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Die Wahrheit · 1928-12-14 · Heft 50 (14.12.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 50 (14.12.1928)
Date
1928-12-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 i!imiHfiii«fiiiitiiHUuim!iiiiH»n»uiiHfiiiiiHiifnifiuinuiifiiiiiiiiiitiiiiEiHiritii WAHRHEIT der so viele Vorurteile und Keime des Hasses und der Verfolgung gegen die Juden im Gefolge hat. Und niemals wird die Kirche etwas dulden, was den Frieden des jüdischen Volkes zerstören oder seine Würde verringern könnte, da dies d e m Geist wie auch der Mission der Kirche zuwiderläuft. Denn drei Dinge hat das Judentum mit der katholischen Kirche gemein, den Glauben an den einen Gott, den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele sowie den Glauben an die Reinigung von Sünden, die durch Buße erlangt wird/* Den kirchlichen Standpunkt zur Judenfrage hat auch P. Andreas M. Schmitt, Lektor der Theologie am Dominikanerkloster zu Köln, bei den im Frühjahr 1924 in der gleichen Stadt veranstalteten Vorträgen für Gebildete aller Konfessionen über das katholische Glaubenssystem unter anderem dargelegt, wenn er sagt: „Turmhoch, nein himmelhoch steht die Kirche über dem Antisemitismus. Sie sieht und ehrt im Judentum den Sem, den Offenbarungsstamm der Menschheit, von dem es im Segen Noahs heißt „Gepriesen sei Jehova, der Gott Sems" — wie könnte sie vom Standpunkt der Religion oder Rasse antisemitisch sein? Sie verwirft das moderne Rassenidol als ungöttlich, unchristlich und unmenschlich, und jeder Rassenkampf, namentlich auch der gegen das Judentum, wobei die Fehler einzelner gewöhnlich zum Fehler aller gemacht, und .... die allgemeinen Menschenrechte in Frage gestellt werden, ist ihr ein Brudermord". Aus all diesen Kundgebungen wird das eine klar, daß wir in ihnen die traditionelle Auffassung der Kirche in der Judenfrage und in der Stellung zum Antisemitismus zu suchen haben. Ich sage traditionell, weil die Haltung der Kirche notwendig 3euiULetGt\, In der Menschenhölle von Stein Bettler des Lebens. „Lasciate ogni speranza, voi, ch'entrate!" Laßt alle Hoffnung hinter euch, ihr. die ihr hier eintretet! Diese Worte, welche Dante über das Tor der Hölle schrieb, sollten auch über dem Tor zu jener Hölle stehen, die im Munde der Gerechten, so nichtssagend fast, Männerstrafanstalt heißt. Wenn man mit der Bahn von Krems kommend gegen Grein zu fährt, sieht man nach kurzer Fahrt auf der linken Seite den sonderbar sternförmig angelegten Koloß der Strafanstalt Stein emporragen. Er ist ganz frisch getüncht, aber seine prangende Weiße versucht vergeblich, die den Beschauer erfassende Beklommenheit zu verscheuchen. Die zahlreichen eisenvergitterten Fenster, welche die hohen Mauern durchlöchern, erwecken sofort das Gefühl der aufgezwungenen Unfreiheit. Im Zuchthaus! — Ein düsteres, ein hartes Wort. Ich habe es freiwillig betreten, von Neugierde getrieben, doch als sich die zahlreichen Holztüren, Eisenschranken und Gittersperren hinter mir schlössen und ich in den langen, dunklen, mit Modergeruch erfüllten Gang trat, erfaßte mich ein Gefühl des Unheimlichen und Grauenhaften. Nicht das Bild des Hauses — es ist furchtbar —, nicht das immerwährend in den Obren gellende, die Nerven peitschende Gehl Einklang sein muß mit dem Geiste des Evangeliums; das Evangelium selbst aber atmet den Geist Christi. Wollte nun die Kirche in der Judenfrage