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Die Wahrheit · 1928-12-21 · Heft 51 (21.12.1928) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 51 (21.12.1928)
Date
1928-12-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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**elt2 4 iiiflHiiiHiifliHiuniOTJ^ DIE WAHRHEIT Nummer, die gezählt wird. Sie können sich beschweren, wenn ihnen Unrecht geschieht. Sie können beim Rapport ihre Wünsche vorbringen. Sie können harren, warten, hoffen auf die Freiheit. Alle sind schlechte Rechner. Sie rechnen auf ihre Art sich ihren Freiheitstag aus. Unzählige Male addieren sie im Kopfe zusammen, wie viele Tage sie schon abgesessen haben und wie viele sie noch sitzen müssen. Jedes Mal kommt ein Fehler heraus. Ein grausiger Irrtum um einige Monate, manchmal sogar um ein halbes Jahr. Aber dann kommt die Freiheit. Die Tage vor der Freiheit sind der Beginn eines Martyriums. „Wohin soll ich gehen, an wen soll ich mich wenden?" Das sind manchmal laute, meist stumme Fragen, die aus den gepeinigten, maßlos gequälten Herzen kommen. Erst wenn er die Strafanstalt verläßt, wenn er die grauen Mauern, die stummen Zeugen maßlosen menschlichen Elends hinter sich hat, fängt die Arbeit des jüdischen Strafseelsorgers an. Auch er muß sich die Frage vorlegen: „An wen soll ich mich wenden?" Es hat lange gedauert, bis die Gefangenen Vertrauen zu mir gefaßt haben. Der erste neue Anzug, den ein junger Häftling vor seiner Entlassung erhielt, hat alle in Staunen gesetzt. Briefe folgten: Seitdem wir wissen, daß Sie sich der Entlassenen so warm annehmen .... usw. Wie viel von einem neuen Anzug abhängt, das weiß jeder Häftling. „Ich habe in IV2 Jahren 40 Schillinge erspart, ich bringe es vielleicht auf 50, und damit gehe ich in die weite Welt hinaus. Meine Zähne sind in der Anstalt schlecht geworden und der Zahnarzt verlangt dafür meine 40 Schilling. Ich will sie lieber für einen Anzug verwenden." So lautete die Beratung eines anderen Sträflings mit mir. dajenu! Zwei Tage bei Wasser und Brot waren mir schon im vornherein sicher . . . Komme ich zum Offizier, — sagt er: ,Solldatt Treitel! Was ich dir jetzt sagen werde, muß zwischen uns bleiben, immer, ewig — solange es ein Rußland gibt! Passiert da ein Malheur: unser allergnädiger General ist zur Zeit an einer — hm, hm, — Alkoholkrankheit er . . . krankt. Hm, hm, ja, kommt doch vor, Ja, also da kann es ein Unglück geben, wenn - - hm — Seine Majestät, der oberste Herr — hm — den Wunsch äußern sollte, den allergnädigten Kommandeur sm Krankenlager besuchen zu wollen — hm. Die — hm — Krankheit ist ihm, das heißt dem G^n^?] «Mn wenig aufs Gehirn rescM?gen — verstehst Du — aufs Gehirn, — da redet doch der Mensch nicht klug — verstehst Du — da könnte doch — hm — der allerhöchste Herrscher Anstoß nehmen, wenn unser allergnädigster General und Kommandeur — hm — nicht gescheit reden wird — verstehst Du, — da muß uns also geholfen werden..... Du, Treitel, siehst dem General sehr ähnlich, als einziger im Regiment. Und da unsere allerhöchste Majestät den General schon sehr lange nicht gesehen hat, und er, der General, jetzt einen Bart trägt wie Du — einen schwarzen, — so wirst Du — hm — heute General werden . . .!