Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 52 (28.12.1928)
- Date
- 1928-12-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen ^ididßWcJmsii$ mit 4mm VcrOffontikhimieii der „Union dcufsdiösterr. Joden* mad ften „Amffidiea Verlautbarungen der Iwaelittecnen Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 18 — Telephon R42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 28. Dezember 1928 Nummer 52 Innen- oder Außenkolonisation? Der offene Brief, den der jüdische Senator C. Szabad an den jüdischen Sejmklub gerichtet hat und den wir in unserer vorletzten Nummer veröffentlicht haben, stellt auch ein oifenes Wort dar. Senator Szabad, der, wie wir nochmals betonen wollen, national-jüdisch orientiert ist, führt nämlich in seinem Schreiben eine klare und deutliche, jedermann verständliche Sprache, er spricht darin, wie nur ein Mann sprechen kann, der gewohnt ist, die Welt und was in ihr vorgeht, mit offenen Augen zu sehen und sich nicht durch politische Ideologien verblenden läßt — obgleich er Nationalist ist. Senator Szabad legt seine Finger an eine der brennendsten Wunden am Körper des gegenwärtigen Judentums und berührt damit ein Problem, welches zu dem am heißesten umstrittenen in der jetzigen Epoche unserer Geschichte gehört, nämlich: das Palästinaproblem. Das ist es, was dem Schreiben seine Bedeutung weit über den Kreis der polnisch-jüdischen Interessen hinaus verleiht und es zu einem Dokumente stempelt, das nicht nur Markstein in der Entwicklung der polnisch-jüdischen Politik, sondern vielleicht auch in der Politik des Weltjudentums sein könnte. Aus diesem Grunde wurde besagtes Schreiben auch bei uns in Oesterreich mit großem Interesse zur Kenntnis genommen als ein Zeichen dafür, daß dort, wo das jüdische Volk am dichtesten beisammen lebt und wo deshalb auch der jüdische Nationalismus seine Trutzburgen besitzt, es allmählich zu tagen beginnt, denn der Brief spricht nur das aus, was die jüdischen Massen, deren Denken und Wollen durch politische Wunschträume der Wirklichkeit immer mehr entfremdet wurde, nunmehr unter dem Drange drückendster Not instinktiv zu fühlen beginnen. Senator Szabad weigerte sich, der Eintragung seines Namens in das „Goldene B u c h" des j üdischen Nationalfonds, welche aus Anlaß des zehnjährigen Bestandes der polnischen Republik für den Wiederaufbau Palästinas vorgenommen werden sollte, zuzustimmen, und begründete seine ablehnende Haltung damit, daß er angesichts der grenzenlosen Not der Juden Polens jede Fortsendung jüdischer Gelder in das Ausland, sei es für die Zwecke des Keren Hajischuw oder des Keren Hajessod oder für sonst einen an und für sich noch so begehrenswerten Z w e c k, für ein schweres Vergehen am jüdischen Volke seines Heimatlandes halte. In treffenden und eindringlichen Worten schildert er die Lage der Glaubensbrüder seines Heimatlandes: „Wir werden von Tag zu Tag immer mehr aus unseren ökonomischen Positionen, welche wir bisher innehatten, hinausgedrängt. Die jüdischen Massen verelenden von Tag zu Tag in einem immer erschreckenderen Maße. Der Mittelstand ist gänzlich verarmt. Der Kleinhandel geht zusehends zugrunde, die Schichte der Vermittler und Zwischenhändler verliert immer mehr den Boden unter sich, die Handwerker und Arbeiter stehen ohne Arbeit und Brot da, Tausende von jungen Leuten gehen beschäftigungslos herum und sind jeder Erwerbsmöglichkeit beraubt......44 Das zehnjährige Bestandsjubiläum der polnischen Republik biete nun, wie Senator Szabad meint, einen willkommenen Anlaß, statt für eine Spende für das Palästina- Experiment für eine solche für den sozial-wirtschaftliehen Wiederaufbau der Wohlfahrt der Juden in Polen zu werben und durch ein großzügiges Werk der jüdischen Innenkolonisation, für welche im Lande selbst alle Voraussetzungen. vorhanden sind, die jüdische Not zu lindern und einer glücklicheren Zukunft den Weg zu ebnen. Wie sich Senator Szabad die Ausführung dieses Planes vorstellt, haben unsere Leser den lichtvollen Ausführungen des von uns abgedruckten Schreibens entnehmen können, so daß wir es uns an dieser Stelle ersparen können, nochmals darauf eingehen zu müssen. Was wir uns aber nicht ersparen wollen, das ist der nochmalige Hinweis auf die symptomatische Bedeutung des Schrittes des polnisch-jüdischen Volksvertreters. Hat uns nicht Senator Szabad, indem er die katastrophale Lage der Juden seiner Heimat schilderte, einen Spiegel vor Augen gehalten, der uns das Bild unserer eigenen sozialen und ökonomischen Position vor Augen führt? Verelendung der Massen, Verarmung des Mittelstandes, Niedergleiten von Handel und Gewerbe, Arbeits- und Erwerblos i g k e i t, machen sich diese sozialen Krankheitserscheinungen nicht auch bei uns innerhalb der Judenschaft deutlich fühlbar? Erscheint nicht auch am österreichischen Horizont jenes grauenhafte Gespenst, das ein Führer der deutschen Judenschaft