Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 49 (7.12.1928)
- Date
- 1928-12-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Stlte 2 wmmmmmmmm iiMflimh«^ q WAHRHEIT beweist, daß es nichts Ungeschichtlicheres gibt, als Chanukah zu einem nationalen Fest zu stempeln. Ja, eine wenn auch nur flüchtige Betrachtung der Form und der inneren Entwicklung des jüdischen Staatswesens zur Zeit der Makkabäer führt zu der Feststellung, daß der Begriff „national" in seiner heutigen, schroffen, exklusiven Bedeutung auf dieses Staatswesen überhaupt nicht angewendet werden kann. Denn das Bezeichnende an dem zweiten jüdischen Staate ist, daß er im Gegensatz zum ersten religiös orientiert ist, während das nationale Moment in den Hintergrund getreten war. Wie es in erster Linie die religiösen Interessen waren — sagt Schürer — welche den Antrieb zur Neubegründung gegeben haben, so war auch die Form des neuen Staatswesens mehr die einer religiösen denn einer politischen Gemeinde. Der Hohepriester war keineswegs nur der oberste Kultusbeamte, sondern auch das politische Oberhaupt des Staates. Auf dem Wege dieser seit Esra in Fluß geratenen Entwicklung, die den politischen Staat überdauert hat und das Judentum in die Form goß, in welcher wir es in der Mischnah und im Talmud vor uns sehen, bildet die Makkabäerzeit und das Chanukahfest ein weithin sichtbares Flammenzeichen. Wäre Chanukah eine bloße Erinnerung an die nationalen Heldentaten der Makkabäer, längst schon wäre das Andenken an jene Zeit geschwunden. In jeder Volksgeschichte gibt es nationale Gedenktage von der Bedeutung der Makkabäersiege. Einige Zeit werden sie begangen, dann sterben sie in der Seele des Volkes und fristen in den Geschichtsbüchern der Schulen ein mumienhaftes Dasein. Die Völkerschlacht bei Leipzig, die Schlacht bei Sedan waren gewiß bedeutungsvoll für die Geschichte Deutschlands. Wer durchlebt deren Andenken noch heute? Nicht anders wird es dem furchtbaren Völkerkriege ergehen, dessen schaudernde Zeugen wir gewesen. Chanukah aber lebt in ungeschwächter Kraft noch heute in Millionen jüdischer Herzen als leuchtendes Wahr- und Merkzeichen, daß einst vor ungefähr 2000 Jahren das jüdische Volk eine Krisis durchgemacht, die, wenn sie nicht überwunden worden wäre, zu einer Katastrophe geführt hätte, weit schrecklicher und folgenschwerer, als selbst der Verlust unserer politischen Selbständigkeit gewesen; die Krisis der Religion Israels, in der sein Genius den reinsten und wahrsten Ausdruck gefunden. Dieser Tatbestand wird von den historischen Quellen vollauf erhärtet. An allen den Stellen, an denen im Talmud und Midrasch von Chanukah die Rede ist, wird der religiöse Charakter desselben als selbstverständlich vorausgesetzt es als ein Fest bezeichnet, für welches dieselben halachischen Normen und Kategorien gelten wie für alle anderen Feste unseres Kalenderjahres. Vollends aber bei Josephus Flavius und in den Makkabäerbüchern werden die Makkabäersiege als ein Triumph der Religion Israels gegen die heidnische Welt hingestellt, der allerdings erst durch ein unvergleichliches Heldentum und Martyrium erfochten wurde. Heldentum und Martyrium, die selbst das zynische Rom, dem ja wie dem ganzen Altertum Kämpfe für das Ideal der Religion, etwas Unbekanntes waren, mit Staunen und Bewunderung erfüllten. Anschließend an die Worte im 3. B. M. „Und auch heute noch, wo sie im Lande ihrer Feinde sind, habe ich sie nicht verworfen", werden im Talmud in knappen und doch vielsagenden Worten die vier Gefahrenzonen gleichsam scheinwerferartig beleuchtet, durch die im Verlauf der Jahrtausende Israel und seine Lehre geschritten: Ich habe sie nicht verworfen zur Zeit der Chaldäer, da ließ ich ihnen erstehen Daniel und seine Genossen, nicht verworfen zur Zeit Hamans, denn ich ließ ihnen erstehen Mordeschai und Esther; nicht verworfen ttuilietcn Was können und müssen wir tun, um das Judentum zu erhalten und zu stärken? Von Dr. F. Kante r, Zwittau (Mähren) Folgende interessante Betrachtung ist dem soeben im Verlage Rimon in Basel erschienenen vortrefflichen Werke „Von Israels Lehre und Leben" entnommen, das den leider allzufrüh verschiedenen Basler Rabbiner Doktor A. Cohn zum Verfasser hat. Dieses schön ausgestattete Werk gehört zu den besten Neuerscheinungen auf dem Büchermärkte und wird das berechtigte Interesse nicht nur der Fachgenossen, sondern auch all der Kreise erregen, die Sinn und Verständnis für inhalts- und gedankenreiche Predigten und Aufsätze besitzen. Das vorliegende Buch ist eine so bedeutende Neuerscheinung, daß es sicherlich bald in jedem iüdischen Hause zu finden sein wird, um auf diese Weise das Andenken an den heimgegangenen Basler Rabbiner lebendig zu erhalten. Hier nur ein kleiner Auszug aus der Chanukkabetrachtung, betitelt „Das Chanukka- licht als Wahrzeichen". Was können und müssen wir tun, um.das Judentum zu erhalten und zu stärken? Das Chanukkalicht gibt uns darauf die Antwort. Mit Oel wurde es entzündet. Das Oel hat die Eigentümlichkeit, daß es sich mit anderen Flüssigkeiten nicht vermischt. Gießt man Oel in einen Krug mit Wasser, so scheiden sich die Oelteilchen sofort von der Wassermenge und sammeln sich über dem Wasser an. Unsere heiligste Pflicht ist es, unsere Religion in ihrer Eigenart und Besonderheit getreu zu bewahren . Eine schwere Aufgabe hat uns Gott damit auf die Schultern geladen. Wir sollen leben unter den Völkern, sollen handeln und wandeln mit ihnen, und doch sollen und müssen wir in dem Innersten unseres Wesens, in unserer Religion und Gottverehrung uns von ihnen absondern und anders sein als sie. Vor hundert Jahren begannen die sogenannten Reformbestrebungen im Judentum. Sie liefen darauf hinaus, unseren iüdischen Kultus nach den Geboten der zeitgenössischen, dem Wandel des Geschmackes unterworfenen Aesthetik umzuformen; statt der alten, innigen, hebräischen Gebete, welche um die Juden aller Länder das einigende Band schlingen. Gebete in der Landessprache zu setzen; die Synagogen ihrer Eigenart zu entkleiden und sie der Kirche ähnlich zu gestalten. Man hat es nicht verstehen wollen, warum die religiösen Führer unseres Volkes damals einen so großen Nachdruck darauf legten, daß kirchliche Instrumente in unseren Gotteshäusern nicht gespielt werden dürfen. Man hat darüber gelacht, daß sie sich auf das Wort der Heiligen Schrift beriefen: „In ihren Satzungen sollt ihr nicht wandeln," fremde religiöse Kulte und Gebräuche dürft ihr nicht nachahmen. Aber spricht aus den Erwägungen und Beschlüssen jener Großen in Israel nicht der Geist des Judentums? Haben wir doch unter allen