können. Und wieder die Klage: „Wie schmerzlich unser Volk hier unter solchen Widerrechtlichkeiten zu sehen. 3500 Seelen in solchem Erwerb, in solchen Wohnungen! Künste, Wissenschaften, Handwerke, alles verboten! Viermal im Jahre müssen 200 eine Bekehrungspredigt anhören. Trotzdem weiß man von Uebertritten so gut wie nichts." Bei einem Pessach in Rom kommentiert der gelehrte Reisebegleiter Dr. Loewe die Haggade, wie Judith Montefiore auch mit ihm unterwegs die Psalmen liest und die Sidra durchgeht. „Die Königin Simler." Aus J. R. Bloch, Simler & Co., übersetzt von R. Amann, Rotapfelverlag, Zürich. Das Gesetz des Orients verfährt in allem mit Weisheit, denn es kennt die Menschen ja seit dem Schöpfungstage. Und so hat es auch seine Maßregeln getroffen, daß die Frau nur einem Manne eigen bleibe und nicht als Gegenstand der Gier und der Zwietracht von Hand zu Hand gehe. Darum versteckte auch Sara Simler ihre armseligen grauen Haarscheitel, wie sie schon am Hochzeitsmorgen mit ihren schweren Mädchenzöpfen getan hatte. Ihre Mutter hatte es ebenso gehalten, und die Schwiegertochter lebte ihrem Beispiele nach. Eine „Tour" von schwarzer Seide umrahmte das Elfenbein der Schläfen. Die Hängelocken vor den Ohren unter den Bändern einer dunklen, kostbaren Haube aus Chantillyspitzen waren falsches Haar. Aber weil die Eitelkeit unsere Mutter Eva schon an der Ausgangspforte des Paradieses m Empfang nahm, so äffte ein weißer Zwirnfaden in der Mitte der „Tour" die Teilungslinie der Stirnscheitel nach. Durch diese Trauerkleidung wird von Geschlecht zu Geschlecht die Zerstreuung der Stämme beklagt. Nur ein schneeweißer leinener Umlegkragen über der schwarzseidenen Taille und die zwei lichten Hände, die sie vorne gekreuzt hielt, erhellten die düstere Tracht. Eine solche stille, verschwiegene Frau, anerkannte Herrin in ihrem Reiche, bekommt bald ein königliches Auftreten, dem sich alles beugt. Selbst die Schlichtesten werden dadurch gehoben. (Als sie den Tod ihres Mannes nahen sieht:) O weh! Im tiefen Dunkel richtet sich die alte Frau halb auf, schiebt das Nachttischchen heran, setzt ihre weiße Haube über dem Scheitel zurecht, schlingt ihr Tuch fester um die Schultern, nimmt die Brille aus dem Futteral, öffnet wieder das Buch der Bücher und ihre Lippen beginnen zu beben über eckigen Schriftzeichen und den unzerstörbaren Worten: