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Die Wahrheit · 1928-12-21 · Heft 51 (21.12.1928) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 51 (21.12.1928)
Date
1928-12-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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5eite 6 fflnfflWflBnfflB tue wAHftHfcn Lebtag nicht abstürzen". „Mit einem Worte —r sagte der Verteidiger — die Kulisse für das Urteil war gestellt, ich habe eigentlich von diesen Geschworenen kein anderes Urteil erwartet." Auf einen besonderen Umstand möchten wir hinweisen: Bei der Verhandlung sagte Med.-Rat Dr. R a i n e r als Zeuge aus, daß, als er H a 1 s m a n n am Tage nach dem Unfall fragte, ob er für den Toten einen Sarg bestellen solle, ihm dieser antwortete, ein Sarg sei nicht nötig, es genüge ein Sack für die Leiche, man müsse sie nur mit dem Gesichte nach Osten biatten. Diese Aussage hat man als b e- 1 a s t e n d für Halsmann dahin ausgelegt, daß er sich angeblich mit dem Begräbnisse beeile. Nun ist es allgemein bekannt, daß man nach dem jüdischen Ritus noch heute in Polen und Rußland keinen Sarg verwendet, sondern die Toten bloß mit Tachrichim versieht und so begräbt. Es hat den Anschein, daß das schwerste Indiz gegen Philipp Halsmann in den Augen der Innsbrucker Volksrichter seine Zugehörigkeit zum jüdischen Glaubensbekenntnis gewesen sei. Wir glauben kaum fehlzugehen, wenn wir der Ansicht Ausdruck geben, daß es bei diesem Urteil der Innsbrucker Volksrichter nicht bleiben wird und daß der Verteidiger, unterstützt von der gesamten Oeffentlichkeit, alles anwenden wird, um eine Revision dieses offenbaren Fehlurteiles zu erlangen. Emanuel Lasker. Von Dr. Siegfried Weinberg, Berlin. In Emanuel Lasker, der am 24. Dezember d. J. sechzig Jahre alt wird, feiert die Welt den bedeutendsten lebenden Schachspieler, ja vielleicht den größten Schachmeister überhaupt. Bereits auf dem ersten internationalen Turnier, an dem er 1889 teilnahm, errang er den ersten Preis; durch den Sieg über Wilhelm Steinitz wurde er 1894 als Fünfundzwanzigjähriger Weltmeister, einen Titel, den er in zahlreichen Wettkämpfen glanzvoll verteidigte. Mehr als ein Vierteljahrhundert hielt er die Weltmeisterschaft für Deutschland, die großen Erfolge auf den internationalen Turnieren der letzten Jahre erweisen, daß seine Spielstärke noch heute ungeschwächt ist. Neben den Erfolgen im Schachspiel steht ebenbürtig seine geniale Leistung in der Theorie des Schachs. Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit und in meisterhafter Klarheit hat er die Prinzipien der Schachstrategie aufgedeckt. Das königliche Spiel hört in seiner tiefdurchdachten Darstellung beinahe auf, ein Spiel zu sein, erdacht um den Scharfsinn zu üben: es wird eine Nachbildung des Kampfes überhaupt; an ihm läßt sich wie an einem Modell die allgemeine Kampftheorie erläutern, die für alle ernsten und wesentlichen Auseinandersetzungen des Lebens fundamental ist. Die Grundsätze, die auf dem Schachbrette bei Angriff und Verteidigung zum Erfolge führen, gelten auch für alle Auseinandersetzungen und Diskussionen des Lebens, sie müssen beachtet werden, wo immer ein Ziel durch Kampf erreicht werden soll. So erhält die Theorie des Schachs einen tiefen philosophischen Sinn, Laskers „Lehrbuch des Schachs", das in vielen Sprachen übersetzt ist, verdient daher das hohe Ansehen, das es überall genießt; die Lektüre dieses Werkes ist ein wissenschaftlicher und künstlerischer Genuß. 