Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 52 (28.12.1928)
- Date
- 1928-12-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 LME WAttKttEM sich offenbar noch immer bei vielen Zionisten vorstellt, euj der Grundlage: Palästina-Arbeit ausschließlich in zionistischer Ideologie, sehr wesentlich auch mit dem Gelde und der Arbeit von Nichtzionisten. ist nicht möglich. Ich denke mir, daß wir unseren zionistischen Verhandlungspartnern als erstes sagen müßten: Es muß vollkommene Klarheit und Ehrlichkeit zwischen uns bestehen. Wir erklären Euch frei und offen: Wir haben uns nicht zum jüdischen Nationalismus bekehrt. Wir stehen nach wie vor nicht auf dem Standpunkt, „daß eine Lösung der Judenfrage nur durch das Bekenntnis zur nationalen Einheit des Judentums und durch Schaffung eines organisierten Machtfaktors möglich ist" (so der Chefredakteur der „Jüdischen Rundschau", Weltsch. in der Nummer vom 23. November 1928). Wir wollen mit Euch zusammenarbeiten; aber wir akzeptieren nicht Eure Anschauungen vom Sinn des Palästinawerkes. Der Aurbau Palästinas ist uns nicht der Schlüssel zur Lösung der Judenfrage. Wir erkennen damit auch nicht die Phraseologie der Balfour-Deklaration und des Mandats an, daß hier „ein nationales Heim für das jüdische Volk" geschaffen werde. Wir wollen nichts, als für eine Anzahl jüdische Menschen ein Heim an einer Stätte schaffen, die allen jüdischen Menschen als Stätte heiliger Erinnerungen heilig ist. Wir stellen das ausdrücklich fest, und wir wünschen, daß das von Euch respektiert wird . . . Die gemeinsame Palästinaarbeit selbst muß entpolitisiert werden. Das muß in zwei entscheidenden Punkten zum Ausdruck kommen. Die Einwanderung darf nur in dem Umfang erfolgen, in dem das Land wirtschaftlich zur Aufnahme der Einwanderer imstande ist Auf keinen Fall dürfen nationalpolitische Gesichtspunkte zu einer Steigerung der Einwanderung darüber hinaus führen. Menschliches Verantwortungsbewußtsein verbietet es, an einer Einwanderung mitzuwirken, die Menschen ins Land führt, ohne daß für sie dort die Möglichkeit einer Existenz besteht. Diese Forderung stellt auch der Bericht der Vierer-Kommission auf. Wenn das zionistische Aktionskomitee es für erforderlich hält, demgegenüber die Notwendigkeit einer verstärkten jüdi- Einwanderung zu betonen, so muß das Zweifel erwecken, ob der Grundsatz des Gleichgewichts zwischen der Zahl der Einwanderer und den wirtschaftlichen Fähigkeiten des Landes von zionistischer Seite anerkannt wird. Völlige Klarheit hierüber ist aber unbedingt erforderlich. Auf der anderen Seite muß gegenüber dem Bericht der Vier hervorgehoben werden: Entpolitisierung der gemeinsamen Palästina-Arbeit bedeutet nicht, daß eine Siedlungsarbeit der gesamten Judenheit in Palästina lediglich unter das Reich des Allmächtigen aufrichten und sie dem Bunde der Anbeter Gottes zuführen, damit sie jene Gebote halten, die Gott allen Menschen empfohlen hat . . . Jetzt folgt eine kurze Darlegung der „Glaubenswahrheiten". Sie beginnt sehr charakteristisch: „Höret alle Völker! Der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig!" Also nicht nur „Höre Israel!", sondern: „Höret alle Völker!" Man denkt unwillkürlich an das schöne Wort des Talmud: „Warum ist die Thora mcht im heiligen Lande, sondern in der freien Wüste Choreb gegeben worden? Damit Israel nicht sagen könne, sie sei sein ausschließliches Eigentum, und die anderen Völker hätten keinen Teil an ihr." — ... Bei jeder Gelegenheit wird aus den biblischen Geboten die Pflicht, die Gesinnung zu läutern, hervorgehoben: strengste Wahrhaftigkeit gegen sich selbst, absolute Gerechtigkeit und Gleichachtung aller Menschen . . . Gemäß der biblischen Lehre wird die Menschlichkeitspflicht den Fremden. Nichtvolksgenossen gegenüber mit besonderem Nachdruck betont: Liebe jeden Menschen wie dich selbst, besonders den Fremden. Den Fremden sollt ihr gleiche Bürgerrechte erteilen, überall, wo sie sich unter euch niederlassen. Viel strenger als die Thora gebietet, den Mitbürgern Gutes zu tun, gebietet sie und warnt unzählige Male, den Fremdlingen Gates zu tun und sie zu Heben, ihr Recht nicht zu beugen, sie nicht zu übervorteilen, nicht zu bedrücken, ihren Armen wohlzutun, sie zu unterstützen und ihnen in der Not mit Gelddarlehen auszuhelfen. Auch auf den Flüchtling aus fremden Lande, außer wenn er gemeiner Verbrecher ist, bezieht sich das Gebot der Thora: „Du darfst ihn nicht ausliefern, mit dir soll er wohnen«_in. deiner Mitte, an dem Ort, wo es ihm wohlgefällt. Du darfst ihn nicht benachteiligen." Darum findet der Verfasser nicht scharf genug Worte, um