Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 49 (7.12.1928)
- Date
- 1928-12-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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öffe Wahrheit jjji^^ Seite Ü wir es uns nicht eingestehen mögen. — Nicht, daß damit gesagt sein soll, es sei nicht recht, daß alle, die sich Juden nennen, die Ehre der jüdischen Gesetze verteidigen, sie sollen es wohl tun, aber sie sollen auch das Wirksamste dafür tun und in voller Konsequenz des verteidigten Gutes es auch halten, wahren und heiligen. Wir sehen die jüdische Not aber zumeist verzerrt und verspätet und nicht aus ihrer Quelle, sondern erst in ihrer Auswirkung. Wir sehen sie und fürchten sie, aber wir treten ihr ohne jene volle innere Kraft entgegen, die das Bewußtsein den in ihrem Lebensnerv Angriffenen verleiht, die sich um ihre Existenz verteidigen. Wir sind eben in der überwiegenden Zahl nur Juden einer negativen Einstellung. Wir finden uns nur zu unseren Heiligtümern, wenn ein äußerer Angriff sie uns wieder behauptenswert macht. Das Positive, ohne den äußeren Anstoß, aus uns selbst heraus und für uns selber Juden des jüdischen Lebens zu sein, ist uns stark abhanden gekommen. Unser Tun und Lassen kann darum nicht immer unseren Schrei nach Einsicht rechtfertigen. Wir bauen auf unseren Einfluß, wir pochen auf unser Recht, wir berufen uns auf verbriefte Zusagen der Gesetze, aber es liegt kein Schwergewicht darin, weil das volle Erlebnis der S.eele nicht mitschwingt und unserem Entrüstungsruf der Nachdruck unseres Wirklichkertsbeweises fehlt. „Nicht mit Kraft und nicht mit Macht" äußerer Mittel kannst du, Jude, es erzwingen. Die Hellenisten haben es seinerzeit mit Verschiedenem versucht; sie haben es versucht, mit schrittweisem Nachgeben der heidnischen Wünsche, umsonst, sie haben den Feind nicht abgehalten. Sie haben ihre Bildung und ihre gewandte Lebensart vorgeschickt, vergebens, das hat die Griechen nicht bestochen, sie haben sich ihnen schließlich ganz verschrieben, aber um die Gefahren des Judentums wurde es darum nicht besser. Nur eines, was das Wirksamste gewesen wäre, haben sie nicht getan, sie haben d^n Glauben der Väter nicht treu gelebt oder sich ihm nicht wenigstens noch nachträglich in Treue zugewandt. Das aber haben andere getan, die Quelle und Heilmittel der Not erkannten und darnach handelten, die Makkabäer. Sie fühlten sich angesprochen vom zweiten Teil unseres Prophetentextes: „Nur in meinem Geiste spricht der Ewige Zebaoth." Im Geiste Gottes übten sie ihre Abwehr. Sie trafen darum das Problem der jüdischen Not ins Herz und siegten über Gefahr und Bedrohung. Sie konnten entschlossen ihr Leben in die Schanze schlagen und schlugen es in die Schanze für das angegriffene Gottesgebot, denn ihr Leben und Tun gehörte ja ihm. Darum haben die Makkabäer nicht nur die Antwort gegeben, worin das Wesen der jüdischen Not bestand und woher sie stammte, sondern auch, wo der Weg liegt, sie zu überwinden. II. Welches ist nun der Weg der Ueberwindung der jüdischen Not? Im Talmud (Sabbat 21b) wird uns eine Kontroverse zwischen den Altmeistern Schamai und H i 11 e 1 überliefert über die Frage, ob man die Chanukalichter in der Folge der acht Festtage in absteigender oder aufsteigender Linie anzünden soll. Schamai meint das erstere, man zünde am ersten Abend alle acht Lichter an und dann an jedem Abend eines weniger und Hiller lehrt, es verhält sich umgekehrt, man zünde erst nur ein Licht an und an jedem weiteren Abend eines mehr. Die Halacha, die religiöse Norm, hat sich für die Ansicht Hilleis entschieden. Ueber die Gründe der widerstreitenden Ansicht der beiden großen Männer haben diese selbst sich nicht geäußert, aber die Amoräer rühren an Ort und Stelle