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Die Wahrheit · 1928-12-14 · Heft 50 (14.12.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 50 (14.12.1928)
Date
1928-12-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon R 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 14. Dezember 1928 Nummer 50 Katholischer Antisemitismus? Von Kaplan Franz Rödel, München. Es mag gerade in unserer Zeit interessant sein, einmal einen Rückblick zu werfen auf die offizielle Stellung der katholischen Kirche zu Judentum und Antisemitism u s. Gewiß muß zugegeben werden, daß sich im Laufe der Jahrhunderte manche Päpste und Bischöfe gefunden haben, die in ihren Erlässen und Taten eine unfreundliche, ja feindliche Haltung gegenüber dem Judentum zu erkennen gaben. Aber durch diese Tatsache ist der landläufige Antisemitismus noch lange nicht berechtigt, diese Kirchenfürsten und katholischen Theologen als Kronzeugen für seine Haltung dem Judentum gegenüber zu beanspruchen und gar daraus die bindende These abzuleiten, als wäre die katholische Kirche als solche antisemitisch und müsse es sein, nur weil sich bei einzelnen ihrer Vertreter eine solche Gesinnung und die daraus resultierende Handlungsweise vorfindet. So bedauerlich derartige Entgleisungen und Ausartungen römischer Päpste, Bischöfe und Priester sind, so muß doch mit aller Entschiedenheit darauf verwiesen werden, daß der Einzelne — sei er nun Bischof oder eine sonstige theologische Größe oder selbst der Papst —, niemals als die Kirche und als das Christentum angesprochen werden darf. Der einzelne kann ein Mensch sein, dessen Auffassung von Menschlichkeit in engen Grenzen verläuft, der auch von gewissen Schranken in seinem Erkennen, von gewissen bedeutsamen Schwächen in seinem Willen beeinflußt ist. All diese Umstände sind darum maß- und richtunggebend für die Beurteilung der Taten jedes Einzelnen, und auch bei antisemitischen Päpsten wie Bischöfen muß solcher Maßstab angelegt werden. Will man aber einem System — gleichviel welcher Art — völlig gerecht werden, dann darf man die Sonde der Kritik nicht an der Praxis anlegen, sondern man muß die Theorie analysieren und hieraus die nötigen und richtigen Rückschlüsse ziehen. Weitaus die größte Zahl der Päpste war stets den Juden freundlich gesinnt, trat immer strikte allen Gewaltmaßnahmen gegen die Juden entgegen. Erinnert sei nur an Gregor L den Großen, der den christlichen Zerstörern von Synagogen die Zahlung von Entschädigungen auferlegt. Weiter sei Innocenz III. genannt, der jede Störung der israelitischen Religionsübung, der Gottesdienste und Festfeiern sowie die Wegnahme jüdischen Eigentums verbot. Und so könnten noch die Namen vieler Päpste genannt werden, deren judenfreundliche Haltung nicht bloß ihrer persönlichen Gesinnung entsprach, sondern die damit die offizielle Haltung der katholischen Kirche bekundeten. Auch ein Blick auf Päpste des 19. Jahrhunderts bestätigt dies. So haben Pius IX. und Leo XIII. verschiedentlich ihre Stimmen zugunsten verfolgter Juden erhoben. Gerade dem Papst Pius IX. hat seine judenfreundliche Haltung den Namen „Patronus Judaeorum" eingetragen, und das Wort „E im Ebro" ist der beste Beweis für seine Judenfreundlichkeit. Und die Päpste des 20. Jahrhunderts haben ebenfalls nicht anders gedacht. So hat Pius XI. verschiedentlich die Verwerflichkeit und Unvereinbarkeit des Antisemitismus mit dem Christentum betont und erst wieder in dem Dekret des Hl. Offiziums vom 25. März 1928 mit markanten Worten die Stellung der katholischen Kirche zum Judentum umrissen, wenn er sagt: „Von solcher Liebe bewegt, hat der Apostolische Stuhl dasselbe Volk gegen ungerechte Verfolgungen beschirmt, und gleichwie er allen Haß und alle Feindschaft unter den Völkern zurückweist, ebenso und am meisten verurteilt er den Haß gegen das einst von Gott auserwählte Volk, jenen Haß nämlich, den man jetzt mit „Antisemitismus" zu bezeichnen pflegt."" Daß es aber von Seiten des Papstes nicht bei Worten bleibt, sondern auch Taten folgen, läßt beispielsweise der Umstand erkennen, daß Pius XI. dem holländischen Geistlichen Hobus aus Eysden für seine unermüdliche und versöhnende Tätigkeit gegenüber den Juden das Kreuz „Pro Ecclesia et Pontirice" verliehen hat. Den offiziellen Gedankengang der Kirche darf man auch in dem seinerzeitigen Interview des Kardinals van Ross u m erblicken. „Die Kirche verurteilt aufs schärfste den Antisemitismus, und zwar mit der ganzen Kraft ihrer Autorität. Sie wünscht besonders, daß die Stimme der Liebe von allen Völkern endlich vernommen werde, namentlich nach einem Kriege,

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