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Die Wahrheit · 1928-12-07 · Heft 49 (7.12.1928) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 49 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seft2 4 11 ""'">""" 'niHIlIHlHHIllIIIHfllllJfiflflM^^^ ßf|? WAHRHEIT in der H^rd c.och leider fehlt das geistige Sand. Freuen wir uns, daß es so ist, danken wir Gott, daß es nicht anders ist, es gereicht uns sicherlich zum Glück. Und wenn am Abend des 25. Kislew in unseren Häusern die Chanukahlichtlein erstrahlen und aus Millionen von Herzen Preis- und Dankeslieder zu Gott emporsteigen für die „Wunder", die Er einst vollbracht hatte an unseren Vätern „in jenen Tagen", dann unterlassen wir nicht, jenes noch viel größeren Wunders zu gedenken, das sich vollzieht an jenem Tage, in jeder Stunde, vor unseren Augen „in unserer Zeit". Jenes Wunder, das jedem denkenden Menschen die Erhaltung eines Gebildes ist, dem scheinbar alle sozialbiologischen Lebens- und Erhaltungsmöglichkeiten abgehen : Das Judentum, seit dem Chorban Habaith, die Verkörperung einer unlösbaren Antinomie. Chanukah und der Zionismus. Betrachtungen eines Unpolitischen. Als wir ^ifsifti J'nglinge im Kreise unserer polnischen kriegsrcmantisr^n Sc^-lkollegen von Freiheitskämpfen der unterdrückten vö^V;; ^inmten und die von Heldentum und Wallenrcdismrs «•es^e'ängerts Luft der polnischen Gymnasien atmeter ,\-2»e s'n?uch in unserer Brust die Sehnsucht nach einem rnt on:i-sr Ideale. So oft unsere christlichen K-meraden an :'f!Tin Fosciuszko- und Mickiewicz-Abenden, die just um d e Ct|f:t.'.ii< hzeit begangen wurden, mit schmetternden Töner der ü?£»endlichen Begeisterung und zukunftsfrcher Tatenlu-f ihre N> ttionalhelden priesen und sich selbst feierlich eis Fr-*?ct>=T and Vollstrecker des Vermächtnisses ihrer großen A'**n?n rr? entierten, überkam uns, die wir nur Eis stamme '-'jpcrri ond geduldete Waisenkinder diesen rauschenden K ^v-bi^zn beiwohnen durften, ein Gefühl des Ne'des and br--^-r^*.r Zurücksetzung und Minderwertigkeit, das so vor unserem sonstigen Ueberlegenheitsgefühl abstach welche* nirgends im Leben s:ch dem Juden so aufdrängt, w*;e cera Je im gemeinsamen Klassenzimmer. Hrben wir, sc g'ne es uns durch den Sinn, in unserer Geschichte nxht eh*v*r erhabene Heroen der Tat und des Geistes wie V c § c ' u? z k o und M i c k i e w i c z? Müssen wir denn ewig d;e Pr!* eines Aschenbrödels sp:elen? Können wir denn nicht unsere e?2enen Feste in eigenem Hause feiern? Und dr>, wie ge^aet, d'ese Feiern der anderen gerade auf die Chanukahzeit fielen so tauchte in uns wie von selbst die Erinnerung an die Hastronäer auf, die mit ihrem kleinen Häiifle:n ven iodesmutiz-n jüdischen Kriegern dem assyrischgriechischen "Weltreich die Stirne boten und unzählige Sie^e davontrugen. Jueendlicher Stolz, verletztes Ehrgefühl und selbstbewußte Wurde geboten, uns von den Polen national zu trennen und politisch, wenigstens während dieser Nation?. 1feier, selbständig zu machen. Hatten jene an ihren patriotischen Abenden :hre ehrenvolle Polle als Repräsentanten ihres Volkes und Herolde seiner Hoffnungen und Verheißungen, so wellten wir ein gleicher Faktor für unser Volk durch die Veranstaltung der Chanukah- und Makkabäerfeste werden. So wurde lange vor Herzl in den polnischen Mittelschulen im Wege des geistigen und ethischen Wettbewerbes der Zionismus geboren. _ Mit welchem Hochgefühl verglichen wir die „gestrigen" und örtlich begrenzten Ereignisse der polnischen Aufstandsbewegung mit unseren, in einen heiligen und altehrwürdigen welthistorischen Gloriensche'n gehüllten Hasmonäerkri°gen oder mit dem Ringen Barkochbas gegen das römische Wehimperium! „Es war sehr schön." An Rednern hat es uns nicht gefehlt. An jedem unserer Abende gab es regelmäßig drei große Reden: die Eröffnungsrede, die Hauptrede und die Festrede. Festredner war ein nachmaliger Reichsratsabgeordneter, ein mit einem donnernden Pathos begabter Jüngling, der, um sein Lieblingswort zu zitieren, die „Synthese" von ererbten, ins Nationale übertragenen Glaubensübereifer mit dem deklamatorischen Ueberschwang eines S l o w a c k i verkörperte, wie überhaupt der Zionismus, der damals in den polnischen Städten seinen Anfang nahm, ohne den Einfluß des polnischen Nationalismus undenkbar ist Die alten reifen Juden hatten allerdings