Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 50 (14.12.1928)
- Date
- 1928-12-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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deite 4 iiiRiHiUHinniitiHiiiuuH 0i£ WAHRHEIT Jüdischer Nationalismus und Palästinaaufbau. Ein offener Brief des jüdischen Senators C. S z a b a d au den Jüdischen Sejmklub. Vorbemerkung der Redaktion. C. Szabad, bekanntlich Führer der „Jüdischdemokratischen Volkspartei Polens", steht auf national-jüdischem Boden und propagiert eine jüdische Kulturgemeinschaft, wie sie in Polen bis zu einem gewissen Grade auch tatsächlich existiert. Diese ausgesprochen nationale Einstellung hindert ihn aber nicht, in Wort und Schrift vor aller Oeffentlichkeit gegen das gefährliche Palästinaexperiment und den Keren Hajessod und Keren Kajemeth aufzutreten. Szabad tritt an Stelle des uferlosen, bisher fehlgeschlagenen Palästinaunternehmens für den jüdischen Kolonisationsgedanken in den heutigen Heimatländern, insbesondere aber für die jüdische Kolonisation in den Ostländern, ein. Anfang November erhielt ich einen offiziellen Expreßbrief von Seiten des Sekretariats des Jüdischen Sejmklubs folgenden Inhaltes: „Um das zehnjährige Bestandsjubiläum des polnischen Staates würdig zu feiern, hat das Direktorium des Keren Kajemeth beschlossen, dieses historische Ereignis durch Eintragung in das „Goldene Buch" (Sefer hasaaw) des Nationalfonds festzuhalten. Im Zusammenhang damit erläßt der Nationalfonds einen Aufruf, unterfertigt von einer Reihe jüdischer Organisationen. Das Direktorium beantragt, daß auch der Sejmabgeordnete Grünbaum im Namen des Jüdischem Klubs seine Unterschrift unter diesen Aufruf setze. In der Sitzung des Jüdnischen Klubs vom 31. Oktober wurde beschlossen, daß sämtliche jüdische Deputierte und Senatoren diesen Aufruf gleichfalls unterschreiben. Wir gestatten uns daher die Anfrage, ob auch Sie dieses Schriftstück mit Ihrer werten Unterschrift versehen wollen." Auf diesen Brief antwortete ich sofort telegraphisch und bat ausdrücklich, von meiner Namenszeichnung abzusehen. Ja, ich habe, wie der Herr Sekretär nachher schrieb, den ..Mut gehabt", unbekümmert darum, daß alle übrigen Sejmklubmitglieder ohne Ausnahme ihre Zustimmung erteil hatten, eine ablehnende Haltung einzunehmen. Ich erachte es daher für notwendig, vor der breiten Oeffentlichkeit meine Antwort zu motivieren, wiewohl ich mir dessen bewußt bin. daß durch diese Haltung meine Isolierung im Klub noch stärker wird. Meine Herren vom Klub! Selbstverständlich bin auch ich der Ansicht, daß die jüdische parlamentarische Repräsentanz mit einer wichtigen und großen Aktion das zehnjährige Bestandsjubiläum Polens feierlich begehe. Diese Notwendigkeit darf aber nicht dazu benützt werde n, den Jüdischen S e j m k 1 u b in eine Art Expositur der zionistischen Partei zu verwandeln. Wenn das Direktorium des Keren Kajemeth beschlossen hat, dieses historische Ereignis in das ...Goldene Buch" einzutragen, so war es sicherlich gewagt, einen derartigen Schritt auf eigene Verantwortung und aus eigenen Mitteln zu tun. Wenn ich nicht irre, genügt eine Spende von 100 Dollar, um eine Eintragung ins „Goldene Buch" zu erlangen. Ist nun die zionistische Partei der Ansicht, daß diese Summe angesichts der überragenden Bedeutung dieses geschichtlichen Faktums zu gering ist, so war es ihre Sache, unter ihren Mitgliedern größere Beträge für diesen Zweck zu sammeln. Aber der Sejmklub ist ja eine parlamentarische Repräsentanz des gesamten polnischen Judentums; wollte er nun das zehnjährige Jubiläum würdig feiern, so mußte er sich entschließen, aus diesem Anlaß eine Institution ins Leben zu rufen, die in irgend einer Weise die schwierige Lage der Juden Polens selbst erleichtern könnte. Meine Herren! Auf der Konferenz, welche jüngst in Warschau unter Teilnahme einer großen Anzahl von Sejmabgeordneten und Senatoren stattgefunden hat, wurde mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit festgestellt, daß die wirtschaftliche Lage der Juden Polens eine katastrophale ist. Wk werden von Tag zu Tag immer mehr aus unseren ökonomischen Positionen, welche wir bisher