Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 51 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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i)IE WAHRHEIT fflMRiiM^ neue Schranken zwischen einzelnen Volksschichten zu schaffen. Das Gutachten geht zu Uurecht von der Annahme aus, daß die Juden als Minderheits v o 1 k zu betrachten sind, d. h. daß hierfür nur die Abstammung entscheidend sei und alle übrigen Merkmale, die die jüdische Bevölkerung mit der christlichen verbindet, wie Sprache, Kultur und gemeinsame Erlebnisse aller Art unbeachtet bleiben. Die Mehrzahl der österreichischen Juden betrachtet sich als religiöse Minderheit, wie es die Staatsbürger protestantischen Bekenntnisses und anderer Bekenntnisse in Oesterreich sind, ohne deshalb ein Minderheitsvolk zu sein, lehnt jede Unterstellung unter ein Minderheitsrecht ab und kennt nur ein einziges politisches Ziel: wirkliche Gleichberechtigung. Die unheilbar am Leben leiden.... Aus dem traurigen Kapitel des jüdischen Sträflingselends. Das letzthin veröffentlichte Feuilleton unseres Blattes hat in der breitesten Oeffentlichkeit Aufsehen hervorgerufen. Wir hoffen, in Kürze über eine durchgreifende Reform auf diesem Gebiete durch eine starke Organisation berichten zu können. In unserer mechanisierten, von Erwerbsucht und von Leidenschaft gepeitschten Zeit, hört man in den letzten Tagen viel von der Sträflingsfürsorge reden. Der Strafgerichtspräsident Dr. A i c h i nger sprach unlängst ungefähr folgende Worte aus: „Es nützt uns kein noch so humanes Strafgesetz, wenn nicht der Strafvollzug besser wird." Der Strafvollzug harrt noch vergeblich einer Reform, denn da kann der Staat und die unvermeidliche Bürokratie nicht helfen, zumindest nicht allein helfend eindrin- B»«^ Seitt a %s^m CENTRALK1NO 1=1 Wien ll.v Taborstraft« 8 - Tal. R 42-3-41 Igt Das Eirl von der Revue I Dina Gratia, Werner I Fuetterer. Albert Paulig Hg und den beraumten flaller-Girls 1 Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr III Am 31. Dezember: Hl 6H0SSE SILVESTlBtfOBSTELLOHB! 1 gen, sondern die menschliche Gesellschaft, ihre besten, edelsten Mitglieder müssen hier werktätig eingreifen. Der hier bestehende arbeitsrührige Verein „Soziale Gerichtshilfe" hat alle Hände voll zu tun. Die Unmassen der Wiener Strafgefangenen, die Untersuchungshäftlinge, die noch vielleicht zu rettenden „Neulinge" der Strafjustiz, die alle hier in Wien sofort erfaßt werden können, nehmen seine Tätigkeit ganz in Anspruch. Bei einer Sitzung des Vereines, an der ich teilnahm, betrübte es mich, daß die jüdische Religionsgenossenschaft im Gegensatze zur katholischen Konfession keinen aktiven Zusammenhang mit dieser Fürsorgetätigkeit besitzt. Stein, Garsten, die weiter entfernten Strafhäuser, sollen erst in Zukunft dieser Fürsorgetätigkeit erschlossen werden. Die Versorgung dieser Entlassenen ist momentan noch ein pium desiderium. Viel schlimmer steht es um die jüdischen Häftlinge aus Stein. Solange sie noch in Stein sind, geht es ihnen leidlich gut. Sie sind noch wer. Eine So. — Reb Treitel las es zehnmal, dann legte er es aus der Hand und sagte gelassen: „Ah", und noch einmal „Ah" und noch zehnmal „Ah". Dann steckte er den Gestellungsbefehl in die Tasche des Kaftans und schrieb mit aller Ruhe den angefangenen Brief zu