Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 51 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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In der wirklichen Erfahrung wird das sogenannte „Ganze der Wirklichkeit" niemals zum Problem, wir stehen vielmehr immer mitten in dem Strome des Lebens; alle wirklichen Probleme, an denen Menschen leiden, sind hier und jetzt gegeben, ihnen kann mit den Mitteln der Logik und der kämpferischen Tat zu Leibe gegangen werden. Zwar gibt es keine endgültige Lösung aller Probleme, aber diese Aufgabe ist auch niemals gestellt, sie ist sinnleer. Ein Endzustand, in dem alles überscheinbar und berechenbar wäre, würde kein menschliches Tun mehr zulassen, er wäre ein absoluter Tod. Nur weil die Wirklichkeit unvollendbar ist, ist menschliche Tat möglich. Weder hat der leichtfertige Optimist recht, noch die resignierende Skepsis des Pessimisten: die Haltung des ehrlichen, mutigen Kämpfers verleiht dem Menschen seine Würde. Der Wille ist frei, er versucht nie ermüdend mitten in der Unvollendbarkeit Ziele zu erreichen und die ihn bedrängenden Probleme zu lösen. Dazu braucht er Logik und Mut und die Methoden des Kämpfers. „Der rechte Philosoph ist selbst ein Kämpfer und kann sich nie anders oder in höherem Sinne auswirken denn als solcher." Die Laskersche Philosophie beweist ihre Fruchtbarkeit und ihre „Gesundheit" auf allen Gebieten, sie klärt die Probleme der Logik, sie bewährt sich in den Wissenschaften und in der Praxis, sie begründet die Ethik und erhellt das -Schaffen des Künstlers. Es ist an dieser Stelle nicht möglich, dies im einzelnen zu belegen und den exakten Beweisgang Laskers nachzuzeichnen; nur das Studium der Werke selbst kann ein Bild von der epochalen Bedeutung dieser Philosophie geben. Als Einführung in seine Philosophie sei auf die lichtvolle, kurzgefaßte Darstellung 'hingewiesen, die Lasker im jüngsten Heft der Zeitschrift „Geisteskultur" veröffentlicht hat. * « * Es erfüllt uns mit Stolz, daß der große Schachmeister, Gelehrte und Philosoph ein bewußter und treuer Jude ist. Nie hat er sein Judentum verleugnet, in seiner Brust schlägt ein warmes, vornehmes jüdisches Herz. Besonders im Ausland wird Lasker als eine Zierde deutscher Intelligenz und geistiger Kultur verehrt und gewürdigt. Nicht nur seine objektiven Leistungen haben ihm dieses Ansehen verschafft, man ehrt auch den großen, reinen Menschen, der einen unauslöschlichen Eindruck auf jeden macht, der mit ihm in Berührung kommt Möge dem großen Kämpfer noch eine lange und fruchtbare Wirkungszeit vergönnt sein! Henri Bergson. Aus einem Vortrage. Von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) Was ist denn aber der Geist? Geist ist eine Energie. Energie wird auf der Erde bekanntlich dadurch erzeugt, daß die Sonnenstrahlen die Erdoberfläche bescheinen. Fabriziert wird die Energie vom Pflanzenreich im Chlorophyll. Die Tiere fressen die Pilanzen und damit sozusagen die Energie, und sie sind es, welche Energie betätigen bis hinauf zum klaren Bewußtsein. Warum aber schreiten die Pflanzen nicht fort zum klaren Bewußtsein? In der Tierwelt gibt es zwei große Klassen, die in der Entwicklung stehengeblieben sind: Sterntiere und Weichtiere. Die Energie der rollenden Kugel hält sich nicht lange bei Hindernissen auf. Sowie diese Kugel an eine Mauer kommt, die sie nicht leicht durchschlagen kann, läßt sie diese Mauer stehen und schlägt sofort eine andere Richtung ein. Ursprünglich waren sämtliche Tiere mit einem Panzer versehen, um von anderen Tieren nicht gefressen zu werden. Das erinnert an die altjüdische Ueberlieferung, daß der erste Mensch mit einem Hornpanzer aus dem Stoffe unserer Fingernägel überzogen war, und an jedem Sabbat-Ausgang sehen wir noch heute nach altem Brauch unsere Nägel an und danken Gott, daß er jenen Küraß entfernt und uns damit die Möglichkeit zur Arbeit gegeben hat, die ja nach dem Ruhetage wieder beginnen soll. Die Tiere fühlten sich in ihrem Küraß beengt, sie erfuhren die Gefahr dieses, die Bewegung verhindernden Panzers und streiften ihn ab. Das taten die Gliedertiere und die Wirbeltiere, und sie fanden in der Tat, daß dadurch ihr Angriff erfolgreicher, ihre Flucht