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Die Wahrheit · 1928-12-28 · Heft 52 (28.12.1928) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 52 (28.12.1928)
Date
1928-12-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ajyHannffiHBiM^^ DIE WAHRiiEIT treffend als den „weißen P o g r o m" bezeichnet hat? Doch unsere Jüdischnationalen, die, wie aile Parteien in unserem unglückseligen Lande, auch ihr eigenes Gepräge haben, sie besitzen keinen Senator Szabad, sie sind blind für die Nöte unserer Glaubensbrüder in unserem Lande und blicken, wie mit Scheuklappen behaftet, immer nach einem einzigen Punkte hin. Ihre Begeisterung für den schönen Gedanken des Wiederaufbaues des Heiligen Landes in allen Ehren, aber, was in alier Welt gibt ihnen das Recht, dem ohnehin so geschwächten Körper des österreichischen Judentums kostbare Säfte zu entziehen? Kann, um bei dem angeführten Beispiele zu bleiben, ein an schwerer Blutarmut leidender Mensch als Blutspender für eine andere Person fungieren und welcher gewissenhafte Arzt würde die Verantwortung auf sich nehmen, dessen Körper hiefür zu mißbrauchen? Unsere Jüdischnationalen jedoch tragen kein wie immer geartetes Bedenken, das zu tun und, obgleich jüdische Kinder ihre mageren Arme nach einem Bissen Brot ausstrecken, obgleich die eingefallenen Wangen jüdischer Frauen unermeßliches Elend künden, obgleich jüdische Familienerhalter ihre Hände in den Schoß legen müssen, weil sie nirgends Arbeit finden, werden Sammlungen für K e r e n K a j e m e t h und K erenHajessod veranstaltet und unter allen möglichen Vorwänden und bei allen möglichen Anlässen nicht unbeträchtliche Beträge, die hier im Lande unendlich viel Segen stiften könnten, aufgebracht. Aus diesem Grunde wird die Judenschaft — und zwar nicht nur die Polens allein — dem jüdischen Senator, der sich als wahrhafter und warmherziger Volksführer gezeigt hat, für sein mannhaftes Auftreten Dank wissen und, mag die Antwort, die ihm aus dem Kreise derer, an welche sein Schreiben gerichtet war, wie immer ausfallen, das Echo, RICHARD HERZOG, Wien lM Adlergasse 5 Telephon R 2J-4-90 fil-, XI. Pfarrgasse 28 Telephon A 41-6-24 Oberkantor J. ROSENBLATT und al'e anderen jüdischen und hebräischen Lieder und kantoral an Gesänge. Auch Opern und moderne Schlägel-platten in groß er Auswahl. Modernste Sprechapparate zu günstigen Zatilungsbadingungsn. Kataioge gratis Soeben neue original amerikanische Neuheiten eingelangt! das sein offener Brief bereits jetzt in den weitesten jüdischen Schichten gefunden hat, beweist ihm, daß er sich auf dem richtigen Wege befindet. Die Erweiterung der Jewish Agency. Am 20. Dezember begann in Berlin die Tagung des zionistischeiiAktions-Komitces, die in der Hauptsache der Frage der Erweiterung der Jewish Agency durch Nichtzionisten gewidmet ist. Wir werden auf diese, für die Entwicklung des Zionismus in nächster Zeit sicherlich entscheidenden Beratungen näher zurückkommen, vorderhand ist die Situation noch ziemlich ungeklärt. Denn S&ägill&tcMi Die Religion der Völker und ihr Stifter. Eine Vorkriegserinnerung. Von Binjamin Segel. Am Sonntag, den 28. Juni 1914, jenem verhängnisvollen Sonntag, der so wunderschön über der Welt leuchtete und an dem eine mörderische Kugel zwei fürstliche Persönlichkeiten niederstreckte und den Weltkrieg entfesselte, der mehrere Millionen Menschen auf dem weiten Erdenrund zum Tode oder zu lebenslänglichem qualvollem Leiden verurteilte — an jenem Tage führte mich eine Reise durch Ostgalizien nach der schönen, blühenden Stadt K o 1 o m e a. Als ich am Vormittag nach meiner Ankunft in dem spärlich besuchten Kaffeehaus die Zeitungen las. begrüßte mich etwas stürmisch ein Herr, dessen flüchtige Bekanntschaft ich einmal gemacht hatte, und fing sogleich eine politische Diskussion an, die mehr ein Monolog war. Er war einer der tonangebenden Lokalpolitiker und konnte mir mit größter Sachkenntnis die schwebenden weiltbewegenden Fragen auseinandersetzen: den Ausgleich zwischen Polen und Ruthenen, die Wahlreform, den bevorstehenden Umsturz im Kultusrat der jüdischen Gemeinde, den die von ihm geführte Partei auf breite demokratische Basis stellen wollte, und was dergleichen mehreres war. Immer schwungvoller wurde seine Beredsamkeit, stellenweise durchleuchtet von ironischen und satirischen Bemerkungen an die Adresse der Gegner, ganz wie es auf großen Volksversammlungen zu geschehen pflegt: „Eine neue Epoche unserer Geschichte beginnt, das Alte zerfällt in Staub und neues" Leben blüht aus den Ruinen . . ." usw. Meine Aufmerksamkeit wurde indessen von einem Korb frischer Apfelsinen abgelenkt, der sich durch die Türe hineinschob, hängend um den Nacken eines ältlichen, gebückten Juden. „Blutapfelsinen, schöne, große! Zehn Heller das Stück!" Ich winkte den Verkäufer herbei. Mein Stadtpolitiker wurde auf einmal heiter gestimmt, verneigte sich ironisch herablassend vor dem Verkäufer und rief lachend: „Ah, da ist ja unser Religionsstifterl Haben Sie etwas von Ihrer neuen Religion bei sich? Was kostet eine Portion?" — „Hier verkaufe ich nur Apfelsinen, ich habe auch Zitronen unten im Korb", antwortet der Jude, nicht im geringsten eingeschüchtert. „Meine neue Religion habe ich nicht zu verkaufen, die bekommt jeder umsonst, der Verständnis dafür hat." — „Der Herr da hat nämlich eine neue Religion gemacht, welche die ganze Menschheit beglücken und alle Zwietracht aufheben soll", wandte sich der führende Politiker an mich. Ich betrachtete den alten Mann aufmerksam: die Aermlichkeit seiner Kleidung kontrastierte ein wenig mit deren peinlicher Sauberkeit, die Gesichtszüge waren welk und abgehärmt, doch von jener Feinheit, die man auch in den untersten Schichten des jüdischen Volkes häufig findet. Aber alles in allem hatte er nichts von einem Religionsstifter oder Propheten an sich. Der führende Politiker empfahl sich bald, er hatte eine wichtige Sitzung des Parteivorstandes, der er präsidieren mußte, ich versuchte den Apfelsinenhändler auszufragen. „Das ist eine weitläufige Sache", antwortete er. „jetzt habe ich keine Zeit, ich muß nach Hause, um neue Ware zu holen, kommen Sie mit, ich gebe Ihnen da etwas, woraus Sie sich informieren können. Wenn Sie mich am Abend besuchen wollen, können wir davon sprechen. Der Herr Doktor hält mich für einen Narren, aber Sie brauchen ihm das nicht zu verübeln. Ich habe das alles in einem kleinen, hebräisch

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