Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-12-07 · Heft 49 (7.12.1928) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 49 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064295--16781-3089550
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

§eite 12 etSRBiim rjr£ WAHRHEIT semitischen Schändlichkeiten gegenüber, denn die intellektuellen Urheber wollen nicht „hören". Ein wahres Wort! Diese Friedhof Schändungen sind bei Licht besehen nur die letzte Folge jener gegen Lebende und Tote gerichteten antisemitischen Hetze, die von deutschen Intellektuellen betrieben wurden. Und zwar zum großen Teile von jenen Intellektuellen, die mit dem Professortitel geschmückt an deutschen Universitäten nicht „hören", sondern — „lesen". * * * Wie man sich doch irren kann! In der rühmenswürdigen Rede, mit der der neue Rektor der Wiener Universität sein hohes Amt inaugurierte, war den Knüttelhelden nachdrücklich in Erinnerung gebracht, daß die Universität zum Studieren und nicht zur Demonstrierung politischer Weltanschauungen dienen sollte. Hieran wagte ich die Hoffnung zu knüpfen, daß fürderhin wenigstens der Fall sich nicht ereignen werde, daß die Überfallenen und mißhandelten Studenten nachträglich auch gemaßregelt werden. Nun aber lese ich, daß bei den skandalösen Ausschreitungen, anläßlich der Republikfeier an der Universität, ein jüdischer Student, der sich gegen Angriffe wehrte, verhaftet wurde, während der Angreifer unbehelligt blieb. Bleibt es also wirklich weiter dabei, daß man an der Wiener Universität unter „Duldung" nur das versteht, daß man die nichtswürdigsten Exzesse gegen jüdische Studenten — duldet? * * * So anwidernd das Treiben der hakenkreuzlerischen Krawallmacher gelegentlich der republikanischen Festfeier anmutete, so wird doch jeder Wahrheitsuchende sich hüten, diese Studenten allein dafür verantwortlich zu machen. Die Lehrer dieser Jünglinge, die vielleicht mit einer vereinzelten Ausnahme ohne ein Zeichen tiefsittlicher Empörung gelassene Zuschauer der schmachvollen Ausschreitungen blieben, diese Professoren, die sich so weit beherrschen konnten, jeden Aufschrei beleidigten Rechtsgefühles zu unterdrücken, die verdienen sicherlich eine weitaus schärfere Verurteilung. Wer angesichts solcher Szenen sich der moralischen Verpflichtung entzieht, für die Ehre der Wissenschaft, der Kultur und der Menschlichkeit auch nur ein lautes Wort zu sprechen, macht sich — um nicht ein schärferes Wort zu gebrauchen — zum Mitschuldigen. * * * Doch nein, einer dieser Professoren, ein Jünger der ärztlichen Wissenschaft, hat doch das laute, die Situation klar beleuchtende Wort gefunden. Er hat es allerdings nicht den stöckeschwingenden Hakenkreuzlern, sondern einem jüdischen Studenten zugerufen, der seine Intervention erbeten. In dem Jargon verfallend, der sicher die helle Begeisterung der Hakenkreuzler zu erregen geeignet war, erwiderte der Professor dem jüdischen Studenten: „Mit E z e s sind wir versehen". Wer dürfte selbst dem borniertesten Hakenkreuzler die Behauptung verübeln, daß er aus dem Klange dieser ihn vertrauten Töne eine Ermunterung und nicht eine Zurückweisung heraushören mußte? Wenn ein Arzt, der in der Erinnerung an jüdische Koryphäen seiner Wissenschaft zu niederdrückender Bescheidenheit gestimmt werden müßte, auch noch durch die liebevolle Pflege des Jargons auf hakenkreuzlerische Studenten zu wirken sucht, dann — ja dann wird vieles begreiflich. Der Zufall, der mitunter pikanter als jede berechnende Absicht wirkt, wollte es, daß mir nach der Betrachtung, die ich eben Wiener Professoren widmete, ein Leitartikel des „Pester Lloyd" in die Hand kam, der sich mit den Budapester Universitätsprofessoren beschäftigt. In diesem unter dem Titel „W ie der Schüler so der Lehrer" erschienenen Artikel wird die Schande beleuchtet, daß der Senat der Universität den Beschluß gefaßt hat, zur geplanten Zentenarfeier des weltberühmten ungarischen Professors Friedrich K o r ä n y i die Aula der Universität nicht zur Verfügung zu stellen. K o r ä n y i war nämlich jüdischer Abstammung. Nachdem der „Pester Lloyd" diesen Beschluß des hohen Universitätssenates in Zusamenhang mit den jahrhaus jahrein sich wiederholenden brutalen Exzessen gegen die jüdischen Studenten erörtert, führt er schließlich unter anderem aus: „Man darf da billig fragen: Ist die Studentenschaft von dieser Universitätsbehörde oder der Universitätssenat von dieser Studentenschaft angesteckt?" Diese Frage kann man wahrhaftig mit Fug und Recht auch in Wien für unsere Universitätsverhältnisse stellen und man wird ruhig auch die Bemerkung des ungarischen Blattes hinzufügen dürfen: „Wie dem auch sei, die Wesensverwandtschaft zwischen den beiden ist zu augenfällig, um übersehen zu werden." Ego. Grabsteinstellung für Oberrabbiner Prof. Dr. Hersch Perez Chajes s. A. Am 2. Dezember jährte sich zum erstenmal der Tag, an welchem Oberrabbiner Chajes gestorben ist. Der Verlust, welchen unsere Gemeinde durch den Tod dieses wahrhaft großen und hervorragenden Mannes erlitten hat, ist ein unersetzlicher, Das Wirken Dr. H. P. C h a j e s in unserer Gemeinde, das von allen Juden ohne Unterschied der Parteistellung gewürdigt wurde, die Verdienste, die er sich in schwerster Zeit um unsere Gemeinde erworben hat, stehen noch so sehr in allgemeiner Erinnerung, daß wir es uns ersparen können, abermals darauf hinzuweisen. Die Vorsteher unserer Gemeinde haben es als eine Ehrenpflicht empfunden, dem Andenken dieses Mannes die ihm gebührende Ehrung zu zollen und so wurde am 3. Dezember auf dem Zentralfriedhof (1. Tor) ein würdiger Denkstein für Dr. H. P. Chajes gesetzt. Der Grabstein ist nach den Entwürfen des Professors Dr. S t r n a d geschaffen. Er bildet ein großes Prisma, zu dem drei Stufen hinaufführen, deren unterste die Inschrift „Professor Dr. Hirsch Perez Chajes — Oberrabbiner der Kultusgemeinde Wien" trägt. Die Mitte des Gedenksteines ziert eine mächtige, kreisrunde Messingplatte, die in hebräischer Schrift den Namen und Titel des Verstorbenen, weithin sichtbar, enthält. Der übrige Teil des Steines und des Stufenaufbaues ist mit Sprüchen im klassischen Hebräisch versehen, die eine Würdigung der Persönlichkeit Dr. Chajes' und seines Wirkens und Schaffens in Form eines Akrostichons enthalten, das der Professor am Ra£- bimerseminar Dr. A t o w i t z e r verfaßt hat. Die Grabsteinstellung war mit einer würdigen Feier verbunden, welche trotz des schlechten Wetters durch die zahlreiche Beteiligung aus alleni Krei-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.