6 * Die Art, wie Lasker die Schachtheorie vertieft hat, läßt bereits den Philosophen erkennen. Lasker ist nicht nur ein phänomenales Schachgenie, sondern in erster Linie ein scharfsinniger Gelehrter und tiefgründiger Philosoph. Seine Schachmeisterschaft ist nur eine und nicht einmal die wertvollste Frucht seines schöpferischen Geistes. In den Augen der Menge hat seine glanzvolle Schachlaufbahn seine philosophischen Leistungen überschattet: man hat den Philosophen Lasker über dem Schachmeister vergessen. Ohne Zweifel wird sein philosophisches Lebenswerk, das heute noch nicht die ihm gebührende allgemeine Anerkennung gefunden hat, einen Markstein in der Geschichte des philosophischen Denkens bedeuten. Die Anzeichen mehren sich, daß seine weittragenden Gedankengänge zu wirken beginnen: in diesen Tagen werden eine Reihe der bedeutendsten Gelehrten und Philosophen ihrer Wertschätzung für die Laskersche Gedankenwelt öffentlich Ausdruck verleihen. Der Philosophie Laskers ist eine große Zukunft gewiß. Daß sie nicht gleich Anerkennung gefunden hat, ist eher ein günstiges Zeichen. Das Neue und Bahnbrechende hat in der Philosophie stets Zeit gebraucht bis es sich durchsetzen konnte: erst müssen die Geister reif werden, um das Neue aufzunehmen, erst muß die lärmende Tagesliteratur ausgespielt haben. „Des Edlen Wert zu schätzen braucht es Jahre, die Nichtigkeit durchschaut der erste Tag", sagt schon Sophokles in seinem „Oedipus". Dies gilt auch für die philosophischen Entdeckungen, auch hier „macht eine harte Kindheit einen starken Mann." Es wird einmal eine Zeit kommen, wo man sagen wird, „der große Philosoph Lasker hat nebenbei auch sehr gut Schach gespielt." In zwei großen Werken hat Lasker seine Philosophie dargestellt, im „Begreifen der Welt" (1913) und in der „Philosophie des Unvollendbaren" (1919). In ihnen spricht nicht ein Epigone, der aus fremden Gedanken ein Buch zusammenstellt, sie sind auch nicht das „geistreiche", aber der Nachprüfung nicht standhaltende Produkt eines Außenseiters: auf jeder Seite spricht der schöpferische Philosoph von Format und Berufung. Ausgehend von einem vorsichtig aufgestellten Fundament entwickelt er in meisterhafter Sprache seine philosophische Erkenntnis, immer geleitet von seinem kritischen Blick und von seiner tiefen Liebe zur Wahrheit. Er deckt den Mangel der bisherigen Philosophie auf, sie hat in dem Hauptpunkte versagt, sie hat sich in Widersprüche und Paradoxien verwickelt. Die bisherige Philosophie fällt ein Urteil über die Gesamtheit der Erfahrung. Sie nimmt zum Beispiel an, daß eine endgültige Wissenschaft denkbar ist, in der alle Problemegelöst sind. Dadurch ist über den Charakter der Erfahrung entschieden. Mag man auch annehmen, daß dieser Endzustand in unendlicher Ferne liegt und niemals wirklich erreicht wird, jedenfalls wird die Welt dadurch etwas logisch Aufmeßbares, ein mathematisches Universum, in dem für Freiheit und menschliche. Tat kein Raum ist. Mit mathematischer Strenge erweist Lasker, daß diese ganze Konstruktion falsch ist. Niemals und nirgends kann die „ganze Wirklichkeit" gegeben sein, es gibt keine endgültig erschöpfende Formel für den Weltlauf. Die Wirklichkeit ist „unvollendbar", sie läßt sich mit keinem logischen Gesetz restlos erfassen. Die „Unvollendbarkeit" hat die bisherige Philosophie verkannt; alle Probleme, die sich daran knüpfen, sind unentscheidbar, sie sind Scheinprobleme, die überwunden werden müssen. Wenn ich über das „Ganze der Wirklichkeit" eine Aussage mache, also versuche die Logik auf Unvollendbares anzuwenden, dann gerate ich in das Gestrüppe der Paradoxien; auf solche Scheinfragen sind unendlich viele, gleich wertlose Antworten möglich, weil hier die Erprobung an der Wirklichkeit fehlt; hier ist der Tummelplatz philosophischer Phantastereien. Diese grundlegende Erkenntnis führt nicht zum Skeptizismus, sie allein überwindet den Zweifel und hält die Philosophie fest in der allein gegebenen, fruchtbaren Erfahrung. FERNSPRECH-NUMMER R 45-1-91 MÖBELFABRIK SIGM. W/EN, 2. BEZ., PRATERSTRASSE NR. 30 Belebe Auswahl solid Bearbeiteter Möbel zu billigsten Aimllmr tttr lanmadakormtlon, statt großm Auswahl vom MSbala mllmr Stllarteu In Jeder Praltlage. ■ PPENHEIM Preisen

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