Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 50 (14.12.1928)
- Date
- 1928-12-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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iiihiiittltnfliililiiilililliM Seite 11 all den Jeremiaclcn, die wir seit so lange Zeit anstimmen hören, ist es doch wohltuend zur Abwechslung einmal an J e s a i a s erinnert zu werden. & Der neue Bundespräsident hat in seiner ersten Rede, die er am Parteitag der Christlichsozialen hielt, feierlich der Ueberzeugung Ausdruck verliehen, daß sein neues Amt strengste Unparteilichkeit oder „besser ausgedrückt Ueberparteilichkeit" von dem Inhaber begehre. Ein schlichtes, aber herrliches Wort. Das ist das Beste und Schönste, was alle ehrlich das Wohl der Gesamtheit wünschenden Patrioten von dem Oberhaupte eines Staates zu wünschen und zu erhoffen haben. Das ist auch der Weg, auf dem der zweite Bundespräsident Oesterreichs auch ein zweiter Ii a i n i s c h werden wird. Die nahestehenden Lessing-Feiern, die man, da es sich doch um einen geaichten Klassiker handelt, auch in unseren hakenkreuzlerisch verseuchten Zeiten nicht ganz unterdrücken kann, werden, das merkt man schon jetzt, doch nach Möglichkeit gedämpft werden. L e s s i n g ist ja neben einigen sonstigen unbestrittenen Qualitäten auch der unbequeme Dichter des „N a t h a n*\ diesem Hohelied der Duldung und Menschenliebe, von dem sein intimster Freund, der zugleich ein großer Denker war, im Jahre 1781 schrieb: L e s s i n g solle sich nicht wundern, daß der große Haufe seiner Zeitgenossen das Verdienst dieses Werkes verkenne; eine bessere Naökwelt werde noch fünfzig Jahre nach seinem Tode daran lange Zeit zu kauen und zu verdauen finden. Er ist in der Tat mehr als ein Menschenalter seinem Jahrhundert zuvorgeeilt/' Man muß heute lächeln, wenn man diese Prophezeiung aus dein Jahre 1781 liest und bedenkt, daß diese „bessere W e 11" auch im Jahre 1928 noch nicht das Licht der Welt erblickt hat. Man wird auch über Goethe lächeln, der töricht genug war, dem deutschen Volke so dringend ans Herz zu legen, den „N a t h a n" als „ein heiliges und wertes Vermächtnis zu bewahren'*. Im Theater, „auf den Bettern, die die Welt nicht bedeuten", hat sich L e s s i n g s Geist seinen Platz erobert, der „N a t h a n" darf gespielt werden. Aber ernst darf man die Ideen, die er predigt noch nicht nehmen. :■; Weder die Optimisten noch die Pessimisten haben recht behalten. Die königliche Kurie hat das Urteil der königlichen Tafel über die zwei Rassenschützler, die seinerzeit den Abgeordneten V ä z s o n y i (der sogar einmal ungarischer Justizminister gewesen) tätlich insultiert hatten, einfach bestätigt. Es bleibt bei den acht, respektive drei Tagen Arrest für die Attentäter, das Urteil also ist weder verschärft noch gemildert. Die paar Tage erscheinen allerdings durch die Untersuchungshaft verbüßt. Für diese Untersuchungshaft dürften die Biedern noch Schadenersatz verlangen, denn die Strafe selbst wäre ihnen sicherlich auf dem Gnadenwege erlassen worden. Ego. Waltf}ieitmtvm7age Der gute Familienvater. Bundespräsident Wilhlelm Miklas hat elf Kinder. Schon diese Tatsache müßte uns Juden den neuen Präsidenten unserer Republik sympathisch machen, haben wir Juden doch in reichlichem Kindersegen stets eine besondere Gnade Gottes erblickt und unsere Religion kennt keine höhere Auszeichnung als viele und wohlgeratene Sprößlinge. Bundespräsident Wilhelm Miklas war in seinem bürgerlichen Berufe Mittelschul- 1 e h r e r. Auch dieser Umstand muß ihm die Herzen unserer österreichischen Glaubensgenossen näher bringen; kennen wir Juden doch kein heiligeres und erhabeneres Amt als das des Lehrers und mit Recht hat dieser in unserem Volke immer eine besondere Stellung eingenommen. Bundespräsident Wilhelm Miklas ist ferner ein strenggläubiger Katholik und als solcher ein frommer und gottesfürchtiger Mensch. Auch das nehmen wir österreichischen Juden mit Genugtuung zur Kenntnis, angesichts einer Zeit, in welcher die Religion — und nicht allein die unsere — ebenso nichtswürdigen wie niedrigen Angriffen ausgesetzt ist; denn wir sind davon überzeugt, daß ein Mann, der mit solcher Inbrunst an seinem eigenen Glauben hängt, auch den fremden Glauben Achtung und Ehrerbietung entgegenbringen wird. Der neue Bundespräsident ist aber nicht nur ein fürsorglicher Familienvater, der seine zahlreiche Kinderschar zu braven und tüchtigen Menschen heranzubilden bemüht ist, er ist nicht nur 'ein gütiger Lehrer, der mit unendlicher Geduld fremde Kinder zu brauchbaren Gliedern der menschlichten Gesellschaft zu machen bestrebt ist, er hat sich auch über den Kreis seiner Familie und seines Berufes hinaus im öffentlichen Leben jene Eigenschaften bewahrt, die ihn als Familienotierhaupt und Schilllehrer in so hohem Maße auszeichnen. Als langjähriger Präsi- Ende Jänner 1929 erscheint in unserem Verlage Dieluden und ludenge raeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart Herausgeber: Chefredakteur Hugo Gold Redaktionelle Leitung: Dr. Heinrich Plesch, Kanitz; Oberrab. Dr. J. Freimann, Berlin; Prof. Dr. Max Grünfeld, Brünn; Dr. Theodor Haas. Brünn; Hofrat Dr. Mich. Holzmann, Wien; Reg-Rat Dr. B. Wachstein, Wien. 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