Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 50 (14.12.1928)
- Date
- 1928-12-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT »MiHiffi^ Seitft ein Zinshaus, Palais, eine Villa, oder Fabrik, kaufen oder verkaufen will, wer sein Haus fachmännisch verwaltet haben villi, wende sich vertrauensvoll an das behördl. Konz. Realitäten- und HausverwaltungabürO Architekt Hot mann Ebenspanger« Wien IX., Latschkagasse 4. Telephon A18-5-15 Wir müssen nicht nur nach außen hin den zähen politischen Kampf um die Gleichberechtigung führen, den Kampf für Recht auf Arbeit, sondern es muß auch gleichzeitig von innen heraus eine Aktion eingeleitet werden, um die gegenwärtig unhaltbare sozial-wirtschaftliche Struktur der jüdischen Bevölkerung gründlich umzubauen. Man muß nach neuen Erwerbsmöglichkeiten suchen, verschiedene (Quellen zu neuer produktiver Arbeit erschließen. Denn die gegenwärtige katastrophale Wirtschaftskrise der Juden Polens ist nicht ausschließlich auf das Schuldkonto der Regierung zu schreiben, die sich der ökonomischen Interessen der jüdischen Bürger nicht genug annimmt — ebensowenig verschuldet uiese Luge allein die judenfeindliche Politik im Lande. Die obangeführte Konferenz hat den Nachweis erbracht, daß die unhaltbare ökonomische Situation der Juden ihren Ursprung in den letzten Entwicklungstendenzen der Wirtschaft Polens überhaupt hat, in der Finanzpolitik des Staates, in der Budgetpolitik, die auf die Verstaatlichung von bisher freien Unternehmungen hinarbeitet, in den zahlreichen Kartell- und Syndikatsbildungen der polnischen Industrie, die jedweden Zwischenhandel ausschalten usw. Dieser Prozeß der wirtschaftlichen Entwicklung führt dazu, daß der Jude als Vermittler und Kleinhändler entwurzelt wird, daß der Handwerker angesichts der scharten Konkurrenz seine Existenzgrundlagen immer mehr einbüßt, daß die jüdische Intelligenz in allen Berufen zurückgedrängt wird. Unter der Wucht dieser Feststellungen wurde auf dieser Konferenz beschlossen, den „Oekonomischen Rat" zu bilden und es wurde auch eine Kommission gewählt, die nach Mitteln und Wegen suchen soll, um die Judenschait Polens aus ihrer katastrophalen Lage zu befreien. Selbstverständlich kann niemand glauben, daß eine derartige tietgreiiende und grundlegende Aktion sofort die richtigen Heilmittel finden und sich leicht gestalten wird. Aber wir sind alle eines Sinnes, daß hier etwas getan werden muß. Das zehnjährige Bestandsjubiläum bietet uns nun einen willkommenen Anlaß, mit einem wahrhaft großen Werk für die sozial-wirtschaftliche Wohlfahrt des Judentums in Polen auf den Plan zu treten. Ich bin fest überzeugt davon, daß auf diesem Gebiete in Polen noch sehr vieles zu leisten ist. Jede Initiative in der Richtung der sozialen und wirtschaftlichen Umschichtung des Judentums in Polen wird nicht nur das greifbare Resultat aufweisen, daß es Zehntausende jüdischer Familien aus bitterster Not erlösen wird; jeder Schritt auf diesem Wege wird überdies noch einen großen moralischen Effekt und eine weitreichende politische Bedeutung haben. Man könnte eine große Reihe von Institutionen und Organisationen vorschlagen, welche dem Schaffensdrang des Judentums Polens neue Wege zeigen sollen. Die Zeit ist kurz und ich möchte mich daher nur auf ein einziges Projekt beschränken, welches ich hiermit zur öffentlichen Diskussion stelle: Ich schlage die Gründung einer großen jüdischen landwirtschaftlichen Kolonie mit einer landwirtschaftlichen Schule und Farm vor. Der Sejmklub soll sich mit einem Aufruf an die gesamte jüdische Bevölkerung Polens wenden und innerhalb eines Monats, spätestens jedoch bis Neujahr, jene Summe aufbringen, welche zum Ankauf einer größeren Bodenfläche erforderlich ist; dort soll nun eine bestimmte Anzahl von jüdischen Familien, welche in der Agrikultur bereits vorgebildet sind (es gibt deren zahlreiche), angesiedelt werden. Einen derartigen Aufruf werden gewiß auch andere jüdische Organisationen und wahrscheinlich auch alle jüdischen Gemeinden in Polen bereitwilligst unterfertigen. Die Einzelheiten sollen Spezialisten ausarbeiten. Nach meiner genauen Kenntnis der Verhältnisse ist geeigneter Boden in den polnischen Ostgebieten für derartige Zwecke durchaus zu erhalten und auch das nötige Menschenmaterial wird sich rasch finden. Es ist gewiß nicht ausgeschlossen, daß auch die polnische Regierung diesen Gedanken aufgreift und ihn unterstützt, schon aus dem Grunde, da diese Kolonie im Zeichen des zehnjährigen Jubiläums der polnischen Republik gegründet und somit den Stempel einer großen Tat des