innehatten, hinausgedrängt. Die jüdischen Massen verelenden von Tag zu Tag in einem immer erschreckenderen Maße. Der Mittelstand ist gänzlich verarmt. Der Kleinhandel geht zusehends zugrunde, die Schichte der Vermittler und Zwischenhändler verliert immer mehr den Boden unter sich, die Handwerker und Arbeiter stehen ohne Arbeit und Brot da, Tausende von jungen Leuten gehen beschäftigungslos herum und sind jeder Erwerbsmöglichkeit beraubt. Einstimmig war man auf dieser Beratung der Meinung, daß das Judentum Polens dem Ruin entgegengehe und dieser Entwicklung irgendwie Einhalt geboten werden muß. „Ich habe Arbeit!" Nun, nun ist alles wieder gut. . . Menschen, hungrige, sich selbst suchende Menschen klopfen an eure Türe. Weist sie nicht ab, reicht ihnen die helfende Hand! Der verdorbene Mensch, der wirkliche Verbrecher kommt nicht zu euch. Nur der Reuige! Es ist so schön, einen Menschen gerettet zu haben, seinen Glauben an die Menschheit, seinen Glauben an Gott zu stützen. Der nur wankend geworden, findet mit ein bißchen Hilfe wieder den Halt. Lusta. * Im Anschluß an diese Skizze richtet der israelitische Straf Seelsorger von Stein einige Worte an die jüdische Oeffentlichkeit: Gerade im letzten Jahre vor der Neuwahl hat der Kultusvorstand der Sträflingsfürsorge der jüdischen Gefangenen in Stein sein Augenmerk zugewandt. Meine Berichte über diese eminent jüdische Fürsorgetätigkeit wurden von den Vizepräsidenten Dr. Ornstein und Dr. Löwenherz bedächtig gelesen und die positiven Bitten nach Tunlichkeit erfüllt. Meine Bitten für die Strafgefangenen nahmen kein Ende und sie erstreckten sich zumeist auf die von ihnen „gefürchtete" Freiheit Viele Bitten lauteten: Einen neuen Anzug, ganze Schuhe, reine Wäsche! Dann kamen die zahllosen Bitten um Interventionen, deren Erfüllung der Kultusvorstand dem Strafseelsorger allein überließ. Interventionen bei den Behörden. Begnadigungsgesuche. Beschaffen von Pässen und anderen Dokumenten, Aufenthaltsbewilligungen usw. wobei mich die Beamten der Kultusgemeinde, die Juristen Dr. Schenk und Dr. Wollheim, die gute Frau Sprecher tatkräftigst unterstützten. Dann die oft sehr peinlichen Versöhnungen mit den Verwandten. Väter. Mütter, Brüder und fernere Verwandte sollten ersucht, flehentlich gebeten werden, sieh ihrer Angehörigen „von Stein" anzunehmen. Dazu gehört, wie ein Bericht an die Kultusgemeinde lautete, „unendlich viel Geduld, Takt und Diskretion". Der praktische Ethiker Dr. Ornstein hat es stets mitgefühlt und die Hilferufe mitverstanden. Ein jüdischer Sträfling, der vor der Entlassung steht, machte unlängst einen Selbstmordversuch aus Angst vor „der Freiheit". Muß nicht dabei das mitfühlende jüdische Herz erschaudern und mitzittern? Die Arbeit ist übergroß und ein Mensch ganz allein ist ihr bestimmt nicht gewachsen. „Von den 66 Juden, die wir hier sind", schreibt mir derselbe Selbstmordkandidat, „beanspruchen Sie 60". Der Kultusvorstand verkennt die Schwierigkeiten nicht, die sich hier auftürmen, da diese spezifische, jüdische Art der individuellen Fürsorge noch nicht organisatorisch aufgebaut wurde. Die Juden, die „in Stein gewesen", erheischen mehr Arbeit, eine andere intensivere Arbeit, als die übliche Sträflingsfürsorge sie verrichtet. Ein kleines Amt, ein neuer arbeitswilliger jüdischer Verein könnte hier Wunder wirken und zur Reinhaltung des jüdischen Namens unendlich viel beitragen. Dem neuen Kultusvorstand eröffnet sich hier eine neuartige segensreiche Tätigkeit. Das jüdische Mitleid, die iüdische Selicha wird hier im höchsten Glänze erstrahlen. Unglückliche, lebendig Tote werden dem Leben wieder zugeführt. Jüdische Männer und Frauen, unterstützet diese Art der jüdischen sozialen Fürsorge, rettet die jüdischen ..Les Miserables", so lange sie noch zu retten sind! Helfet verwirklichen den Traum der jüdischen Talmud-Dozentin des Altertums, der berühmten Beruria, die in ihrer geistreichen und unendlich gütigen Art gesagt hat: „Lies nicht den Psalmvers: Es mögen schwinden die Sünder von der Erde, sondern: es mögen schwinden die Sünden von der Erde und dann wird es auch keine Sünder mehr geben." Prof. Dr. K. Kupfer, israelitischer Strafseelsorger in Stein,