* Sagt der Offizier zu mir. Ihr wißt, ich habe stets einen Mund gehabt, der reden konnte, — aber dabei verlor ich die Sprache. Sagt der Offizier weiter: ,Du, Treitel, ziehst die Uniform des Generals an und tust bei der Parade nicht den Mund auf, antwortest nur mit Nicken und stehst stramm; denn Du hast ein Geschwör im Hals und kannst nicht reden. Eine schlimme Sache hast Du — vielleicht einen Krebs, — werden wir der Majestät sagen . . .!' Sagt so der Offizier. Ihr wißt: vor Menschen habe ich mich nie gefürchtet; aber es war mir doch ein wenig bange Ich verließ die Anstalt und mein Weg führte mich in die Seitenstettengasse zu Frau M. S p r echer. Mein Zielgedanke war: einen neuen Anzug für den armen jungen, noch nicht ganz verdorbenen Menschen. Von der Frau Sprecher ging es zum Dr. 0 r n s t e i n, Dr. Löwe 11 herz und Regierungsrat Fuchsgelb und der Anzug war da. Ich sandte ihn sofort nach Stein; aber die Antwort des Häftlings blieb aus. Fast ärgerte es mich, ich dachte an so etwas wie Undank, aber da schoß es blitzartig durch meinen Kopf. Der Unglückliche darf ja nur einmal im Monat schreiben und den Monat hat er bereits mit einem Brief an seine Angehörigen besetzt. Seit jener Zeit umschwärmten mich, sp oft ich in S t e i n war, fast alle jüdischen Häftlinge. Das Eis war gebrochen. Wir haben uns alle als Brüder wiedergefunden. Mit Bitten bestürmten sie mich. Nicht Geld, nicht Almosen, nur wirkliche. Hilfe, werktätige Arbeit, Interventionen, Gnadengesuche usw. Sie, diese Fluchwürdigen, diese Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft, diese einmal, zweimal .... Gestrauchelten, sie, die Gebrandmarkten, Schiffbrüchigen, sie wollen wieder leben. Sie sind ja mitleidslos gehetzte, grenzenlos unglückliche Menschen und dabei Juden. Bei manchen wächst innerhalb der Grabesmauern Steins die Liebe zum Judentum, zur Religion. Sie bitten um Gebetbücher. Sie alle hält noch fest in Banden der jüdische Optimismus, ein Erbe der jüdischen Vergangenheit, ein TroDfen jüdisch religiöser Erziehung. Sie, die verlorenen Söhne aller Gesellschaft sind die Beute der Schmerzen geworden. Vor ihnen ein langer, fast hoffnungsloser Weg, wie ein gewaltiger Strom, den sie ohne unsere Hilfe nicht durchqueren können Wie groß ist doch die jüdische Ethik! Dort in Stein, in dem größten, grausigsten Gefängnis ums Herz; eine Majestät ist doch kein Mensch — das heißt, nicht ein Mensch wie andere Menschen. Aber Befehl ist Befehl, und so kam die Parade. Ich will sie Euch kurz schildern: Standen da unzählige Soldaten in Paradeuniform. Zehn oder zwanzig Offiziere an der Spitze. Ich stand als General ein wenig vor. Die Offiziere wußten, wer ich war, aber die Soldaten merkten es nicht. Meine Uniform mit den Orden hatte sie blind gemacht. Kommt Zar Nikolai mit seinem Stab direkt auf mich zu. Springt schnell ein Offizier vor und meldet mein Krebsleiden und bittet, mein Schweigen zu entschuldigen. Worauf der Zar mir die Hand drückt und sagt: ,Herr General, möge Ihnen Gott eine baldige Genesung senden, damit Sie mir und dem russischen Volke noch lange dienen können'. Dann ging der Zar rechts, ich, etwas dahinter, links das Anhängsel von Adjudanten und Offizieren. Plötzlich bleibt der Zar stehen und sagt: ,Herr General — mein Kompliment: nieine Soldaten sehen gut aus . . .!' Sagte ich nichts, sondern hielt die Hand am Kopf, so. wie es mir jener Offizier gelernt hatte. Das Gehen dauerte eine Stunde. Beim letzten Soldat bleibt der Zar stehen, reichte mir nochmals die Hand und sagte: .Herr General, schonen Sie sich! Das Vaterland braucht Sie . . .!' Und fuhr fort im Wagen mit seinen Begleitern. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Dann machte ich, laut der Anweisung des Offiziers eine Bewegung mit der Hand, worauf die Soldaten auseinander gingen. Liebe Eltern und Geschwister! Zum Schluß bleibt mir noch Euch mitzuteilen, daß man mir zum Dank dafür, weil ich die Ehren des Regiments gerettet habe, einen Orden geschenkt hat, den ich aber nicht trag*?, weil ein. Kreuz darauf ist . . ." So lautet der Brief Reb Treitels, meines Onkels, des gewesenen Generals Seiner Majestät, des obersten Herrschers Rußlands, des allergnädigsten und heiligen Zaren Nikolai des Ersten ...

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