leichter, ihr Sicherheitsgefühl größer wurde. Dieselbe Entwicklung hat ja die menschliche Kriegskunst durchlaufen. Aus dem schwergepanzerten mittel- DR GOTTFRIED FREUDMANN UND FRAU WIEN SAMUEL HELLER UND FRAU TEL AVIV laden höflichst zur Trauung ihrer Kinder KAROLINE und ISIDOR welche Dienstag, den 25. Dezember 1928 (12. Teb th 5689) 2 Uhr nachmi tags, s. G. w. im bethaus „Adas Jisroel", IL, Groß«: Schiffgasse 8, stattfinden wird. Wien - Tel-Aviv im Dezember 1928 Tebeth 5689 Gratulation nach der Trauung: II. Franz Hochedlingergasse 19. (bei Jonanna Deumen.) alterlichen Ritter wurde der moderne leichtgekleidete Soldat, und das Prinzip, die beste Verteidigung ist der Angriff, der beste Angriff ist der Hieb, ist allgemein durchgedrungen. Die Sterntiere und die Weichtiere aber sind in der Entwicklung stehengeblieben, und die Tiere, die noch mit einem solchen Panzer oder mit Resten eines solchen bekleidet sind, die leben weiter ihr dämmerndes Dasein, die kommen nie zum klaren Bewußtsein. Und so sind auch die Pflanzen in der Entwicklung behindert worden — durch die Zellulose. Wie bekundet sich dieses klare Bewußtsein? Es äußert sich beim Menschen im Intellekt, im Verstand, in der Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen, im logischen Denken. Dieses Bewußtsein tinden wir zum erstenmal dort vertreten, wo sich Spuren von Fabrikation zeigen, von der Fähigkeit Werkzeuge zu schatten und sie zu gebrauchen. Auch im Tierreich zeigt sich eine Spur davon. Der Fuchs, der die Falle meidet, verrät damit seine Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen. Auch Ansätze zur Fabrikation zeigen sich schon im Tierreich, aber die eigentlche Domäne der Fabrikation, angefangen von den antidiluvianischen Aexten bis zum modernsten Werkzeug, ist dem Menschen eigen, so daß man den Menschen nicht bezeichnen sollte als homo sapiens, sondern als homo faber, als fabrizierendes Wesen. Dem hat die Menschheit selbst Ausdruck gegeben, indem sie die Fortschritte ihrer Entwicklung, die groben Zeitalter, nach den Fortschritten der Technik bezeichnet. Wie wir heute von einer Bronzezeit reden, so wird man einst von einem Zeitalter der Damptkraft und der Elektrizität sprechen. Die Fabrikation arbeitet mit festen* konkreten Dingen, die gegeneinander abgegrenzt sind. Sie benützt ihre Eigenschaften, ihre Beziehungen. Sie kümmert sich aber gar nicht um die Seele, um das Wesen dieser Dinge. Die Fabrikation beruht auf dem logischen Denken. Dieses arbeitet so wie die Fabrikation mit konkreten Dingen, mit Begriffen. Diese Begriffe müssen klar und deutlich sein und auch da ist ein Begriff von dem anderen getrennt und geschieden und diese Begriffe kümmern sich auch nicht um die Seele, um das Wesen der Dinge. Sie sind Abstraktionen der Dinge. Ein Begriff ist z. B. „der Baum". In Wirklichkeit existiert nicht der „Baum", sondern in der Natur da draußen findet man nur einen ganz bestimmten individuellen Apielbaum oder Pflaumenbaum usw. Und so wie das logische Denken mit Bildern arbeitet, so arbeitet die Sprache, die auch wie die Fabrikation eine Aeußerung des logischen Denkens ist, ganz unvollkommen, Sie arbeitet mit Worten, mit Symbolen, Merkzeichen, Marken der Dinge. Die Sprache schiebt zwischen uns und die konkrete Wirklichkeit der Dinge einen Schleier der Abstraktion. (Man denkt hier an den Schleier Moses.) Sie hebt aus den Empfindungen nur das Relative, das Unpersönliche, das Allgemeine heraus, das was sie mit anderen Empfindungen gemeinsam hat, sie verdeckt und unterdrückt das Persönliche, das Seelenhafte, die zarten Eindrücke, unser individuelles Bewußtsein. Eine Fähigkeit, die mit so unvollkommenen Mitteln arbeitet wie der Intellekt, der Verstand, eine solche Kraft, die uns nicht in das Wesen der Dinge führt, sondern nur ihre Obertläche streift, kann uns gewiß zuverlässig sagen, was in dieser Welt der Abstraktion sich vollzieht, in den sogenannten exakten Wissenschaften, die von der Materie sich herleiten, von ihr abstrahiert sind. Sie kann uns zuverlässige Daten geben in der Mathematik, Geometrie, Astronomie usw. „Gibt es aber nicht eine andere Art der Erkenntnis, die uns nicht an der Oberfläche läßt?" fragt Bergson. Eine solche