Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 50 (14.12.1928)
- Date
- 1928-12-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 ^miHHimrninLiiumnTinnminnnimmtnTcn DIE WAHRHEM Jesaias müssen wir mit dem Auge MicheJ AngeJos sehen: das sinnende sorgenvolle Antlitz mit Augen, die Liebe heischen und zuweilen auch drohend zürnen können. Drohungen durften nicht fehlen .... Wir müssen an das Land des reichen Ueberflusses denken, das die Natur so großherzig bedacht, an das Wunderreich des Orients, der uns die Kultur der Juden und Inder gegeben. Man lebte damals in Saus und Braus und huldigte dem „Apres mois le deluge". Deshalb weil jene vom Alltag gefesselt waren und vetrfangen im Tand der Oberflächlichkeit, deshalb mußte ihnen Jesaias in schauerlichen Bildern die grausige Sintflut malen, die über dies sündige Geschlecht kommen würde. Die größte Strafe und abschreckendste Drohung mußte notwendig für sie, die Verwöhnten, eine Zea't des Mangels und der Entbehrung bedeuten. Jesaias konnte es ermessen, daß der Pöbel schrecklich sei, wenn er nicht fürchtet, und war seinen Angriffen oft ebenso wehrlos ausgesetzt und ungeschützt wie den Ausbrüchen der demientaren Naturgewalten. Schiller hat Recht: „Der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn". Und Jesaias hate die Mission, die Massen von den Wahnvorstellaingen zu befreien, und sie zu klaren Ideen zu führen, die ihnen Schein und Sein auseinanderzuhalten vermögen. Jesaii&s mußte dem laxen Lebenswandel und dem Epikuräismus in seinem damaligen Gewände entgegentreten und ihn mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln bekämpfen. Selten vergaß er, daß er ein Prophet sei, d. h. ein Mensch, der in der Gegenwart nicht die Früchte seines Wirkens und Schaffens genießen kann. Ein Mensch, der einer neuen Zukunft den Weg bahnt und dem nicht verstattet, diese Zukunft bei ihrem Umwandeln in Gegenwart zu erleben. So verkündete er denn das Kommen eines neuen Menschen, eines vollkommenen Menschen, des Messias, an den sirch so viel Glaube und Aberglaube geknüpft. Und jene, die noch heute auf den Messias warten, der sie alle en masse ins Reich der Seligkeit und Erlösung hinüberführen soll, das in einem Jenseits unserer Welt von gut und böse sein Dasein hat. Alle sind sie weitab vom Wege, weitab vom Wege zu sich selbst. Nur der Weg der Selbstbestimmung, der Selbsterkenntnis und Selbstläuterung kann zum Heile führen. Der Messias war schon erschienen und erscheint allemal in jedem großen bedeutenden Mann, aber sichtbar nur den Sehenden, Besondern, die sich selbst erlöst, nachdem sie sich auf den Weg gemacht, das menschliche Rätsel zu ergründen, und denen der Lohn und die Siegerfreude im Diesseits zuteil werden. Mit ihrem Leben dokumentieren sie die Gewißheit eines besseren Lebens, das dem denkenden Menschen winkt. Sie haben ein Verhältnis zu Geist und Welt zu Welt und Ewigkeit, zu Volk und Staat, zu Mann und Weib, zu Ich und Du. Jesaias spricht vom Messias allegorisch und stellt in ihm die Versöhnung des Menschen mit den Affekten dar. Aber daß sich Regeln für das Denken und für das Bezwingen der Leidenschaften nicht aufstellen lassen, ohne eine begeisterte Menge der Nachfolger des eigenen Lebens vorauszusetzen, das mußte er allzurasch einsehen und trotzdem voller Ingrimm und Protest zugleich seinem Geschicke folgen. Sein Ende war das eines Märtyrers, seine Leiden haben uns aber nicht über die eigenen belehren können. Seine Lebenserfahrung hat uns nicht genützt, denn wir müssen den Lebensweg von neuem gehen. Aber Wegweiser wird er uns sein: zur Persönlichkeit des Menschen. Stegesfeier ohne Ende. lieber den Ausgang der letzten Kultuswahl wäre es wohl, angesichts