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Die Wahrheit · 1927-11-25 · Heft 48 (25.11.1927) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 48 (25.11.1927)
Date
1927-11-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seit« 4 mmmmmmmmmmmmmmmmmmam Die Gießener Mischna-Ausgabe. Ein Gesamtüberblick. Von Rabbiner Dr. A. P o s n e r, Kiel. Die Einladung, mit der vor 1912 bereits die Herausgeber (Professor Dr. Beer, Heidelberg, und Professor D. Holtzmann, Gießen) und der Verlag (Alfred Töpelmann, Gießen) zur Subskription aufforderten, ließ das Neue des Planes deutlich erkennen. Eine große Zahl von Mitarbeitern schloß sich an, die Ausgabe sollte neben dem Text, der Uebersetzung und einem ausführlichen Kommentar auch eingehende geschichtliche und sprachliche Einleitungen liefern. Die Mischna wird als das jüdische Gegen- und Seitenstück des Neuen Testaments bezeichnet, es wird der Wahrheit gemäß erkannt, daß „die Kenntnis und das Verständnis der Mischna für jeden unumgänglich ist, der das Judentum in seiner Eigenart begreifen will." So soll die gedächte Ausgabe der religions- und kulturgeschichtlichen Würdigung des Judentums dienen, den Ursprung und die Geschichte der von der Mischna vertretenen Vorstellungen, Bräuche und Sitten vergleichend ergründen, betrachtet aber äls die andere wichtige Aufgabe die Aufrollung des literargeschichtlichen Problems. Das Ziel ist weit gesteckt, zu weit als daß «s auf den ersten Wurf schon erreicht sein könnte. Aber es ist zuzugeben, daß jeder Herausgeber diese Aufgaben stets berücksichtigt und ihren Fordeningen gerecht werden will. Schließlich wird — mit einem Fragezeichen allerdings — noch an einen anderen Erfolg gedacht: „Oder sollten gar von einem solchen Unternehmen ein besseres gegenseitig«s Verständnis und eine Annäherung des heutigen Judentums und Christentums (nicht von mir gesperrt!) xu erwarten sein?" Daß die Früchte dieser Saat nicht reifen, dafür mag Professor Beer ueccavi sagen. Denn, im allgemeinen ist der Ton der Bearbeiter ein vornehmer, objektiver, so wie man ihn von einem Gelehrten erwartet. Nur Professor Beer verläßt die Bahn des Gebührlichen, wie ich noch unten ausführen werde. Ich nehme es nur voraus, weil es erfreulich und löblich war, daß Herausgeber und Verleger nach vielen Jahren der Arbeit sich die Mitarbeit eines jüdischen Gelehrten 1924 gesichert haben, des Dozenten Dr. I. Rabin, Breslau. Doch im Vorwort zu dem eben herausgekommenen Traktat „Aboth", für den als Herausgeber neben dem verstorbenen Prof. Marti nur Prof. Beer zeichnet, ist zu lesen: „Herr Dr. I. Rabin-Breslau hat die ersten Korrekturen der ersten Bogen von Ab II an mitgelesen. Da wir uns über die Art seiner Mitherausgebertätigkeit nicht verständigen konnten, ist er bedauerlicherweise aus der Arbeitsgememschaft ausgeschieden". Die folgenden Zeilen mögen über die Anlage der Ausgabe überhaupt berichten. Der Text, für den alte und neuere Handschriften and Aufgaben benutzt wurden, wovon noch ein textkrltfccher AnhangRechenschaft gibt wird vokalisiert gegeben. Die oft von unserem Brauch sehr verschiedene Vokalisierung wird dann und wann auch begründet, wie überhaupt das Sprachliche und Grammatikalische keineswegs zu kurz kommt. Dabei Jbenutzt, so weit ich es sehe, fceiner der Herausgebet oder Bearbeiter das „Lehrbuch der Aramäischen Sprache des Babylonischen Talmuds" von Max L. Margolis (München 1910). Der Text einer Mischna wird in seine Teile zerlegt, die Uebersetzung und die Anmerkungen in deutlicher Beziehung zueinander gestellt Die Uebersetzung hat den sehr großen Vorzug, recht wörtlich zu sein, ohne irgend Anstoß zu erregen. Die Erklärungen, meist sachlicher Natur, aber auch sprachlicher Art, beantworten offene Fragen, liefern Vergleiche aus der JÄeligionsja auch aus der Rechtswissenschaft, halten sich aber vielleicht bisweilen zu 4curz. In den Erklärungen sieht man die reiche Benutzung der alten Surenhusius-Ausgabe, die ja die lateinische Uebersetzung des Mischnatextes und der Kommentare des R. Obadja .und des Maimonides bringt, aber auch die der jüdischen Herausgeber in der Itzkowskischen Mischna. Bibelzitate werden in wünschenswerter Genauigkeit gebracht, andere Parallelen werden ausführlich genug ausgeschrieben oder auf sie verwiesen (bei Philo wird noch zu oft auf die ed. Mangey verwiesen). Die Fachkenntnisse werden reichlich herangezogen, für d.e Jurisprudenz, für Botanik, Zoologie, Mathematik, Architektur, so daß die Archäologie eine sehr lobenswerte