für diese halbgojsche p a i d o k r atische Bewegung, die ihnen als entwürdigende Nachäftung unjüdischen Wesens erschien, nicht viel übrig, und ich erinnere mich noch lebhaft an die weißbärtigen Gesichter in den zionistischen Versammlungen, in denen sich fast immer nebst Neugierde mit nachsichtigem Wohlwollen gepaarte Ironie widerspiegelte. Dieser Eindruck einer Inkongruenz zwischen Zionismus und reifen jüdischen Menschen ist eine alltägliche Erscheinung, und schon mancher fragte, was aus dem Zionismus Herzl geworden wäre, wenn er das Grauwerden seines Bartes erlebt hätte. Es gibt ja gewiß auch alte Zionisten, die aus verschiedenen Gründen dem Ideale ihrer Jugendjahre treu bleiben; daß es aber nur ideologische Motive wären, welches dieses Wunder bewirken, kann man nicht behaupten. Das Alter verträgt sich jedenfalls schlecht mit dem Zionismus ... Interessant ist die Tatsache, daß der Kampf gegen die offizielle Vertretung der jüdischen Kultusgemeinde den Ausgangspunkt der ersten jüdisch-nationalen Betätigung bildete. Dieser Kampf war vorläufig ein rein akademischer, denn die „Eroberung der Kultusgemeinde" ist erst viel später in das zionistische Programm aufgenommen worden. Immerhin mußte die Kultusgemeinde den zionistischen Festrednern den Hauptgegenstand ihrer Attacken und Ausflüge in die Tagespolitik abgeben. Denn Seitensprünge in die Tagespolitik, die vom Haus aus mit dem Zionismus eigentlich nichts zu tun hatte, kamen schon damals vor, wie überhaupt der politische Appetit mit dem Essen, d. h. mit der Propaganda gekommen ist. Versetzten sich die Festredner „unwillkürlich" an den Tisch der Kultusvorsteher, so entlockten diese ihrer Brust die tiefsten Töne der Empörung und ihrer Zunge die prächtigsten Schlager. Es fiel mir schon damals auf, daß zwischen einer solchen Festrede und einer antisemitischen. Hetzrede ein mehr quantitativer als qualitativer Unterschied bestand, indem die Antisemiten den Personenkreis ihrer Angriffe nur etwas weiter auszudehnen pflegen. Der Zufall wollte es, daß gegenüber dem Festversammjungslokale das Kahalgebäude stand. Diese greifbare Nähe verleitete die Redner, die sich ganz in die Seele der mit Lysias, Nikanor, Gorgias, Bakchides heldenmütig kämpfenden Makkabäer versetzten, dazu, um an den entsprechenden Stellen ihrer Rede die Faust zu ballen und „Denen vis-ä-vis", diesen Assimilanten, Verrätern, Hellenisten die baldige Vernichtung anzusagen. Manche zionistische Politiker, die aus dieser Schule hervorgingen, sind mit dieser geistigen Ladung bis auf den heutigen Tag versorgt und ihre heutigen Elokubrationen tragen auch in der Form die ganze Eigenart jener ostgalizischen Makkabäerfeste aus den Neunzigerjahren. So kam es, daß während unsere polnischen Kollegen in ihren Reden mit den Moskalen und preußischen Hakatisten abrechneten, die Zionisten sich gegen den „inneren Feind" tapfer konzentrierten. Daß sie mangels eines sichtbaren äußeren Feindes sieji einen im Innern geradezu schaffen mußten, war selbstverständlich, wenn sie eine politische Partei werden wollten. Denn ohne Kampf keine Politik und ohne Feind kein Kampf. Woher soll das Unpolitischeste, weil unter allen Nationen zerstreute Volk eine_n politschen Feind nehmen, wenn nicht bei sich selbst? Einen Feind, einen Feind, ein Königreich für einen Feind! Der Antisemitismus? O, nein. Das ist ein Feind für die „Abwehrjuden", aber nicht gut genug für den Zionismus! Deshalb muß ja die „Assimilation", die schon tausendmal totgesagte, immer wieder ins Leben gerufen werden. Die natürliche Folge des Zionismus war daher die Spaltung, und nichts anderes als die Spaltung des Judentums. In der ersten Morgendämmerung erwartete man das Heil von der Durchdringung der jüdischen Massen mit den zionistischen Gedanken. Aber noch niemals hat die Welt einen so unfruchtbaren Gedanken erlebt. Wer ahnte damals auf der Schulbank, daß die Weltgeschichte den Unterschied zwischen der Erfüllbarkeit der polnischen und der jüdischen Hoffnungen so bald und so drastisch demonstrieren wird! Die künftigen jüdischen Juristen übersahen, daß zu einer Besitzergreifung zwei Dinge notwendig sind: corpus und animus, daß animus allein unzureichend ist und daß das palästinensische, in fremden Händen befindliche corpus durch keine diploma*

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