der deutlichen Sprache, welche die Ziffern sprechen, überflüssig auch nur ein Wort zu sprechen, wenn nicht von bestimmter Seite immer wieder der Versuch gemacht würde, das Ergebnis dieser Wahl zu verschleiern. Da Veranstaltjen die Jüdischnationalen „S i egesfeiern", Siegesfeiern bis zum Ueberdruß, Siegesfeiern ohne Ende. Welches ist denn jener großartige „Sieg", dien zu feiern sie nicht müde werden? Es ist die „Eroberung" zwar nicht der Kultusgemeinde, wohl aber eines einzigen Mandates in den Kultusvorstand, da sie ja das andere von ihrer mit ihnen eng verbundenen Schwesterpartei (Misrachi) erobert haben. Dies also ist der Sieg, welcher unsere Jüdischnationalen in der ihnen eigenen Selbstüberschätzung zu Vergleichen veranlaßt, welche anläßlich des Makkabäerfestes ebenso naheliegend' wie unpassend erscheinen. Uns widerstrebt es, auf derartige Vergleiche näher einzugehen, dafür aber halten wir den Ausspruch, den ein Glaubensgenosse in der unseligen Kriegszeit anläßlich der ununterbrochenen Siegesberichte unserer Truppen getan hat, viel besser zur Charakterisierung des jüdischnationalen „Sieges" geeignet. Dieser sagt]e nämlich auf die Kunde von einem neuen großen Sieg der Oesterreicher: „Wir haben in Lemberg gesiegt, wir haben in Krakau gesiegt, wenn das so weiter geht, fürchte ich, daß wir auch noch in Wien siegen werden". Dabei vergessen die Jüdischnationalen im Siegestaumel die jedem Schüler der ersten Volksschulklasse bekannte Tatsachee, daß 18 noch immer mehr sind als 11. Ueber diese Eigentümlichkeit unseres Zahlensystems, welche sich insbesondere bei Abstimmungen und ähnlichen Anlässen ungünstig auswirkt, werden aber unserle Jüdischnationalen durch noch so überschäumende Siegesfreude nicht hinwegkommen. Und noch etwas: Von unserer Gemeinde, von den Sorgen und Kümmernissen der Wiener Judenschaft ist bei aller dieser Siegesfreude keinle Riede. Wie die Gemeinde erhalten werden soll, was in religiöser und sozialer Hinsicht für die Judenschaft geschehen soll, das alles kommt erst in zweiter Linie in Betracht. Die Hauptsache ist, die Jüdischnationalen „s i n d die Herren der Kultusgemein de". Besonders interessant gestaltet sich die Ausbeutung des „Sieges" in den jüdischnationalen Wochenblättern, deren wir in Oesterreich mit Rücksicht auf den Umfang dieser Partei gleich zwei besitzen, ein „radikal e s" und ein „g e mäßigtes". Wählend die radikalen Zionisten in ihrer Wochenschrift „Die Neue Welt" selbstverständlich mit Stolz verkünden, daß der Sieg einzig und allein ihnen zu verdanken ist, weil sie die „G emäßigten" aus ihrer Lethargie aufgerüttelt und zu neuen Makkabäern gemacht hätten, vernimmt man aus dem Organ der „Gemäßigten" eine ganz andere „Stimmte". Sie schreibt nämlich den „überwältigenden" Sieg nur dem Umstände zu, daß es gelungen sei, die Radikalen hinauszuwerfen, deren Treiben sonst einen großen Teil der Wiener Kultuswählerschaft abgestoßen hatte. Wir wollen uns nicht erkühnen in diesem inneren Streit, wem die „S i e g e s p a 1 m e" eigentlich gebühre, eine Entscheidung zu fällen, sondern wir wollen nur feststellen, daß sich hier wieder einmal jener nicht seltene Fall (ereignet, daß die heftig streitenden Professoren im Kampfe der Meinungen und Anschauungen an das wichtigste, nämlich an den Patienten, vergessen. Doch braucht uns deshalb um sein Schicksal nicht bange zu sein. Seine Behandlung liegt nach wie vor in den Händen seines alten ehrlichen, verläßlichen und tüchtigen Hausarztes. Junger Mann mit hohem jüdischen Wissen, Schüler der berühmten Chyster Jesdtiwah bittet um Beschäftigung resp. Unterrichtsstunden gegen mäßiges Honorar, Grünfeld, II.» Franz HochedHngerg. 20/11. St., T. 20