Ende. Nach einigen Tagen stellte sich Reb Treitel dem Zaren der russischen Lande und wurde prompt für dienstfähig erklärt, worauf er ein wenig blaß wurde, — nicht etwa aus Angst vor dem Militärdienst, sondern einfach so, weil es üblich war. Und es dauerte nicht lange, so nahm Reb Treitel Abschied und zog davon, zu dienen dem Vater des Landes, dem obersten Herrscher über alle Reußen. Es bleibt noch zu vermelden, daß Reb Treitel zu der Zeit noch nicht verheiratet war, worüber man sich nicht wundern soll, denn die Juden im zaristischen Rußland heirateten erst dann, wenn sie vom Militärdienst endgültig befreit waren. In Anbetracht dieser Tatsache und gleichzeitig derjenigen, daß er zu Hause gar nicht nützlich gewesen war, wird man verstehen, wenn er im Laufe der Zeit von der Familie nicht so sehr vermißt wurde, und man war schon zufrieden, wenn ab und zu ein Brief von ihm kam, der besagte, daß er. Treitel, noch vollkommen am Leben sei und daß ihm der Militärdienst nicht allzu schwer falle, da er nicht anstrengenden Kriegsübungen ausgesetzt sei, — das heißt, wenn man tägliches Kartoffelschälen nicht für anstrengend hielt. So vergingen drei Jahre, und Reb Treitel dachte schon an das Heimfahren und war der Meinung, daß die nun noch restlichen zwölf Monate schnell vergehen würden. So schrieb er in einem Brief. Es war wohl in den letzten Monaten seiner Dienstzeit, als das große Ereignis eintrat, welches ihn einige Stunden lang zum Qeneral machte. Da die Sache damals nur in der Familie blieb, so ist es mir beschieden, jenen Brief Treitels, der von seiner Ernennung zum Qeneral Kunde gab, der Oeffentlichkeit bekannt zu geben, und ich denke, daß es so richtig ist, denn große Geschehnisse soll man der Vergessenheit entreißen. Ich kopiere hier den Brief wörtlich und gewissenhaft: „Liebe Eltern und Geschwister! Groß ist die Gnade Gottes und unerforschlich sein Walten! Wenn er seine Fittiche ausbreitet und uns mit seiner Barmherzigkeit bedeckt, dann wohl uns: wir sind geborgen! Man sieht offenbar in jedem Geschehen die göttliche Hand, — das heißt, wenn man sie zu sehen versteht .... Sitze ich vor einigen Tagen in der Kasernenküche und tue meinen Dienst, der da besteht in einem Reinigen und Schälen von Erdäpfeln. Kommt ein Soldat und sagt: .Morgen kommt der Zar', und geht wieder weg. Am anderen Morgen stehen wir alle in Reih und Glied, so an die tausend Mann. Sagt der Offizier: In zwei Stunden kommt unser oberster Herr und Gebieter! Beim nächsten Trompetensignal erscheint alles in Galauniform! — Küchenbedienstete brauchen nicht zu erscheinen! Verstanden? Macht euch wieder weg!' Es vergehen anderthalb Stunden. Kommt eine Ordonnanz zu mir in den Dienstraum — heißt: in die Küche und sagt: „Solldatt Treitel — mitkommen!' Wird mir da ein wenig unbehaglich hinter meinem Talis-Koten. Was heißt, frug ich mich, was hab' ich verbrochen? Vielleicht eine Kartoffel nicht richtig geschält? Ist doch kein Verbrechen? Oder vielleicht waren meine Knöpfe nicht blank geputzt? Ist doch auch kein Verbrechen! Oder vielleicht saß wieder einmal meine Mütze schief? Ist doch wieder kein Verbrechen! Nu, was ist schon das? Doch auch kein Unglück! Aber — dachte ich — hätte ich wirklich mit diesen drei Sachen gesündigt, dann gibt ea Strafe. Hätte ich bloß mit einem gesündigt, dann wäre es auch