Beachtung findet. Für solche Dinge, wie auch für die Etymologie, wird der Kommentar des Tifereth Jissroel, wie ich glaube, zu wenig und zu ungleichmäßig benutzt. Bei den einzelnen Traktaten, wie auch innerhalb eines Traktates wird die Frage nach dem Zusammenhang oft II DIE WAHRHEIT angeschnitten und oft auch befriedigend beantwortet. Die talmudische Antwort des „chassure mechassro" Jäßt uns die letzte Lösung des Problems nie ganz erhoffen, daher ist jeder Fund auf diesem Gebiete erfreulich. Auf die Lehre der Digressionen — der plötzlich oft recht äußerlich hervorgerufenen Abschweifungen — wird deutlich hingewiesen. Durch Zeichnungen wird dem Verständnis in bester Weise nachgeholfen. An ihnen merkt man das Eindringen in die Materie. Die oft recht langen Einleitungen legen ein sehr beredtes Zeugnis für die Forschertätigkeit mancher Mitarbeiter ab. Wie sehr tief ist z. B. Holtzmann in unsere Gebete eingedrungen, wie vertraut ist Beer mit dem Sederabend, wie genau kennt Meinhold die Feier des Versöhnungstages, hier spricht auch erkennende Liebe aus den Worten des Wissenschaftlers. So ist auch die Zerlegung des Inhaltes des Traktates, wie er auch in der Einleitung gegeben wird, als gut gelungen zu bezeichnen. Schließlich ist auch die Nennung der Tannaim und ihre zeitliche Festlegung, sei es nach Generationen, sei es nach Jahrhunderten sehr zu begrüßen. So macht die Gießener Mischna-Ausgabe einen guten Eindruck, man kann ihre Fortsetzung wünschen, wenn man auch eine gleichmäßige Objektivität der Mitarbeiter noch nicht immer verspürt. Es ist schwer, die Einheitlichkeit eines Planes aufrecht zu erhalten, wenn seine Ausführung sich über mehrere Personen erstreckt. Man kann aber doch wohl lobend hervorheben, daß der einheitliche Charakter gewahrt ist. Nur muß Wissenschaft der oberste Grundsatz sein, er darf nicht ein Tummelplatz für gehässige Bemerkungen werden. (Fortsetzung folgt.) - -v-r-u? y,^Y<?t- . .wV-'^rf^^^JStiUiu. Kongreß-Bilanz. Von Lazarus BaTth. Noch immer tobt in der zionistischen Presse der Kampf der Meinungen über den XV. Zionistenkongreß. Er scheint also doch nicht so einwandfrei gelungen zu sein, wie ihn gewisse „regierungsfreundliche" Blätter schildern. Vielmehr dürfte die Ansicht der Kritiker, daß der Kongreß restlos mißlungen ist, doch die richtige sein. Dies bestätigt auch der folgende Artikel, der im Frankfurter „Jüdischen Wochenblatt", dem offiziellen deutschen misrachistischen Organ aus der Feder eines m is ra Christ is eben Kongreßteilnehmers erschienen ist. Da die Misrachi den bedeutungsvollen religiösen Flügel der zionistischen. Organisation darstellt, gewinnen die Ausführungen größtes Interesse für uns. „Kongreß-Bülanz", das klingt so geschäftlich, so geschäftlich, so unerhört Tein geschäftlich, wie man eben auch jetzt in den Kreisen der „Regierungspartei", des „linken Zentrums", den Kongreß darstellt Ausgangspunkt der Darstellung: die Krise, und Folgerung: Strammer Abbau im Budget und Einsetzung meiner energischen Geschäftsaufsicht. Da das linke Zentrum beides erreicht habe, sei „der Kongreß der beste" gewesen, den der Zionismus je abgehalten habe. Also gut, rein geschäftsmäßig: EneTgisener Airba u im Budget. Man hatte nach der Balfour^Deklaration das werdende Erez Israel budgetmäßig zu gestalten gesucht. Die Möglichkeiten der landwirtschaftlichen Kolonisation, der Handel und die Industrie sollten ausgenutzt werden, Schulen und Kindergärten nach Bedarf geschaffen, für neue Ansiedlung gesorgt werden, und man pflegte so -zwei Budgets aufzustellen, von denen das größere den Bedarf auszudrücken pflegte, das kleinere die zu erwartenden Einnähmen. Eine gesunde Budgetpolitik wird den letzteren Weg gehen müssen; psychologisch verständlich war es, daß man, das große Ziel vor Augen, auch ein großes Budget aufstellte unter dem Titel: Was brauchen wir, um die Möglichkeit voll auszunutzen? Seit dem ersten Kongresse nach dem Krieg sind sechs Jahre verstrichen, und wir kennen die Bedürfnisse 'Erez Israels auf allen Gebieten. Wir wissen, daß die landwirtschaftliche Kolonisation in den letzten drei Jahren erhalten hat: 140.000, 195.000, 186.000 Pfund, und daß dies ungenügende Summen waren. Ungenügend heißt daß damit nicht nur viele erreichbare Wünsche nicht befriedigt werden Jconnten, sondern daß auch für das Bestehende die Mittel zu knapp waren. Das neue Budget dieses Kongresses sieht für landwirtschaftliche Kolonisation nur 106.000 Pfund vor.

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