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Die Wahrheit · 1928-12-14 · Heft 50 (14.12.1928) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 50 (14.12.1928)
Date
1928-12-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT »iiffliiMM^ 5ejte 3 sie bei den Zuhörern nicht den Eindruck pharisäischer Selbstgefälligkeit hervorrufen?" Damit hat der Kardinal den Nagel auf den Kopf getroffen und den Antisemitismus beim rechten Namen genannt; er ist pharisäische Selbst gefälligk e i t*), Heuchelei, die über wirkliche Fehler der anderen zetert, sie vergrößert oder ihnen vermeintliche andichtet, um die eigenen, vielleicht noch größeren, zu verschweigen und zuzudecken. Aber in den Reihen des Christentums darf nicht der Geist der Heuchelei, der Ungerechtigkeit und des Hasses lebendig sein, sondern jener der Liebe. Ich vermag dafür keinen besseren Kronzeugen anzuführen als den Bischof Rudolf Hittmair von Linz in Oesterreich, zumal diese Stimme aus einem Lande kommt, wo die Wogen des Antisemitismus schon manchesmal besonders hochgingen und immer wieder von neuem aufschäumen. Dieser Bischof starb am 5. März 1915 auf dem *) In christlichen, und namentlich in katholischen Kreisen wind noch vielfach wie hier d©r Ausdruck „pharisäisch" zur Kennzeichnung eines besonderen Typus der Selbstgerechtigkeit und Scheinheiligkeit gebraucht. Es sei daher ausdrücklich darauf hingewiesen, daß sich dieser Vorwurf keinesfalls gegen das pharisäische Judentum (richtet, dem erst kürzlich der hervorragende englische Gelehrte R. Travers Herford in seinem ausgezeichneten Buche „Pharsaism, its aim and its method" 'eine glänzende Ehrenrettung und Rechtfertigung hat zuteil werden lassen (vgL die eingehende Würdigung der deutschen Uebersetzung in Nr. 5/6 der „Abwehr- Blätter" vom 21. März 1928, S. 41 ff.). Dem Ausdruck „pharisäisch", wie ihn Kardinal Faulhaber gebraucht, liegt lediglich die Erinnerung an den Pharisäer des Lukas-Evangeliums (18, 11 ff.) zu Grunde, dessen Selbstgerechtigkeit dort in Gegensatz zu dem zerknirschten Insiichgehen dies Zöllners gestellt wird. Diese Bemerkung der 4,A bwehr-Blätte r^, denen der obige Artikel entnommen wurde, ist vollkommen richtig und zutreffend. geblieben und glaubt doch mit Recht, sich durch die Sühne das Menschentum wieder erkämpft zu haben. Die Sühne ist wahrlich schwer. Abgeschnitten wurde jäh das Band, das ihn bislang mit dem Inhalt des Lebens verbunden. Der Kerker ist ein steinernes Grab, in welchem der Gefangene seine Kräfte, seinen Geist und sein Selbstbewußtsein begräbt. Derzeit befinden sich im Zuchthaus von Stein 66 Juden. Ihr Los ist weit härter, als das der Gefangenen anderen Glaubensbekenntnisses. Wie sich in der Freiheit jeder Jude vor den dem Antisemitismus entspringenden Bosheiten flüchten muß, so muß er es noch vielmehr im Kerker, wo er sich vorwiegend unter verrohten und rücksichtslosen Elementen befindet. Auch die Behandlung durch die durchwegs christlichen Aufseher läßt sehr viel zu wünschen übrig. Dazu kommt noch ein anderes Moment: der Jude ist meist nicht imstande, schwere Arbeit zu leisten, muß sich im Gefängnis mit primitiven Beschäftigungen begnügen, die sehr schlecht belohnt werden. Belohnt, denn die Groschenbeträge, die dem Sträfling zur Hälfte gutgeschrieben werden und die er erst bei seiner Entlassung erhält, und die er zum andere Teil dazu verwenden darf, um sich Kostzubußen zu kaufen, diese Groschenbeträge führen nicht einmal den offiziellen Titel „Entlohnung". Bei schlechter Arbeit kann der Mann, wenn viel, im Monat zwei Schilling verdienen. Um einen Schilling darf er sich Eßwaren kaufen, die er über die Direktionskanzlei