Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 49 (7.12.1928)
- Date
- 1928-12-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Dffi WAHRHfell Oberkantor J. ROSEN BLATT und alle anderen jüdischen und hebräischen Lieder und kantoralen Gesänge. Auch Opern und moderne Schlagerplatten in größter Auswahl. Modernste Sprechapperate zu gunstigen Zahlungsbedingungen- Kataloge gratis! RICHARD HERZOO ^SÄ?»;—=======!—==-—==^^ Telephon A 41-6-24 Soeben neue original aiüCrihOlliSfiie Neuheiten eingelangt! die Quelle liegt und zugleich auch das Mittel der Heilung für sie. Mitschwingen möge dabei der Kernsatz der Sabbat- Haftcra unseres Festes, den man sich gewöhnt hat, als den Grundgedanken des Chanukageschehens anzusehen, der Schriftvers aus Secharja: „Nicht mit Macht und nicht mit Kraft, sondern nur mit meinem Geist, spricht der Ewige Zebaoth." I. Die Zeit, in deren Folge die Makkabäer hervortraten und welche die Geschehnisse des Chanuka hervorbrachte, war zunächst gekennzeichnet durch eine jüdische Not, eine Not. die nicht allein das physische Leben der jüdischen Nation betraf, sondern mehr aufs Ganze ging und die Religion und das Geistesleben Israels berührte. Worin bestand und woher stammte das Wesen der damaligen jüdischen Not? Darauf meint man sehr leicht uud schnell eine Antwort zu wissen. Die Not bestand in der Verfolgung der Juden und ihres Glaubens und stammte aus dem Hasse und der Feindschaft der Syrer und ihres ingrimmigen Königs Antiochus Epiphanes.. So will es jeder in den Büchern der Geschichte gelesen haben und so pflegen es die meisten, in dem, was sie darüber hören und lesen, zu verstehen. Dem ist aber nicht ganz so. Das Wesen und die Quelle der damaligen jüdischen Not ist vorerst anderswo zu suchen, viel näherliegend als beim Feinde — bei den Juden selbst. Es ist sehr bequem und ebenso oberflächlich die Triebkraft eitlem Unheils auf das Unheil selbst zu schieben und die feindliche Gewalt erst zu bemerken, wenn sie schon mit gezücktem Schwerte vor einem steht. Man soll, wenn ein Unglück hereinbricht, doch prüfen und vor allem sich selbst fragen, ob man es sich nicht selber mindestens mitverursachte und durch verhängnisvolles, verkehrtes Verhalten den feindlichen Gewalten die Zügel des Geschehens selbst in die Hand gespielt hat. Das war damals der Fall. Die Juden haben durch Lauheit und Schwäche sehr vieler von ihnen in den Dingen ihrer Religion sich eine starke Blöße gegeben und die lauernden feindlichen Mächte selber zu ihrer Bedrohung angelockt. „In jenen Tagen gingen aus Israel ruchlose Leute aus, und beredeten viele", erzählte das erste Buch der Makkabäer (1/11—13), „indem sie sagten: Laßt uns gehen und einen Bund schließen mit den Heiden, die rings um uns sind....." und diese Rede gefiel in ihren Augen und einige aus dem Volk warfen sich auf und reisten hin zum Könige und er gab ihnen Erlaubnis, die Weisen der Heiden einzuführen---und sie fielen ab vom heiligen Bunde und gesellten sich zu den Heiden und bestrebten sich Böses wie sie zu tun". Antiochus wäre schwerlich auf den Gedanken verfallen, auf das Herz des Judentums zu zielen, die Religion Israels anzutasten, wenn nicht so zahlreiche mächtige und angesehene Juden selbst in ihm sozusagen den Gedanken geweckt hätten; wenn sie nicht hingegangen wären, allzu große Gleichgültigkeit zu zeigen und über das, was seit Jahrtausenden allen Generationen heilig war, leichten Schrittes hinwegzugehen. Diese Juden, denen Hellenismus und glänzende heidnische Art schon lange, ehe die Chanukavorereignisse einsetzten, den Sinn verzerrte und alles Unjüdische in einem begehrenswerterem Lichte erscheinen ließ, als