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Die Wahrheit · 1928-12-07 · Heft 49 (7.12.1928) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 49 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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■hwbb^^ Seite $ punkten der englischen Flotte, die über das Weltmeer verstreut sind! Das GJährichste in der Politik sind anständige und verdienstvolle Menschen mit falschen Ideen. Aus Rücksicht auf ihre persönliche Makellosigkeit und Verdienste scheut man sich, ihre Ideen mit der gebührenden Schärfe zu bekämpfen; jene Tugenden täuschen das Publikum über die Gefährlichkeit der Ideen. In Versailles arbeitete der hochverdiente und allgemein verehrte Louis M a r s h a 11 vier Monate im Schweiße seines Angesichtes — wie er sich rühmt — um den Juden der neuen Staaten Europas dieses verhängnisvolle Privilegium zu verschaffen, mit dem Wilson sie zu beglücken verheißen hatte. Herr Louis Marshall kannte die Verhältnisse und Bedürfnisse dieser Juden ganz genau so, wie sein Meister Wilson die Grenzverhältnisse dieser Staaten kannte. (Wilson ist sich bekanntlich nie darüber klar geworden, welcher Unterschied zwischen Budapest und Bukarest besteht.) Und während Herr Marshall diese aufreibende Arbeit im Interesse der Juden verrichtete, hatte er keine Ahnung, daß er pourleroide l'Angleterre arbeitete. Das Zentrum dieses ganzen Systems englischer Stützpunkte in Ost- und Mitteleuropa sollten die Juden in Polen bilden, wo sie 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Um säe drehte sich darum die ganze Arbeit aller, die. von der Balfour- Deklaration hypnotisiert, der englischen Politik durch dick und dünn folgten, ohne sich zu fragen, ob nicht dadurch etwa den Juden der größte Schaden zugefügt werden könnte. Am 2. Oktober 1918, kurz vor dem Zusammenbruch, berief Kaiser Karl einige Persönlichkeiten, 5enen er genauere Kenntnisse der Verhältnisse in den Kronländern zumutete, zu sich, um ihre Meinung über die damals geplante Umgestaltung der Monarchie zu hören. U. a. empfing er auch den Oberrabbiner Chaies, den er über die Juden in Galizien befragte. Der Oberrabbiner antwortete, die Lage der Juden sei schlimm, besonders mit Rücksicht auf das schlechte Verhältnis der Polenzu den Juden. Auf die Frage des Kaisers, was nun zu geschehen hätte, erwiderte der Oberrabbiner, daß die einzig mögliche Abhilfe in der Sicherung der Rechte der Juden als nationaler Minderheit liege. Die polnischen Zeitungen berichteten über diese Audienz ausführlich und die Worte des Oberrabbiners, gewaltig übertrieben und vergröbert, erregten in jenen ohnehin genug erregten Tagen unter den Polen aller drei Provinzen einen unbeschreiblichen Sturm der Entrüstung. Einer der hervorragendsten Vertreter des Gesamtjudentums, der selber aus Galizien stammte, der Oberrabiner der größten und angesehensten Gemeinde der Monarchie hatte öffentlich nicht bloß vor dem Kaiser, sondern vor ganz Europa die polnische Nation, die im endgültigen Kampfe stand um ihre Befreiung und Einigung nach 150jähriger Knechtschart und Zerrissenheit, beschimpft und denunziert, daß sie drei Millionen Juden in ihrer Mitte unterdrücke und daher unter internationale Kontrolle gestellt werden müsse! Alle polnischen Juden wurden für diese Entgleisung verantwortlich gemacht. Die Wut der polnischen Nationalisten stieg bis zur Siedehitze. Und keiner sagte sich, daß jemand ein großer Gelehrter, ein beliebter Kanzelredner und ein ausgezeichneter Mensch und dabei politisch ein Kind sein kann. Die ganze angestrengte Arbeit der Juden in Polen, erträgliche Lebensbedingungen durch einen Frieden mit der herrschenden Nation zu sichern, eine Arbeit, die schon bedeutende Erfolge erzielt hatte, wurde durchdieses eine unbedachte Wort zunichte gemacht, um so mehr, als Chajes als Zionist bekannt war und die deutschen Zionisten seit Kriegsbeginn eine leidenschaftliche Hetze gegen die Polen führten, zum großen Gaudium und mit ausgiebiger Unterstützung Ludendorffs, ohne zu bedenken, daß niemand