beziehen und zum Marktpreise bezahlen muß. So kann er sich zu der unrühmlich genug bekannten Strafhauskost im Monat zehn Deka Wurst und fünf Deka Margarine kaufen. Unter dem Fettmangel leiden die Sträflinge besonders hart. Und dann kommt endlich der Tag, da der Mann zurückkehren darf in die Freiheit. Freiheit, die ich meine . . . Gerade unter den Juden gibt es viele, die nicht nach Felde der Nächstenliebe, als Held der christlichen Karitas, der neben seinem bischöflichen Amte die Krankenpflege im Gefangenenlager der Serben bei Mauthausen übernahm und durch eine dort empfangene schwere Infektion den Tod fand. Sein Programm war „Liebe, mehr Liebe", und auch das Thema seines ersten Hirtenbriefes handelte über dieses Programm. Doch er ließ ihnen auch die Tat folgen. Und von der Betätigung seiner Liebe schloß er selbstverständlich auch die Andersgläubigen nicht aus. Der Sohn des Rabbiners, dem beide Arme abgefahren wurden, genoß bei den Barmherzigen Brüdern die liebevollste Pflege seitens des Bischofs, ebenso andere Juden. Und darum erfreute sich der Bischof auch hoher Verehrung bei den Juden. Als er krank geworden, hielten sie Bittgottesdienste in der Synagoge, und die jüdischen Frauen waren trostlos, daß „sie nicht erbeten haben" seine Genesung. Das schönste Denkmal, das der Bischof sich selbst gesetzt durch die Taten seiner Liebe, eine aktive Bestätigung aber auch dafür, wie weit die Kirche jeglichen Antisemitismus von sich weist. Mein Schlußwort aber geht dahin: Weil der Antisemitismus etwas der Kirche Wesensfremdes ist, darum sorge ein jeder — Laie oder Geistlicher — daß er immer mehr aus den christlichen Reihen gebannt werde. Pension Hindi, Semmeiina. Fttntenhol Aufnahme von Rindern ohne Begleitung Verlangen Sie Prospekte! Oesterreich zuständig sind. Ihre Freiheit beginnt — im Schubwagen. Und dann steht der Entlassene am freien Felde jenseits der Grenze, wohin ihn die Gendarmen gejagt. Wenn er Glück hat, fällt er dem Grenzsoldaten in die Hände und braucht so wenigstens nicht zu sorgen, wo er in den nächsten Tagen schlafen und was er essen werde . . . Freiheit, die ich meine . . . Wird er aber nicht erwischt, dann muß er auf der Straße des Verbrechens weiter ziehen, die ihm das Gesetz im Namen der Gerechtigkeit gewiesen. Er muß, will er nicht verhungern, stehlen. Viele aber drehen sich jenseits der Grenze wieder um und schleichen sich nach Oesterreich zurück. Hier haben sie ja ihre Verwandten und Bekannten, hier kennen sie die Sitten und Gebräuche, und wenn sie irgendwo Aussicht haben, sich durchzuschlagen, so nur im Lande, wo sie bislang gewohnt. Da lauert aber die Polizei auf sie. Und jetzt beginnt eine traurige Serie: Abstrafung wegen Reversion, Schubwagen, Reversion, Abstrafung, Schubwagen . . . Und hier die schlichten Worte eines Juden, der nach verbüßter Strafe in „Freiheit" gesetzt wurde, indem man ihn mit 24 Schilling vor das Tor der Strafanstalt stellte: „Zu Fuß wanderte ich nach Wien, um das Geld zu sparen. Acht Tage durfte ich im Obdachlosenheim schlafen — keiner darf dort länger wohnen — dann schlief ich im Polizeiarrest... Brot bildete meine einzige Nahrung während der Zeit meiner Freiheit. Eltern hatte ich keine mehr, die Mutter war während meiner Strafhaft gestorben, die Bekannten wiesen mir die Türe. Ich nahm es ihnen nicht übel. Wer ließ einen Mann m zerlumpten Kleidern, mit sohlenlosen Schuhen an den Füßen in seine Wohnung hinein? Mein früherer Arbeitgeber erbarmte sich schließlich meiner und nahm mich zurück. Er traute mir, vertraute mir. Nun ist alles wieder gut: ich habe Arbeit!"---

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