die schlichte, aber wahre und tiefe, gottgewollte Väterweise, haben sich zu Mitschuldigen der schmählichen Verfolgung ihrer eigenen Volksgenossen gemacht. Es lag nicht in der Denkungsweise der syrischen Herrscher, Israels Glauben zu bedrohen. Alle Vorgänger des Antiochus waren vielmehr ausgesprochene Freunde der jüdischen Religion, weil sie schon rein politisch es für verfehlt hielten, an der Herzensangelegenheit eines Volkes zu rühren. Zeigen sich indessen die Juden selbst lau und lieblos gegen ihr Gesetz, gegen ihre Sitte und Lehre, dann — so sagten sich die Syrer, die ja schließlich ihre eigene Macht auf Kosten der jüdischen befestigen wollten — wird wohl dieser so oft heiß verteidigte Glaube der Juden in Wahrheit nicht allzu fest in ihnen verankert und ihnen nicht allzu schwer völlig zu entreißen sein. Es hat sich dies nicht bloß einmal in der Geschichte des Judentums so gezeigt. Treffend äußert sich in dieser Hinsicht der Talmud (Sabbat 130/1), daß immer, wenn Israel nicht. mit ganzer Hingabe und Einsetzung des Lebens am Gesetze hing, dessen Bestand in Bedrohung kam und ein Spielball in seiner Feinde Hände wurde. Gewiß, auch damals besannen sich schließlich viele selbst aus der Mitte der Gleichgültigen, und die Angriffe auf die Väterreligion riefen auch sie am Ende auf den Plan der eifrigen Verteidigung dessen, was sie vorerst selbst gering achteten. Aber ihnen galt das Prophetenwort: „Nicht mit Macht und nicht mit Kraft....." A1I-2 äußeren Anstrengungen und Kraftaufwendungen der Apologetik, der Abwehr, greifen ins Leere, erweisen sich verfehlt, verhallen wirkungslos, wenn sie sich nur auf Theorien und nicht auf felsenfeste, selbsterlebte, selbstbefestigte Wirklichkeit stützen können. Das Judentum will zu seinem wahrhaftigen und erfolgreichen Schutz weniger gelobt und verteidigt und m;hr ausgeübt sein. Das ist es ja gerade, was die Chanukageschichte auch auf unsere Tage ein grelles Schlaglicht werfen läßt. Auch in unseren Tagen sieht man den Judenhaß — daran es wahrlich nicht fehlt — zumeist erst, wenn es schon da ist. Auch wir können es tagtäglich erleben, daß die sonst Gleichgültigsten in Glaubensdingen plötzlich für die Religion in die Bresche treten, wenn sie sie angegriffen sehen. Daß sie selber vielleicht mit die Quelle gewesen, die die Angriffe begünstigten, wird ebenso übersehen wie die Tatsache, daß alle Redensarten und Beweise nichts fruchten, wenn nicht das wahre, blutwarme, wirkliche jüdische Leben sie bekräftigen und gewissermaßen beurkunden. Wenn es auch noch so schön und anerkennenswert ist, die Verteidigung des Judentums und seiner Lehren auch von Areligiöscn betrieben zu sehen, so ist es doch fraglich, ob es Sinn und Zweck hat. Man entrüstet sich zum Beispiel augenblicklich in allen jüdischen Kreisen über die Verunglimpfung unserer Schechita und sucht Beweise auf Beweise zu häufen, daß sie etwas heiliges und unantastbares sei und nicht die Verkennung verdiene, die ihr von feindlicher Seite entgegengebracht wird. Aber selbst haben sich weite jüdische Kreise in ihrer Lebensweise nichts aus der Schechita gemacht und haben so den Wortführern des Streites auf der gegnerischen Seite den starken Vorwand, der ausdrücklich gebraucht wird, in die Hand gespielt: „Die Juden selbst sind nicht durchdrungen von dem, was sie verteidigen, sie halten ja zum großen Teil selbst nicht mehr diese Gesetze." Wir verteidigen etwas, wovon wir uns selbst schon von vornherein des Rechtes der Verteidigung begeben haben. Und das ist der Kernpunkt der jüdischen Not, der furchtbare tragische Knoten unserer Lage, daß wir uns nicht frei von Mitverschulden daran wissen können, obwohl