anderer als die Juden in Polen dieses Vergnügen würden sehr teuer bezahlen müssen. Besonders zeichnete sich darin Herr Nahum G o 1 d m a n n aus, der aus Rußland stammte, nach der Einnahme Warschaus durch die Mittelmächte (15. August 1915) in preußischem Patriotismus erglühte und, von anderen führenden Zionisten sekundiert, in der Frankfurter und der „Vossischen Zeitung" eine Reihe von Artikeln veröffentlichte, in denen er vorschlug, in Russisch-Polen, das nach dem Kriege natürlich an Preußen gegliedert werden sollte, die Juden als gesonderte Nationalität zu organisieren, deren Aufgabe es zu sein hätte, die politischen und wirtschaftlichen Interessen Deutschlands wahrzunehmen und zu überwachen! . . . Ludendorff wußte Goldmanns treue Dienste zu würdigen und räumte ihm ein Aemtchen mit 150 Mk. Monatsgehalt ein. Drei Jahre lang wurden, trotz aller Abmachungen und Warnungen diese Ideen mit allen denkbaren Mitteln propagiert, und nun kam zum Schluß die unbesonnene Aeußerung eines anderen prominenten Zionisten, der noch dazu Oberrabbiner von Wien war. Die traurigen Ereignisse vom November 1918 in Lemberg waren die direkte Folge dieser „rettenden" Tätigkeit der genannten Herren. Aber noch fast zehn Jahre lang hatten die Juden in Polen an der durch sie erzeugten Stimmung zu tragen. (Schluß folgt.) Positives und negatives Judentum. Zu Cbanuka 56S9. Von Dr. Adolf Altraann, Oberrabbiner in Trier. Mit Lob und Dank treten wir an unserem schönen Feste allabendlich vor die Menorah hin, zünden die Lichtlein an und wecken in unserem Geiste die geschichtliche Erinnerung an eine schwere, aber große Zeit in Israel. Wir sehen im Gedanken Not und Elend unseres Volkes vor uns aufsteigen, aber ebenso auch stolzes Heldentum und kühne Tatkraft, die sich im Scheine der Lichtlein vor uns spiegelt. Solche Gedenkfeiern haben immer etwas sehr Schönes und Rührendes an sich; was aber ist ihr Sinn? Längst vergangene Ereignisse werden aufgefrischt; aber wozu? Sind es nur Reflexionen, die weiter nichts wollen, als nur zu unserer Abwechslung schöne erbauliche Geschichten erzählen, oder ist es mit dem Chanukafest anders? Ist dieses auch nur „die Geschichte einer Begebenheit", oder ist es jedesmal eine ernste Mahnung, die eine alte, aber stets aktuelle Botschaft uns auch in die neue Zeit hineinbringt? Geschichtliche Erinnerungszeichen können von zweierlei Bedeutung sein; sie können eine bloß spielende, schöngeistige Tendenz besitzen, die sich Selbstzweck ist und zu nichts verpflichtet oder sie können ein nützliches, klares Spiegelbild des Einst für das Jetzt darstellen, den Schlüssel zur Erschließung gewisser Zeiterscheinungen abgeben. Ist Chanuku das erstere oder letztere? Wer den Geist des Judentums kennt, wird die Anwort nicht schwer finden. Das Judentum ist überall und immer, wo es auftritt, sei es in dem einfachsten Brauch oder in der höchsten gesetzlichen Forderung, vor allem Thora, Lehre, und auch seine Geschichte ist stets Lehre. Belehrung aus dem, was war, für das, was ist. „Betrachtet den Fingerzeig der Vergangenheit", so spricht uns auch die Chanukageschichte an „und erkennet daraus die Gegenwart." Nun können wir mehr als eines aus dem, was war, für das, was ist, vom Chanukafeste lernen, denn es ist der heilsamen Hinweise für uns voll, aber nur eine Seite davon wollen wir hervortreten lassen, weil darin am deutlichsten die Aehnlichkeit des Damals mit dem Jetzt zu erkennen ist, nämlich die Betrachtung der Ursache für die damalige jüdische Not und des Weges zu ihrer Ueberwindung. Man spricht heute so viel von jüdischer Not, und so manche Wege werden zu ihrer Ueberwindung in Vorschlag gebracht. Vielleicht zeigt uns eine Betrachtung des Damals in der Hinsicht am besten auch für das Jetzt, wo für manche unliebsame Erscheinung S. Griiners 353 Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon R 43-1.60 Vorzilgl. Wiener, ungarische und orientalische (rumänische) Küche. Mittag und Abend Menü nach Wahl. Erstklassige Getränke. 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