mehrere Meinungen an. Wahrscheinlich hat sich aber die Kontroverse um den in unserer Betrachtung erörterten Gedanken gedreht, ob die Begebenheiten des Chanuka, die die Lichtlein in Erinnerung bringen sollen, mehr auf die negative Stärke und Größe der damaligen Zeit hinweisen, oder ob auf der positiven Bedeutung der Geschehnisse das Schwergewicht ruht. Durch den Sieg der Makkabäer nahmen die Feinde von Tag zu Tag immer mehr ab und die Feinde JAC. MAYER Kleider- und Gummimäntel-Industrie Export nach allen Ländern Wien II., QlOCkengasse 24 Telephon R 48-4-79 waren es ja, durch die alle auf den Plan der Verteidigung gerufen wurden. Diese muß darum nach Schamai besonders gefeiert werden. Hillel aber erblickte hierin nur den negativen Sinn der heiligen Sache. Nicht um der Verminderung der Feinde willen mußte das Große geschehen, sondern um der Gewinnung der Freunde wegen, die Assimilation und Lauheit der Entfremdung zuführte. Was liegt schon für Israel daran die äußeren Feinde schwinden und abnehmen zu sehen, wenn es nicht im Inneren an eigenen Freunden zunimmt. Mit dem Sieg der Makkabäer trat Positives ein. die Glaubensfreudigkeit nahm immer mehr und mehr zu und die Freunde der jüdischen Sache wuchsen im eigenen Lager. Dieses muß nach Hillel am Chanuka besonders seieiert werden. Die Ueberwindung der jüdischen Not muß ihr Ziel in der Gewinnung im eigenen Lager sehen. Wir sollen nicht immer erst von unserem Stand nach außen unsere Einstellung nach innen bemessen. Der Gra*d unserer Judentumszuneigung soll nicht erst von dem Barometer der mehr oder minderen äußeren Judenfeindschaft abhängen. Nicht im Negativen liegt unsere unverwüstliche Kraft, sondern im selbstgefestigten Positiven. Nicht die absteigende Linie der andern sei unser erstes Augenmerk, sondern der aufsteigende Weg für uns selber. Jude sein heißt, wie die Sonne sein, aus eigener Kraftfülle für die hohen Ideale unseres erhabenen Glaubens glühen und leuchten und nicht wie der Mond, nur aus erborgtem, fremderseits entliehenem Lichtanstoß scheinen. Nicht mit Macht und nicht mit Kraft, die uns durch die negative Berührung erwächst, werden wir unsere Aufgaben erfüllen und unseren Bestand über alle Bedrohung hinweg sichern, „sondern nur in meinem Geiste, spricht der Ewige Zebaoth." Alle Judentumsfragen sind im wesentlichen innere Fragen. Auch das Problem der jüdischen Not, das dio Maske vieler Gesichter trägt, will von uns mit dem einen Gesichte gesehen werden, mit dem der Selbstprüfung. Möge dies der Mahnruf des Chanukalichterglan^s in uns wecken und uns bestärken, Juden des makkabäischen Ideals zu sein, Hüter dis positiven und Ueberwinder eines bloß negativen Judentums. QlGTTen*. Der großdeutsche Abgeordnete Dr. Clessin hat einen scharfen Angriff gegen Dr. Seipel wegen seiner Rede anläßlich der Proklamierung der Salzburger katholischen Universität gerichtet und es insbesonders bemängelt, daß der Bundeskanzler einen Kulturkampf seiner Partei ankündigt. Optimistisch gesinnte Juden glauben vielleicht, man solle zunächst abwarten, was Dr. Seipel diesmal unter „Kulturkampf" versteht? Wenn der Bundeskanzler meint, es sei höchste Zeit, daß die christiichsoziale Partei daran denke, auch im Namen der Kultur gegen alle die Religion wie die Kultur schändende antisemitische Hetzereien Stellung zunehmen, so könnte man ihn nur beistimmen. * * * Nun hat auch der greise Professor Hamack, einer der berühmtesten deutschen Forscher, öffentlich seiner Empörung über die Schändung jüdischer Friedhöfe, die er als „Kulturschandie; Gemeinheit und Verbrechen" kennzeichnet, Ausdruck verliehen. Harnack erklärt, man stehe ratlos diesen anti- Aach Detailverkaaf zu Fabrikpreisen! 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