die Unterdrückung eines Volkes durch das andere zu tadeln. Es war mir überhaupt auffällig, wie oft er die Heiligkeit des Friedens, der Harmonie und der Solidarität unter Menschen nüchternen technisch-wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgen darf. Es sollte selbstverständlich sein, daß die Siedlung unter dem Gesichtspunkt erfolgt, nach Möglichkeit menschlich, sozial, gesellschaftlich Mustergültiges zu leisten. Der Versuch, hier neue Formen menschlichen Zusammenlebens zu erproben und der Menschheit vorzuleben, kann nur freudig begrüßt werden und verdient tatkräftigste Unterstützung. Er darf nicht ertötet werden durch ein dem Neuen gegenüber in seinen Resultaten ja immer zweifelhaftes wirtschaftliches Kalkül. Noch in einem zweiten Punkt ist hinsichtlich der gemeinsamen Palästina-Arbeit eine vorherige Klärung erforderlich. Die Siedlung muß in dem Geiste friedlichen Zusammenlebens mit den Arabern unter Rücksichtnahme auch auf ihre Interessen erfolgen. Eine Verständigung mit den Arabern muß unbedingt erstrebt werden. Eine Politik im Sinne jener Richtung im Zionismus, welche die Araberfrage mit rücksichtsloser Vergewaltigung lösen will, ist unmöglich. Richtschnur unseres Verhaltens gegenüber den Arabern muß sein, daß nichts unseren allgemeinen Anschauungen Widersprechendes deshalb erlaubt ist. weil es für uns zweckmäßig ist. Ein jüdisches Werk darf nicht auf Unrecht, das anderen getan wird, aufgebaut sein. Im übrigen wird natürlich jede am Palästinawerk beteiligte Richtung danach streben, die Entwicklung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Das letzte, was von unserer Seite in die Palästina-Arbeit hineingetragen werden müßte, ist dieses: die Palästinasiedlung ist keine isolierte Aufgabe. In vielen Teilen der Welt wird von jüdischen Organisationen jüdische Kolonisationsarbeit geleistet. Es sei nur an Rußland und Argentinien erinnert. Eine wirklich fruchtbare Zusammenarbeit der gesamten Judenheit dürfte sich nicht auf Palästina beschränken, sondern müßte ein planmäßiges Siedlungswerk für die ganze Welt schaffen." Die hier auszugsweise wiedergegebenen Ausführungen Dr. L i 1 i e n t h a 1 s können sicherlich in vielen Punkten die Zustimmung auch unserer österreichischen Nichtzionisten finden, wie sie ebenso die Gegnerschaft nationaler Zeitungen ausgelöst haben. Dr. Lilienthal betrachtet eben die Dinge mit nüchternen Blicken, während die Zionisten stets — gewissermaßen programmgemäß — phantastisch denken müssen. Die Gegensätze zwischen Zionisten und Nichtzionisten sind auch in Europa viel schärfer als in Amerika. Deshalb war dort auch eine Einigung viel leichter als bei uns. Und überdies griff hier W e i z m a n n persönlich ein, was man ja nicht von ihm in jedem Lande verlangen kann. und Völkern betonte und auf die Notwendigkeit der Verständigung hinwies, dagegen den Haß und alles, was ihn erregen kann, verdammte. „Wären die Menschen von Natur nur zum Guten geneigt, so bedürften sie keiner Oberhäupter, aber da im Menschenherzen auch böse Triebe wohnen, so bedürfen die Gemeinschaften religiöser Führer, die sie leiten." Diese Führer sollen nun die Gemeinschaften der Anbeter Gottes organisieren. Doch mögen sie dem Volke kein allzu schweres Joch aufbürden, ihre Anordnungen auch nicht für ewige Zeiten festlegen, da sie Lage, Neigungen und Bedürfnisse der kommenden Geschlechter nicht zu kennen vermögen. Die Thora gebietet nur, dem Gesetzgeber und dem Richter seiner Zeit zu gehorchen; die Oberhäupter späterer Zeiten dürfen die Anordnungen ihrer Vorgänger aufheben und durch zeitgemäßere ersetzen. Auch sollen die Oberhäupter des einen Landes nicht den Gemeinden eines anderen ihre Anordnungen und Gesetze aufdrängen. Gemeinsame Feste sollen eingerichtet werden, doch nie zur Erinnerung an sterbliche Menschen, sondern nur aus Anlaß der göttlichen Wunder in der Natur (Frühling, Herbst usw.) Auch kurze Gebete entwirft er für die Anbeter Gottes, das sind meist Kombinationen einzelner Verse aus dem jüdischen Gebetritual. Doch will er sie nur als unverbindliche Muster gelten lassen. Die Oberhäupter der Gemeinschaft dürfen sich nicht als Priester gebärden, sondern nur als Lehrer und Führer. Auch dürfen sie keine Zeremonien und Riten bei der Aufnahme der Anhänger einführen. „Zu Israel wurde gesagt, Kinder seid ihr des Ewigen, eures Gottes. So werden alle, die Gott lieben und ehrfürchten, und seine Gebote beobachten, um Liebe und Gerechtigkeit zu üben, das Gute und Redliche zu tun. Kinder des Ewigen, ihres Gottes sein. Denn jedermann, der Gottes Willen tut, gilt ihm als Kind." (Fortsetzung folgt.)