Zugeständnisse machen im Sinne eines Antisemitismus, so würde sie sich völlig von dem Geiste Christi entfernen und damit aufhören, Künderin der Wahrheit zu sein, vielmehr der Lüge und der Ungerechtigkeit dienen, ein Zustand, der sich mit dem Wesen keiner Religionsinstitution vertragen würde, um so viel weniger aber mit der römischen Kirche hinsichtlich ihrer Ausmaße und Bedeutung. Und es gehört nun einmal zu den Aufgaben der Kirche, die ausgleichende Gerechtigkeit zu künden, die Achtung vor dem einzelnen Individuum, ein Gebot und eine Arbeit im Rahmen der Menschheit und der Kultur, die auch nur das geringste Liebäugeln mit dem Antisemitismus in keiner Weise zuläßt. Und zu den Erfordernissen, den Einzelmenschen in seiner Würde und Ehre zu achten ohne Rücksicht auf Rassen- oder Volkszugehörigkeit, gehört nicht zuletzt die Ue her Windung des Geistes der Ueberhebung und des Hochmutes, der ja gerade im Antisemitismus so tiefe Wurzeln geschlagen. Nichts könnte besser diesen Geist der Ueberhebung treffen als das Wort, das Kardinal Faulhaber auf dem Münchener Predigtkurs für katholische Geistliche im Oktober 1927 geprägt hat: „Die geistlichen Redner mögen alles vermeiden, was antisemitische Färbung wecken kann. Wohl haben die Propheten öfter und in scharfen Worten das Volk wegen Götzendienst, Betrug oder Wucher oder wegen des verderbten Kultes und der Ausschreitungen gegen die Priester gegeißelt, aber ihre Worte geben nur einen Zeitspiegel für das damalige Volk, und wollte man sie wiederum in der gleichen Weise in der Jetztzeit auf das Volk Israel anwenden, würden rausch der knallend ins Schloß fallenden Türen und Gitter, das monotone Klirren der Schlüssel, all das entsetzte mich nicht. Ueber die Menschen erschrak ich, die ich sah! Hat euch der Hilferuf eines Verdammten schon einmal in die Seele gegellt, ein stummer Hilferuf, der laut und erschütternd ins Gehirn dringt? Da steht der Gefangene, scheu an die Wand gedrückt, gleich einem geprügelten und so folgsam gewordenem Hunde und sucht mit seinen flackernden aber glanzlosen Augen, in denen sich die Oede des Zuchthauses spiegelt, den Blick des Besuchers. Der Gefangene bettelt uns an. bettelt mit den Augen, bettelt durch das demütige An-die-Wand-pressen, bettelt durch den stummen Gruß, den er durch. Senken des gebeugten Hauptes entbietet. Der Gefangene ist ein Bettler des Lebens und bettelt um sein Menschentum. Er schreit mir nach: Warum gehst du an mir vorbei, wie an einem Aussätzigen, machst einen Bogen, daß du ja nur nicht anstreifst an mich? Warum?! Warum? —--- Wir haben ein Strafgesetz, so modern und so human, wie überall. Wir sperren den Rechtbrecher ein und glauben damit Sühne zu erreichen für die Tat, die er begangen. Das ist es nicht. Es muß sogar vielleicht so sein. Aber es muß nichtsein, daß wir den Rechtbrecher aus dem Leben streichen, als weitere Sühne für seine Tat. Das ist es! Der Mann, der aus der Hölle von Stein entkommt, trägt das Brandmal der Schande auf der Stirne, das ihm im Namen der Gerechtigkeit aufgedrückt wurde, damit jeder gleich erkenne, du bist K a i n. Hat er sein Menschenrecht verloren, der Mann aus Stein? Warum weist ihr ihm die Türe? Der wirkliche Verbrecher wird nicht an eure Türe pochen; ihn treibt das Laster zurück in die Ouartiere des Verbrechens. Der aber zu euch kommt um Menschen zu finden, ist Mensch

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