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Die Wahrheit · 1928-12-28 · Heft 52 (28.12.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 52 (28.12.1928)
Date
1928-12-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT md—^^ Seite 5 FERNSPRECH-NUM M ER R 45-191 MÖBELFABRIK SIGM. WIEN, 2. BEZ., PRATERSTRASSE NR. 30 Belebe Auswahl solid gearbeiteter MSbel zu billlasten Atelier für Innendekoration, stets große Auswahl von Möbeln aller Stilarten In Jeder Preislage. ■ P P E N H E I Preiset» Qf I IV. Als ob die Juden nicht genug durch die Verfolgung der antisemitischen Meute zu leiden hätten, begegnet man gelegentlich auch noch Judenfreunden, die durch die Art, in der sie sich der Angegriffenen annehmen, diese erst recht empfindlich schädigen. Da wird z. B. jetzt in einem großen Berliner Theater ein Stück „November in Oesterreich" gespielt, dessen effektvollste Szene folgendes dargestellt: In einer Bar spielt die Zigeunerbande. Man tanzt, man trinkt Champagner, man flirtet in ungenierter Weise und der gefeiertste Held der ganzen übermütigen Gesellschaft ist der S c h i eber — Blaustein. Man begreift, der Namen allein sagt viel. Er sagt alles, was gesagt werden soll. Ein Offizier, der als Invalide von der Front heimgekehrt, ruft, empört von dem anwidernden Schauspiel, dem Schieber Blaustein zu: „Ihr seid an allem Schuld, Ihr richtet das Land zugrunde!" Da antwortet der jüdische Schieber Blaustein: Seine Trau sei an Entkräftigung gestorben, während er die kalte Nacht vor einem Laden auf die Austeilung von Lebensmitteln wartete. Und in seinem galizischen Heimatsort hätten betrunkene Soldaten seinen alten Vater vor den Augen von Offizieren zu Tode gepeinigt. Was folgert daraus der Schieber Blaustein, oder richtiger, was läßt ihn daraus der Autor des „November in Oesterreich" folgern? Na, ganz einfach die Rehabilitierung des Schiebertums, als dessen Repräsentant aber just der Jude gelten muß! „Ihr habt mir nichts vorzuwerfen — meint er — ich tue an euch nichts anderes, als was ihr an mir getan habt!" Der Autor mag es mit diesem verblüffend unlogischen Plädoyer ganz gut gemeint haben, aber kein Anwalt hat noch je seinen Klienten gründlicher zugrunde gerichtet. Die hohle Deklamation ist nicht nur falsch, sie atmet Gift und Verderben aus. Wehe den Juden, wenn man glauben machen könnte, daß sie gerade als Juden eine solche Rechnung präsentieren könnten. Die Schieber, die es sich bei schäumendem Champagner und kurzgeschürzten Weibern Wohlergehen ließen, während im Felde draußen tausende — Christen und Juden — verbluteten, hörten nicht nur auf verdächtig jüdische Namen. Diese Schieber bildeten in allen Kriegslanden wahrhaftig eine internationale und interkonfessionelle Gesellschaft. Unter den Schiebern, die skrupellos sich an den anrüchigsten Spekulationen beteiligten, die das Geld nahmen, wo und in wessen Taschen es immer lag, waren sogar Träger höchst vornehmer Namen und wäre es nicht so bösartig, so wäre es lächerlich, wenn ein Dramatiker ernstlich nach wohltönenden Tiraden für ihre schmutzige Habsucht fahnden wollte. Die Juden haben dem großen Shakespeare keinen Dank dafür gewußt, daß er den tatsächlich ereigneten Fall, in welchem ein Christ einem Juden nach einer verlorenen Wette ein Pfund Fleisch aus dem Leibe schneiden wollte, umkehrte und dafür dem Juden Shylock schönklingende Tiraden in den Mund legte. Die Juden bedanken sich auch für die so gutgemeinte, aber plumpe und zweideutige Verteidigung des Schiebers Blaustein, wobei als Resultat doch die Lüge bleibt: nur die Juden waren Schieber! Besser als eine ungeschickte Juden Verteidigung mag wirklich manchem die unverfälscht blöde Art gefallen, in der antisemitische Blätter die Juden angreifen. Wer hätte es für möglich gehalten, daß die vor Monaten an dieser Stelle im Scherz ausgesprochene Vermutung, die Hakenkreuzler im deutschen Reiche würden schließlich noch den Versuch wagen, die Schändung jüdischer Friedhöfe den — Juden in die Schuhe zu schieben, verwirklicht werden könnte? Das Unglaubliche ist zum Ereignis geworden. Der kürzlich veröffentlichte, den Antisemitismus brandmarkenden Artikel Walter v. Molos „Tollwut, 60 Friedhofschändungen in Deutschland" hat vielleicht manchen Antisemiten mit Scham erfüllt und weckte daher den Wunsch, diese Diffamierung abzuschwächen. Walter v. Molo konnte man beim schlechtesten Willen nicht zum Juden stempeln. Ihn als einen im Solde der Juden stehenden „Judenknecht" hinzustellen, war aus naheliegenden prozessualen Gründen doch ein zu gefährliches Unternehmen. Aber etwas mußte geschehen. Hilf, was helfen kann. Und so entschloß sich ein führendes Hakenkreuzlerblatt, seinen Lesern die erfreuliche Mitteilung zu machen: „Aus jedem Satz des M o 1 o'schen Artikels ist die krampfhafte Anstrengung des Renommierchristen herauszulesen, mit dem er aus irgendeinem Lexikon die gruseligsten Ausdrücke heraussuchte . . . Jedoch der Deutsche, der sich keinen Bluff vormachen läßt, der lacht ob dieses hysterischen Gefasels hell heraus ....Denn daß die ganze Friedhofschänderei ein ausgemachter Judenschwindel ist, darüber ist sich jeder, der den Juden kennt, k 1 a r." Sollte es wirklich antisemitische Leser geben, die auch dieser vertrottelten Infamie aufsitzen? Das ist schwer denkbar. Wer weiß, ob sich das Blatt nicht schließlich noch zu der Ausrede bequemen wird, der ganze Artikel gegen Walter v. Molo wäre tückischerweise von Juden in das Blatt geschmuggelt worden. Ego. Die heutige Nummer erscheint infolge der Feiertage im verkürztem Umfange und etwas verspätet Die nächste Nummer erscheint regulär am 4. Jänner.

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