polnischen Staates tragen würde. Für eine bedeutend kleinere Summe als 15 0.0 00 Dollar, welche Polen jetzt für den Keren Kajemeth aufbringen soll, wird man mindestens 50 jüdische Familien ansiedeln können, eine landwirtschaftliche Schule errichten und eine große Anzahl junger Leute dorthin verpflanzen können, die, wenn auch im Schweiße ihres Angesichts, aber mit heller Begeisterung einem neuen Leben entgegenziehen werden. (U ebersetzt aus dem Jargonblatt „DerWilnacr Tag" und mit Zustimmung des Autors übermittelt von Dr. Fritz Seifte r, Bielitz.) Die Persönlichkeit Jesaias. Eine Studie. Von Siegfried Hessing. Motto: Die Propheten schauen raifcht in die Zukunft. Sie sehen das Gegenwärtige und erfassen darin das Ewige. So lange es Menschen gibt, wird es auch Tugenden und Laster geben und einzelne wenige, die imstande, das ganze Elend der Menschheit, das in manchen Zeitepochen aufgespeichert und konzentriert zum Ausdruck kommt, zu erfassen, und die ihre Bestimmung darin erblicken, der Menschheit den Spiegel vorzuhalten, damit sie i'hr wahres Bild zu sehen bekomme. Sie sind mit dem Blicke des Sehers (mantis) gesegnet, der bewußt alles Geschehen in der Natur wahrzunehmen vermag und mit der objektiven Auffassung des Unbeteiligten an die» Bewegung herantritt. Unberührt bleiben sie von der jeweiligen Zeitströmung, weil eingegangen in die Totalität des Lebens, dessen wunderbares Geheimnis sich ihnen Glücklichen erschließt. Diejenigen sind einen irrigen Anschauung, die schon Boetius (in den Consolationes philosophiae) bekämpft, wonach die Propheten, die doch als Denker gelten, die Fähigkeit besitzen sollten, in dis Zukunft zu schauen, woraus nach deren Meinung sich allerlei Schicksalsbestimmung und Vorhersagen ableiten lassen. Es gibt tatsächlich eine Art Zukunftserinnerung, welche auch die wahre Psychologie anerkennt und die in manchem der Vergangenheitserinnerung gleichkommt. Sie tritt meist als instinktives Bewußtwarden (siehe die Mystiker!) des zeitlosen Geschehens auf, das wir Menschenkinder aber in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zerstückeln und infolgedessen parti'eil oder inadäquat begreifen. Den Denkern, welche die Idee der Totalität und Kontinuität in ihrer vollkommenen Klarheit besitzen, offenbart sich dieser Zusammenhang intuitiv, weil sie die wahren Ursachen der Dinge kennen und das Gesetz der Kausalität, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung erfassen. Sie überblicken den ganzen Lebensweg des Menschen in alle Unabsehbarkeiten . . . Die Propheten waren Menschen, die von den täglichen Ereignissen der Umwelt den Stachel zum Nachdenken empfingen und sozusagen a posteriori Gedanken über den Zeitgeist bildeten. Ihnen waren die Menschen ihrer Mitwelt Studie zum Gemälde des Lebens der Menschen aller Zeiten. Sie erkannten ideell, was den andern verworren durch die täuschende Sdnnenerfahrang zum Erkenntnisgegenstande sich dairbot Gleichwie der Laie nicht begreifen kann, daß die durch das Prisma gebrochenen vielfältigen Strahlen Farben eines Lichtes sind, ebenso vermag der N'ichtdenkende nicht den erklärenden Zusammenhang für die Welt der Gegensätze zu finden, die doch nur scheinbare sind. Hamlet sagt hierfür treffend: „Was ist. ist an sich weder gut noch böse, das Denken erst macht es dazu." Den Propheten lag mehr das Heil der menschlichen Natur als die Befriedigung der täglichen Bedürfnisse im Sinne* Sie befleißigen sich auch der didaktischen Art des Seelenarztes, der mit dem Blicke des Psycho-Analytikers die richtige Diagnose für das menschliche Leiden finden kann. Jesaias war diese Gabe verliehen, in die Tiefe der Seele zu schauen und dort das nötige Heilmittel (Panpharmakon) zu entdecken. Seine Sprache war bildhaft und meist in Gleichnissen gehalten, an die sich das Volk um so leichter klammern konnte. Das waren Worte nach ihrer Fassungskraft . . . und furchtbar ward ihnen in der Stunde, wo ihnen das träge Gewissen geweckt wurde, aus dem sie allzubald in die alte Lethargie zurückfielen. Oft bildete sich zwischen ihnen und Jesaias jenes murrende Dulden heraus, das notwendig zu Eruptionen des angesammelten Ungehorsams führen mußte. Und dennoch mußte er sprechen und aufdecken das gleißne- •rische Zerrbild, das jene vom Leben hatten. Die Propheten mußten sprechen, das war ihre Bestimmung, ob sie auch zum Lohne verhöhnt und verspottet wurden. Sprechen war ihnen schöpferische Tat und dringendstes Lebensbedürfnis. Sonst, heißt es, morden sie jene, deren sehnsüchtigen Herzen das Gehörte balsamisches erlösendes Lebensglück bedeutet hätte.